Krankenhauskeime Desinfektionsmittel können Antibiotika-Resistenzen auslösen

Gefahrenquelle im Krankenhaus: Desinfektionsmittel können bei Bakterien offenbar die Entwicklung von Resistenzen gegen Antibiotika fördern - selbst wenn die Erreger nie zuvor mit den Medikamenten in Kontakt gekommen waren. Das zeigen Experimente irischer Forscher.

Krankenhaus (in Bonn, März 2006): Gefährliche Resistenzen durch Desinfektionsmittel
DPA

Krankenhaus (in Bonn, März 2006): Gefährliche Resistenzen durch Desinfektionsmittel


Reading - In Deutschland sterben jedes Jahr zwischen 10.000 und 15.000 Menschen, weil sie sich im Krankenhaus eine schwere Infektion zugezogen haben. Mitschuldig daran sind auch Bakterienstämme, die gegen Antibiotika resistent sind. Irische Forscher haben nun einen bisher unbekannten Mechanismus gefunden, wie solche gefährlichen Stämmen entstehen können: Stimmen die Erkenntnisse der Wissenschaftler, dann dürfte nicht nur der falsche Einsatz von Antibiotika an den Resistenzen schuld sein, sondern auch der Gebrauch von Desinfektionsmitteln.

Denn diese Chemikalien können bei Bakterien offenbar die Entwicklung von Resistenzen gegen Antibiotika fördern. Forscher um Gerard Fleming von der National University of Ireland in Galway berichten im Fachmagazin "Microbiology" von ihren Untersuchungen mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa. Der Erreger ist häufig im Krankenhaus zu finden und vor allem für Patienten mit ohnehin geschwächtem Immunsystem gefährlich. Er siedelt gern in Biofilmen in der feuchten Umgebung von Waschbecken, Duschen und Toiletten.

Schon seit einigen Wochen wissen Forscher, dass die Bakterien über ein Kommunikationssystem andere Bakterien warnen können, sobald sie von Zellen des Immunsystems angegriffen werden. Sind die Bakterien gewarnt, bilden sie Rhamnolipide - bestimmte Moleküle, die sich auf ihrer Angriffsfläche anlagern und so ein Schutzschild gegen die Immunzellen aufbauen.

Nie zuvor mit Antibiotikum in Kontakt gekommen

Auch gegen andere Bedrohungen haben die Erreger wirksame Waffen, wie sich nun herausstellt: Die Wissenschaftler um Fleming setzten den Bakterienstamm steigenden Konzentrationen des Desinfektionsmittels Benzalkoniumchlorid aus. Erst ab einer bestimmten Menge wurden die Erreger endgültig abgetötet. Wurden die an das Desinfektionsmittel gewöhnten, jedoch nicht getöteten Bakterien anschließend dem Antibiotikum Ciprofloxacin ausgesetzt, zeigten diese Resistenzen gegen das Mittel, obwohl die Erreger zuvor nie mit dem Antibiotikum in Kontakt gekommen waren.

Fleming und Kollegen fordern nun, weitere Faktoren zu untersuchen, die zu einer Antibiotika-Resistenz beitragen könnten. Bisher nahmen Wissenschaftler an, dass Resistenzen nur entstehen, wenn Antibiotika nicht alle Bakterien abgetötet haben. Dann bilden die überlebenden Mikroorganismen neue Bakterienstämme. Auf diese zeigt das eingesetzte Antibiotikum dann keine Wirkung mehr.

Das Problem ist gravierend. "Grobe Schätzungen haben ergeben, dass weltweit mehr Menschen an Infektionskrankheiten durch resistente Bakterien sterben als an Aids", sagte etwa Uwe Frank, Klinischer Mikrobiologe am Institut für Umweltmedizin an der Universität Freiburg. Die Immunschwächekrankheit forderte 2007 zwei Millionen Todesopfer.

chs/ddp

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