Doktor Reddy: Der König im System

Doktor Reddy macht einen guten Schnitt: Der Augenarzt aus Bangalore rekrutiert unter seinen Patienten Testpersonen, die an Studien von Pharmaunternehmen teilnehmen. Kritiker verurteilen dieses Vorgehen auf das Schärfste, doch die Praxis des ehrgeizigen Mediziners floriert.

Studienarzt in Indien: Doktor Reddy macht Karriere Fotos
Nicola Kuhrt

Medikamententests können Menschenrecht verletzten: "Vergessen Sie nie die besondere Situation derer, die sich hier für Tests zur Verfügung stellen", sagt die indische Filmemacherin Jayahsree. So mancher würde gegen Geld auch seine Organe verkaufen. Was tut ein solcher Mensch für ein wenig Hoffnung auf Heilung? Viele Testpersonen könnten gar nicht lesen und schreiben. Verstehen sie, was der Arzt ihnen erklärt?

Es interessiert sie gar nicht, sagt Sanjay Reddy. Der Augenarzt in Bangalore hat Karriere gemacht. Seit nunmehr fünf Jahren koordiniert er klinische Studien für Pharmakonzerne, die Branche nennt diese Mediziner "Studienleiter". Hat er Patienten, die zum Design einer geplanten oder laufenden Studie passen, kann er sie anwerben und in die Tests einschließen. Eine Praxis, die der bekannte indische Medizinethiker Amar Jesani auf schärfste verurteilt: Der behandelnde Arzt sollte nicht gleichzeitig der sein, der Freiwillige rekrutiert.

Oft bekämen die Ärzte eine Prämie pro Patient oder würden anders begünstigt, etwa durch kleine Geschenke, Einladungen zu Kongressen, Reisen. "Dadurch kann der Arzt doch gar nicht mehr neutral agieren", sagt Jesani. Statt Zeit in die Behandlung und die Forschung zu investieren, konzentriere er sich nur darauf, weitere Patienten anzuwerben.

Doktor Reddy kennt die Kritik. Alles Blödsinn, sagt er. Er habe vielmehr den Vorteil, seinen Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Zu Reddys Auftraggebern zählen internationale Konzerne wie Roche oder Boehringer Ingelheim. Er nimmt den Job ernst, ist ehrgeizig, erst vor zwei Jahren hat er seine Praxis um eine komplette Etage erweitert. Ganz nach oben gelangen nur die Patienten, die an Studien teilnehmen. Unten die normalen Patienten, oben die Studienteilnehmer. Innen wirkt alles modern, im Innenhof hängt Wäsche an Leinen, Hühner gackern im Müll.

"Ich brauche viel Platz", sagt Reddy. In kleinen Arbeitskabinen schreiben drei Frauen Studienprotokolle, direkt daneben reihen sich graue Stahlschränke für die vielen Unterlagen, die ausgefüllt und zwecks Dokumentation aufbewahrt werden müssen. Stolz klopft Reddy auf einen der grauen Metallschränke. Reingucken darf aber keiner. "Datenschutz", sagt er.

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nik

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