Pharmatests in der DDR "Das waren Geschäfte mit einem diktatorischen Staat"

Westliche Pharmakonzerne haben in der DDR massenhaft Pillen getestet. Ein Team um den Medizinhistoriker Rainer Erices stellt nun eine erste Bestandsaufnahme vor. Demnach wurde ein Teil der Versuche von Stasi-Spionen organisiert.

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"Straße der Besten - Mai 1976": Untersuchung eines Patienten
Charité Universitätsmedizin Berlin/ Institut für Geschichte der Medizin

"Straße der Besten - Mai 1976": Untersuchung eines Patienten


SPIEGEL ONLINE: Herr Erices, seit 2012 untersuchen Sie das Gesundheitswesen der DDR. Ein Schwerpunkt sind klinische Studien. In einer ersten Auswertung schreiben Sie nun, in der DDR seien die medizinischen und gesetzlichen Standards eingehalten worden. Ist damit für die betroffenen Patienten also alles gut gelaufen?

ZUR PERSON
  • Rainer Erices, Jahrgang 1969, ist Arzt. Seit 2010 arbeitet er am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Aktuelle Forschungsprojekte: Westgeld für Blut, Pillen und Knowhow - Valuta-Beschaffung im DDR und das DDR- Gesundheitswesen - Medikamententests westlicher Pharmafirmen in der DDR - eine historische Aufarbeitung

Erices: Grundsätzlich sehe ich die klinischen Studien westlicher Pharmahersteller in der DDR sehr kritisch. Es waren Geschäfte mit einem diktatorischen Staat, einem Unrechtsstaat. Die DDR war abhängig von Deviseneinnahmen. Ihr Außenhandel, konkret die Geheimabteilung Koko unter Schalck-Golodkowski, nahm die Hälfte der Umsätze bei diesen West-Ost-Geschäften für sich ein. Insofern spielten irgendwelche Gedanken an das Patientenwohl zunächst überhaupt keine Rolle. Ich gehe davon aus, dass davon die Bevölkerung nichts wusste - also ist primär erst einmal gar nichts gut an diesen Deals gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch bleiben Sie unentschlossen?

Erices: Innerhalb der eigentlichen Tests konnte ich keine systematisch-vorsätzlichen Vergehen der verantwortlichen Mediziner feststellen. Die Unterlagen zeigen, dass die Verantwortlichen immer wieder auf die Einhaltung des Arzneimittelgesetzes und seiner Richtlinien pochten und diese entsprachen durchaus internationalen Standards. Hier gab es also durchaus Kontrollmechanismen. Aber klar, Zweifel bleiben. Trotz umfangreicher Suche in den Akten haben wir keine einheitlichen Formulare dafür gefunden, die auch heute noch beweisen, bei Test X wurde Patient Y umfassend aufgeklärt. Nur ist das aus wissenschaftlicher Sicht kein Beweis, dass die Dinge unethisch abliefen. Genauso wenig verließen wir uns ja bei unserer Forschung auf Beteuerungen von beteiligten Ärzten, wonach selbstverständlich jeder Patient umfassend wusste, worauf er sich einließ.

SPIEGEL ONLINE: Ist keine weitere Aufarbeitung erforderlich?

Erices: Ich halte die Erforschung von einzelnen klinischen Medikamentenstudien für sehr wichtig. Beispielsweise von Tests in psychiatrischen Krankenhäusern oder auch jene an Schlaganfallpatienten in Altersheimen mit etlichen Todesfällen. Nur bin ich mittlerweile sehr skeptisch, ob hierzu genügend Aktenmaterial überliefert ist. Für eine historisch sichere Einschätzung sind wir auf jene Papiere, also spezielle Studienunterlagen und dazugehörige Patientenakten, zwingend angewiesen. Außerdem sollte sich weiter mit der Rolle der DDR-Staatssicherheit im Umfeld der Tests intensiv befasst werden. Es gibt hier massenhaft Aktenmaterial. Dieses belegt unter anderem, dass wichtige Verantwortliche für die Organisation der Tests Spione der Stasi waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren in Ihrer Studie die Rolle der Medien bei der Aufarbeitung der Ereignisse. Auch die des SPIEGEL?

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Pharmalabor DDR: „Geschäfte westlicher Firmen mit einem diktatorischen Staat“
Erices: In unserer Studie kritisieren wir die Rolle der Medien aus wissenschaftlicher Sicht. Es wurden teilweise Zusammenhänge hergestellt, die - medizinisch gesehen - nicht korrekt sind. Das tut der neutralen Aufarbeitung keinen Gefallen. Aber auch ich muss mich fragen, wo wir ohne jene Berichterstattung wären. Es geht bei diesem Thema auch um aktuelle gesellschaftliche Fragen, über die berichtet werden muss. Der SPIEGEL hat ein bis dahin unerledigtes Thema international auf die Tagesordnung gebracht. Die Wirkung war enorm, gemessen an den Folgeberichten in allen Medien. Warum gab es jenen Aufschrei nach der medialen Berichterstattung? Schlichtweg weil viele Menschen noch nie etwas von derartigen Medikamententests gehört hatten.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Studie kritisieren Sie die Formulierung, in der DDR seien Menschen als Versuchskaninchen benutzt worden. War es nicht so?

Erices: In den Stasi-Unterlagen finden sich immer wieder Einschätzungen von damals beteiligten Ärzten, die DDR würde ihre Patienten als Versuchskaninchen missbrauchen. Das unterstellt, dass es sich bei den Patienten um unwissende Menschen handelte. Genau das konnten wir bei unserer Studie nicht nachweisen. Wir haben Indizien, dass die Patienten nicht in jedem Fall aufgeklärt wurden, aber wir haben keine Beweise für eine dementsprechende systematische Vorgehensweise. Insofern würde ich den Begriff nicht verwenden.

SPIEGEL ONLINE: Gleiches gilt für den Begriff "Menschenversuch"?

Erices: Das sehe ich ähnlich in diesem Zusammenhang. Natürlich waren die Tests Versuche an und mit Menschen. Aber ich verbinde den Begriff Menschenversuch mit den Verbrechen von selbstherrlichen Ärzten in KZ, die Experimente an Häftlingen vornahmen, bei denen der Tod der Probanden nicht nur billigend in Kauf genommen wurde, sondern Ziel war. Das hat nun wirklich nichts mit den klinischen Prüfungen in der DDR zu tun - hier läuft man Gefahr, Naziverbrechen zu bagatellisieren. Vielleicht ist das natürlich nur eine begriffliche, also akademische Diskussion, nur sind eben jene jüngsten DDR-Themen in der Regel heikel. Da müssen Forschung und auch Medien mit der Wortwahl behutsam umgehen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Studie ist von "mindestens 14.000 DDR-Patienten" die Rede, die an Test teilnahmen - allein in den Achtzigerjahren. Die Versuche begannen allerdings schon Anfang der Siebziger und endeten erst mit der deutschen Einheit im Oktober 1990. Der Medizinhistoriker Volker Hess hat die Zahl höher, auf rund 50.000 veranschlagt. Gibt es eine Dunkelziffer?

Erices: Wir haben uns bemüht, eine annähernd korrekte Zahl für die Zeit zwischen 1983 und 1990 herauszufinden, was sehr mühsam war. Denn wir fanden keine schönen Übersichten in den Akten des DDR-Gesundheitswesens, sondern eine Vielzahl von Unterlagen mit Verträgen, Abrechnungen, Plänen, Korrekturplänen. Die Achtzigerjahre waren die Hochzeit jener Medikamentenprüfungen gegen Devisen. Sicher ist ebenso, dass es davor eine Vielzahl von derartigen Testreihen in der DDR gab. Dazu finden wir in Stasi-Akten seitenlange Listen. Aber: hier fehlt, jedenfalls noch, eine Systematik. Ich rechne inzwischen mit rund 20.000 beteiligten Patienten insgesamt. Aber das ist aus meiner Sicht nicht bewiesen. Zumindest ist klar, dass das kein Randphänomen war, und die Bevölkerung hätte davon umfassend in Kenntnis gesetzt werden müssen. Nebenbei gesagt: Es war für uns durchaus überraschend, dass die Tests bis hinunter in kleine Ambulatorien durchgeführt wurden, also flächendeckend in der DDR.



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juergw. 03.11.2014
1. Unglaublich..
Stasi Spione haben Westliche Pharmakonzerne genötigt, in der DDR ihre Pillen an deren Bewohner zu testen. Wieder etwas neues aus dem Unrechtsstaat.
StFreitag 03.11.2014
2. Soweit ich
mich erinnere, waren diese Versuche weithin bekannt. Es war bekannt, daß es in einigen Krankenhäusern "Westmedikamente" gab, die "ausprobiert" wurden, was man wohl auch ablehnen konnte. Ich erinnere mich deutlich an Gespräche mit diesem Inhalt.
bumminrum 03.11.2014
3. hier fehlt doch die
zweite Seite völlig. Wenn neue Medikamente erprobt werden können doch auch die Patienten einen Nutzen haben. Das ist ja das Ziel der Untersuchungen. Nur auf Menschenversuche und Devisen abzuheben wird den Fakten überhaupt nicht gerecht. Das ist wie immer nur eine einseitige Sichtweise.
brille000 03.11.2014
4. Wer hat davon provitiert?
Nun, von westlicher Seite aus natürlich die entsprechenden Pharmakonzerne. Auf DDR-Seite gab es aber solche nicht, es konnten keine Einzelpersonen daran unmittelbar verdienen, wie es hier möglich gewesen wäre. Der Erlös floss in's Staatssäckel und kam dadurch allen zu Gute. Man sollte sich aber schon mal ans eigene Näschen fassen, wenn es um Missbrauch von Patienten geht. In Oldenburg läuft gerade ein Prozess gegen einen mutmasslichen Massenmörder, auf dessen Konte über 200 Morde gehen könnten. Als Pfleger hatte dieser seine Opfer totgespritzt, was keinem aufgefallen war. Schaut doch mal hier vorbei ... .
never-stop 03.11.2014
5. Reicht es dann mal -
- mit gruseligen DDR-Kamellen? Rot-Rot-Grün kommt trotzdem! Die aktuelle Aufregung und Betriebsamkeit bis hinauf zum BuPrä verstehe ich auch nicht ganz, denn es gab doch schon Linke in Landes-Regierungen. Der Ministerpräsident hat auch keine diktatorischen Vollmachten. Weil jetzt die Grünen mit von der Partie sind? Keine Angst, die sind schon so staatstragend wie die FDP.
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