Wer unter Migräne leidet, kennt das Phänomen: Wird es richtig hell, drohen die ohnehin starken Schmerzen unerträglich zu werden. Jetzt haben Wissenschaftler den möglichen Grund dafür herausgefunden: Spezielle lichtsensitive Rezeptorzellen in der Netzhaut schicken ihre Signale über den Sehnerv direkt zu den Nervenzellen im Gehirn, die bei Migräne aktiv sind. Durch die Impulse werden die Neuronen innerhalb von Sekunden aktiv - und bleiben es auch, weshalb sich die pulsierenden Kopfschmerzen selbst in dunklen Räumen noch 20 bis 30 Minuten lang verstärken, schreiben Rami Burstein von der Harvard Medical School in Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) im Fachblatt "Nature Neuroscience".
Burstein und seine Mitarbeiter hatten bei einem Vergleichstest festgestellt, dass selbst manche blinde Migränepatienten Licht meiden. Sie konnten zwar nichts oder fast nichts mehr sehen, nahmen aber unbewusst noch bestimmte Lichtreize wahr. So reagierten ihre Pupillen zum Beispiel auf Lichtveränderungen und auch ihr Schlaf-Wachrhythmus, der über die wechselnden Lichtverhältnisse bei Tag und Nacht gesteuert wird, war noch intakt. Bei Blinden, denen das gesamte Auge fehlte oder der optische Nerv, der das Auge mit dem Gehirn verbindet, verschlimmerte Licht die Migräne nicht.
Der Mechanismus für die Lichtabneigung, so die Schlussfolgerung, musste also mit dem Sehnerv verbunden sein sowie den einzigen noch intakten Helligkeitssensoren: den Lichtrezeptoren mit Melanopsin. Dieses Protein ist an der Kontrolle von Wach- und Schlafzustand beteiligt.
Die Wissenschaftler untersuchten daraufhin an Ratten die Nervenverbindungen zwischen Auge und Gehirn genauer. Im Labor spritzten sie einen Farbstoff in die Augen der Versuchstiere. Ausgehend von den angeregten Melanopsin-Lichtrezeptoren entstand ein Fluss von elektrischen Signalen genau zu den Migränenervenzellen im Thalamus. Dieser Gehirnbereich entscheidet, welche Informationen die Großhirnrinde erreichen und so ins Bewusstsein gelangen.
Die schnelle Aktivierung der Nervenzellen erklärt nach Ansicht der Wissenschaftler auch, warum Patienten darüber klagen, dass sich ihre Kopfschmerzen innerhalb von Sekunden unter Helligkeitseinfluss verstärken. Nun soll nach Wegen gesucht werden, den Signalfluss zu blockieren, so dass Migränepatienten wenigstens ihre Lichtphobie ablegen können.
Migräneattacken gehen einher mit halbseitigen Kopfschmerzen sowie häufig mit Licht- und Lärmüberempfindlichkeit, Übelkeit, Sehstörungen und neurologischen Ausfällen. Als Auslöser der Migräne werden bestimmte Nahrungsmittel, Schlafmangel, Stress und hormonelle Einflüsse diskutiert - nach gängiger Meinung wird die Hirnhaut gereizt, was wiederum Schmerzrezeptoren und damit Nervenzellen im Gehirn stimuliert.
mbe/ddp/dpa
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