Angekündigte Kopftransplantation "Das geht schief"

Der italienische Neurochirurg Sergio Canavero möchte den Kopf eines kranken Menschen auf einen gesunden Körper transplantieren. Seine Pläne präsentierte er nun auf einem US-Kongress. Ein Blick ins Operations-Protokoll.

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"Wenn Sie das gehört haben, wird die Welt für Sie nie wieder dieselbe sein." Mit diesem Versprechen beginnt der italienische Neurochirurg Sergio Canavero im September 2014 eine Rede, die Experten schaudern lässt. Im Jahr 2017 will der Mediziner einem geistig gesunden, aber körperlich kranken Menschen den Körper eines Hirntoten transplantieren. Einen freiwilligen Empfänger hat er schon gefunden.

Abstoßungsreaktionen, die Durchblutung des Kopfes, durchtrennte Nerven - der Eingriff, den sich Canavero ausmalt, und dessen Ablauf er jetzt auf der Konferenz der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons in Annapolis vorgestellt hat, birgt viele Schwierigkeiten. Die größte Hürde ist, das Rückenmark von Spender und Empfänger zu verbinden, sodass der Kopf den Körper steuern kann.

In zwei Protokollen (hier und hier) beschreibt Canavero, wie er schaffen will, woran die Wissenschaft bis heute scheitert. Die wichtigsten Ideen und ihr Schwachstellen im Überblick.

Abstoßung des Kopfes und Blutversorgung

Das Problem der Abstoßung könnte Canavero noch am ehesten in den Griff kriegen: Medikamente, die verhindern können, dass das Immunsystem fremdes Gewebe bekämpft, werden bereits mit Erfolg bei Organtransplantationen eingesetzt. Dass sie auch bei der Kopftransplantation wirken, ist grundsätzlich denkbar.

Deutlich schwieriger dürfte es werden, den Blutkreislauf zusammenzulegen. Um Hirnschäden durch Sauerstoffmangel zu verhindern, will Canavero seinen Patienten von den normalen 37 Grad Körpertemperatur auf 12 bis 15 Grad herunterkühlen. Die Zellen gehen dann in eine Art Standby-Modus und brauchen weniger Energie. So hofft der Chirurg, Zeit zu gewinnen, um den Kopf an die Blutversorgung des fremden Körpers anzuschließen.

In abgemilderter Form - mit etwa 32 Grad - wird diese Technik bereits bei plötzlichem Herzstillstand angewendet, um Hirnschäden zu vermeiden. Dass das Hirn den langen Sauerstoffmangel bei der Transplantation unbeschadet übersteht, scheint dennoch unwahrscheinlich. "Ich gehe davon aus, dass es zu einem Schlaganfall kommt", sagt Veit Braun, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie.

Verbindung zwischen Kopf und Körper

Als wäre das Vorhaben so nicht riskant genug, steht Canavero mit der Verbindung von Gehirn und Rückenmark vor einer noch größeren Herausforderung, wobei seine Erklärung dazu zunächst einleuchtend klingt: Mit einem geraden, scharfen Schnitt will er die Verletzungen am Rückenmark möglichst gering halten.

Auf einem Ted-Talk, den er im September 2014 hielt, veranschaulicht Canavero sein Vorhaben mit einer Banane, die er in der Hand zerquetscht, das Fruchtfleisch quillt nach außen. Der Versuch soll einen Unfall mit Querschnittlähmung als Folge simulieren. Die dabei entstehenden Verletzungen, sagt der Neurochirurg selbst, seien "nicht heilbar".

Mit einem Küchenmesser schneidet Canavero eine zweite Banane durch, die Schnittfläche ist sauber. Durch die wesentlich geringeren Kräfte werden die Nerven geschont, erklärt er. Das Grundproblem aller Rückenmarksverletzungen kann das jedoch nicht lösen: Nervenfasern wachsen von allein nicht wieder zusammen. Hier greift der nächste Teil seines Planes.

Fusion: Polyethylenglykol als Brücke

Die Chemikalie Polyethylenglykol (PEG) soll die Nervenlücke zwischen Gehirn und Körper überbrücken. Auf die Idee gebracht hat Canavero eine Studie von 2014, in der Forscher Nervenfasern querschnittsgelähmter Ratten wieder zum Wachsen angeregt haben. Die Beweglichkeit der Tiere verbesserte sich deutlich, wieder zusammengewachsen sind ihre durchtrennten Nervenfasern aber nicht.

"Das wäre für Querschnittsgelähmte auch der falsche Ansatz", sagt Hans Werner Müller vom Molecular Neurobiology Laboratory der Universität Düsseldorf, der die PEG-Studie geleitet hat und im Vorfeld mehrfach mit Canavero telefoniert hat. "Die abgetrennten Faserenden im Körper sterben nach kurzer Zeit ab, wenn sie nicht mehr mit der Nervenzelle im Gehirn verbunden sind."

Stattdessen wuchsen durch PEG neue Nervenfasern aus dem Gehirn durch die Lücke im Rückenmark. Dort aktivierten sie andere Nervenzellen, die etwa Bewegungen in den Beinen steuern. Der Ansatz sei durchaus vielversprechend, sagt Müller. Davon, dass das Gehirn den Körper nach der PEG-Behandlung wieder normal steuert, sei man aber weit entfernt. "Was Canavero da vor hat, geht schief, das habe ich ihm auch so gesagt."

Bislang ist lediglich ein Versuch bekannt, bei dem Nervenzellen eines Menschen wieder zum Wachsen gebracht wurden. 2014 berichteten polnische Forscher, dass sie einem Querschnittsgelähmten zu ersten Schritten verholfen hatten. Mit Nervenzellen aus der Nase gelang es ihnen offenbar, eine neue Verbindung zwischen Nervenzellen in Kopf und Rückenmark zu schaffen.

"Für den Patienten ist das ein großer Erfolg", sagt Neurochirurg Braun. "Aber es handelt sich um den weltweit ersten und bislang einzigen Menschen, bei dem es geklappt hat."

Strom fürs Rückenmark

Auch aufgrund dieses Einzelfalls nimmt Canavero an, dass es ausreicht, zehn bis zwanzig Prozent der Nervenfasern wieder in Kontakt zu bringen, um nach der Kopftransplantation Bewegungen zu ermöglichen. Dem Rückenmark schreibt er dabei eine bedeutende Rolle zu: "Das Rückenmark ist kein Sklave des Gehirns", erklärt er. Die dort sitzenden Nervenzellen enthielten die Anleitungen für alle wichtigen Bewegungen.

Sollte PEG nicht gut genug funktionieren, will der Forscher die fehlenden Signale aus dem Gehirn durch künstliche Impulse ersetzen. Tatsächlich haben Forscher um Susan Harkema von der University of Louisville 2014 gezeigt, dass das Rückenmark zumindest begrenzt komplexere Bewegungen steuern kann.

Sie pflanzten vier Querschnittsgelähmten Elektroden aufs Rückenmark. Stromstöße, die die Patienten mit einem Gerät von außen steuern können, simulieren Nervenimpulse aus dem Gehirn. Nach einem Bewegungstraining konnten die Patienten ihre Beine wieder bewegen, mindestens einer konnte wenige Minuten ohne Hilfe stehen, wenn er sich mit seinen Armen festhielt. Doch so wichtig und hoffnungsbringend die Ergebnisse sind - sie zählen zur Grundlagenforschung.

Trennung vom Atemzentrum

Alle Techniken, auf die sich Canavero bezieht, haben das Potenzial, Querschnittsgelähmten zu helfen. Jedoch ist keine ausgereift. "Keine einzige Idee funktioniert zuverlässig", sagt Braun. Hinzu kommt, dass Canavero plant, die Wirbelsäule an einem extrem hohen Punkt zu durchtrennen, sodass er selbst die Kontrolle des Hirns über die Atmung unterbricht.

"Die Wirbelsäule wird er nicht heilen, egal, ob er einen graden Schnitt macht oder nicht", so Braun. "Wenn technisch gesehen alles gutgeht, hat man am Ende einen lebenden Kopf, der keine Kontrolle über seinen Körper hat." Der Patient werde nicht selber essen, nicht selber atmen, nicht selber reden und auch nicht auf Toilette gehen können.

Der Experte geht jedoch davon aus, dass es so weit nie kommen wird. Neben ethischen Problemen und hohen Kosten - die Rede ist mitunter von etwa zehn Millionen Euro - sieht Braun große Hürden, ein OP-Team zu finden, das Canaveros Thesen unterstützt: "Er bräuchte einen Gefäßchirurgen, einen Anästhesisten und viele weitere Helfer", sagt Braun. "Zwei oder drei Spinner findet man immer. Aber nicht dreißig."

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Seite 1
Eduschu 13.06.2015
1.
Wenn der Mann den einleitenden Satz wirklich so gesagt hat, dann ist klar, was hier vorgeführt wird. Ein Schmierenstück eines Scharlatans. Würde mich nicht wundern, wenn die "Operation" so erfolgte, dass man nicht erkennen kann, ob da wirklich ein Kopf transplantiert wird, oder ob der Körper von Beginn an komplett war.
noalk 13.06.2015
2. abartig
Mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein. Doch, das noch: Alles, was denkbar ist, wird irgendwann gemacht.
DorianH 13.06.2015
3.
Selbst wenn das klappen würde, stellt sich ja noch eine andere Frage: Wer ist dieser Operierte dann? Ist er der, dem vorher der Kopf gehörte? Oder der, der den Körper "stiftet"?
kinngrimm 13.06.2015
4. Darm = Langzeitgedächtniss ?
Vor einigen Jahren ist eine Studie zu dem Schluß gekommen das in dem Nervengewebe welche sich in einer Millimeter dicken Schicht rund um den DArm legt, bestehend aus den gleichem Gewebe Material wie das Gehirn, das innherhalb dessen sich ein Teil unseres Langzeitgedächniss liegt. Angenommen dies ist wahr, so werden die Erhafarhungen zweier Menschen miteinander verbunden wobei diese Erfahrungen ersteinmal keine Korrelation zueinander eingehen können. Erfarhungen sind etwas Individuelles. Somit könnte man sagen, anstatt einen Menschen zu Helfen, wird ein neuer dritter Mensch aus 2 unterschiedlichen als Basis geformt.
sebastian.teichert 13.06.2015
5. Hmm
Wer es ist, ist einfach. Da man einen hirntoten als spendekörper nehmen würde, wäre der so oder so tot. Ich finde es ja auch verwerflich. Einerseits. Aber das gleiche hat man am Anfang der Chirurgie auch gesagt! Wenn ich Querschnittgelähmt wäre und es 1:1000 steht das es klappt würde ich es wohl auch versuchen. Aber gut das ihr "gesunden" euch eine Meinung erlaubt. -.-
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