"Tatort"-Thema K.-o.-Tropfen Filmriss aus dem Cocktail-Glas

Amnesie durch K.-o.-Tropfen: Unsichtbare Drogen in Drinks enthemmen und schalten zugleich die Erinnerung an Erlebtes aus. Neues bleibt nur für wenige Minuten im Gedächtnis - mit fatalen Folgen, wie der "Tatort" am Sonntag gezeigt hat.

Gefährlicher Cocktail: K.-o.-Tropfen, Alkohol verstärkt die Wirkung
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Gefährlicher Cocktail: K.-o.-Tropfen, Alkohol verstärkt die Wirkung


Der jüngste "Tatort" mit Lena Odenthal war diesmal besonders unappetitlich: In der Wohnung eines gerade fertiggestellten Hauses wird der Architekt tot aufgefunden - mit einer Champagnerflasche im After. Verschiedene Frauen tauchen im Zuge der Ermittlungen auf: Neben der Ehefrau des Toten beschäftigt sich Odenthal auch mit einer Studentin, die angeblich vom Architekten vor dessen Tod mit K.-o.-Tropfen bewusstlos gemacht wurde, um vergewaltigt zu werden.

Was aber genau machen K.-o.-Tropfen mit dem Körper? Weshalb können sich die Opfer nicht mehr erinnern, was ihnen passierte, während sie bewusstlos waren? Hier die wichtigsten Antworten:

Was sind K.-o.-Tropfen?

K.-o.-Tropfen sind Drogen, die einen Menschen bewusstlos, hilflos oder handlungsunfähig machen. Das können rezeptpflichtige Beruhigungsmittel und Psychopharmaka aus der Gruppe der Benzodiazepine sein, etwa Flunitrazepam (Handelsname Rohypnol), Alprazolam (Handelsname Xanax) oder Diazepam (Handelsname Valium). In der Medizin werden die Mittel als Narkose- oder Beruhigungsmittel eingesetzt. Weitere Substanzen, die von Straftätern als K.-o.-Tropfen genutzt werden, sind Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB) oder dessen Vorstufe Gamma-Butyrolacton (GBL - Vorstufe von GHB) - in der Partyszene bekannt unter "Liquid Ecstasy", "Liquid E", "Liquid X" bekannt. Manche dieser Medikamente sind flüssig, es gibt sie auch als Pulver oder Tabletten.

Wie wirken K.-o.-Tropfen?

Die erste Wirkung der K.-o.-Tropfen setzt 10 bis 20 Minuten nach der Einnahme ein. Alkohol- und Drogenkonsum verstärken die Wirkung. Die Substanzen beeinträchtigen das Erinnerungsvermögen oder setzen es außer Kraft. Vielen Betroffenen wird schwindelig oder übel.

Die K.-o.-Tropfen wirken zunächst euphorisierend und je nach Mittel auch enthemmend. Wie die Opferhilfe Berlin berichtet, erinnern sich viele Betroffene, dass sie zunächst ungebremst flirteten oder stark auf ihre Begleitpersonen eingeredet haben. Sie konnten eine Zeitlang noch normal reden und sich bewegen.

Nach der anfänglichen Euphorie setzt bei entsprechend hoher Dosierung eine plötzliche Müdigkeit ein. Die Opfer fallen in einen tiefen Schlaf oder werden sogar bewusstlos. Meist kommen sie erst Stunden später wieder zu sich.

Warum können sich die Betroffenen nicht erinnern?

Wer K.-o.-Tropfen gibt, verfolgt insbesondere zwei Ziele: Er möchte, dass sein Opfer seine Angst verliert und Dinge tut, die es sonst nicht zulässt. Das schaffen bestimmte Rauschmittel, weil sie unter anderem auf das Belohnungssystem des Menschen einwirken, sagt sagt Thomas Daldrup, Leiter der Forensischen Toxikologie der Uniklinik Düsseldorf.

Das zweite Ziel: Das Opfer vergisst, was ihm passiert ist. Mediziner sprechen von "anterograder Amnesie", denn das eingesetzte Mittel bewirkt, dass das Erinnerungsvermögen der Opfer nicht oder nur eingeschränkt funktioniert. So werden neue Dinge nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert und schnell vergessen. Betroffene können sich daher an zurückliegende Ereignisse meist nicht mehr erinnern. Deshalb wissen viele Opfer beispielsweise nicht mehr, wie sie nach Hause gekommen sind.

Wie kann man sich schützen?

Nagellack, der vor K.-o.-Tropfen warnt und Vergewaltigungen verhindert: Die Idee von US-Studenten wurde erst kürzlich auf Facebook, Twitter und in vielen Zeitungen debattiert - doch leider ist das Produkt noch lange nicht auf dem Markt, vor allem weil noch nicht einmal klar ist, wie der ominöse Nagellack überhaupt funktionieren sollte.

"Das ist nichts weiter als ein Facebook-Hype", erklärt Fritz Sörgel, Direktor des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Einfache Systeme wie etwa Stäbchentests könnten zwar als K.-o.-Tropfen verwendete Stoffe nachweisen, etwa Benzodiazepine, Ketamin oder die auch als "Liquid Ecstasy" bekannte Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB). "Solche Systeme haben Zuverlässigkeitstests aber selten überstanden", so Sörgel. Besonders schwierig werde es, wenn die K.-o.-Tropfen sich in Getränken mit Milch, Fruchtsäften und anderem vermischten.

Zudem kommen für K.-o.-Tropfen längst nicht nur Benzodiazepine, Ketamin und GHB in Frage, sondern auch Neuroleptika, sogenannte Anticholinergika wie etwa Atropin, Barbiturate, Chloralhydrat oder das Schlafmittel Zolpidem. "Dass ein Nagellack auf all diese Substanzen zugleich reagiert, ist vollkommen ausgeschlossen", sagt Sörgel.

nik

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
BMerkenswert 27.10.2014
1.
Wie schade, wenn ich das gewusst hätte, hatte ich mir solche Tropfen einverleibt und diesen langweiligen und vorhersehbaren Tatort nun also vergessen.
twister-at 27.10.2014
2. Wie kann man sich schützen?
Tja, diese Frage bleibt leider offen. Im Endeffekt hilft nur das, was schon immer gesagt wurde: Drinks nicht unbeaufsichtigt lassen, Zigaretten nicht von jedem annehmen usw.
chestbaer 27.10.2014
3. sicher gibt es fälle...
aber gerade GHB, das vermutlich für KO tropfen das wirksamste Profil zeigt, hat einen ziemlich deutlichen (kleberähnlichen) Geruch und Geschmack. Das kann man nicht so einfach in einen Cocktail oder eine Bierflasche in ausreichender Dosis mischen ohne dass jemand das bemerkt... Erscheint mir eher ein medialer Hype, Alkohol in hoher Dosis bewirkt ja ähnliches und ist leichter verfügbar...
twister-at 27.10.2014
4. Wie kann man sich schützen?
Tja, diese Frage bleibt leider offen. Im Endeffekt hilft nur das, was schon immer gesagt wurde: Drinks nicht unbeaufsichtigt lassen, Zigaretten nicht von jedem annehmen usw.
zzipfel 27.10.2014
5. Sowas passiert oft -
hier ist es nur rausgekommen, weil ein Politiker als Trieb-Täter darin verwickelt war - und der Vater des Opfers als Kriminalist für eine schnelle Blutuntersuchung gesorgt hat: http://www.taz.de/Ko-Tropfen/!105122/
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