Sparen statt Wählen: Kassen sollen Patienten Kliniken empfehlen

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Wer bei der Krankenhaus-Wahl dem Rat seiner Versicherung folgt, wird von zehn Euro Zuzahlung pro Tag befreit - so steht es in einem Gesetzentwurf des Gesundheitsministeriums. Kritiker befürchten, dass die Krankenkassen Kliniken unter Druck setzen könnten. Der Verlierer wäre am Ende der Patient.

Chirurg im OP: Eingriff erst nach Empfehlung der Krankenkasse Zur Großansicht
dapd

Chirurg im OP: Eingriff erst nach Empfehlung der Krankenkasse

Hamburg - Nah soll es sein. Und das Essen soll schmecken, einigermaßen zumindest: Viel mehr interessiert den durchschnittlichen deutschen Patienten nicht, wenn es um die Wahl eines Krankenhauses für eine anstehende Operation geht. Zumindest könnte dieser Eindruck entstehen, liest man einen aktuellen Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Die "Formulierungshilfe" zu einem Gesetzentwurf besagt, dass ein Versicherter von der Zuzahlung von zehn Euro pro Tag befreit wird - wenn er das Krankenhaus wählt, das ihm seine Krankenkasse vorschlägt.

Maximal könnten Patienten so bis zu 280 Euro sparen - so viel kann ein vollstätionärer Aufenthalt maximal kosten. Die Krankenkassen hätten am Ende des Jahres zwar rund 800 Millionen Euro weniger im Topf, sollten alle Patienten den Rat zu einer bestimmten Klinik befolgen - dafür aber könnten sie Einfluss auf die Krankenhäuser nehmen.

Verstärkt die Trennung im System

Bislang werden Versicherte bei der Wahl einer Klinik durch ihren Arzt beraten, auch gibt es spezielle Internetseiten wie die Weisse Liste und Ratgeber der Bundesländer. Dass Versicherte ihr Recht auf die freie Wahl verlieren könnten, wird in Regierungskreisen nicht als entscheidend angesehen: Die Patienten könnten schließlich immerhin auf die Expertise ihrer Kasse zurückgreifen. Diese sammelten schon heute Routinedaten über Operationen und könnten die Qualität pro Eingriff bewerten. Komme es in einem Haus bei einem bestimmten Eingriff wie bei Knie- oder Hüftoperationen vermehrt zu Fehlern, wäre das bekannt. Die Kasse würde diese Einrichtung dann nicht empfehlen.

Patientenvertreter sind da skeptisch. "Krankenkassen stehen die Daten schon länger zur Verfügung, bis jetzt haben sie noch nichts erkennbar damit gemacht", sagt Wolf-Dietrich Trenner, Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss. Trenner findet die Idee auch sozial schwierig. "Als erstes würden dann doch diejenigen dem Vorschlag der Kassen folgen, die aufs Geld gucken müssen." Ein solches Vorgehen befördere nur weiter die Trennung innerhalb der Gesellschaft.

Unabhängige Bewertung fehlt

Generell sei es natürlich gut und wichtig, dass Patienten Informationen zur Qualität der Kliniken erhalten können, sagt Ilona Köster-Steinebach. Die Gesundheitsexpertin des Bundesverbands der Verbraucherzentralen verweist aber darauf, dass relevante Informationen zur Qualität eines Krankenhauses nicht durch eine einzelne Kasse ermittelt werden könnten. "Es braucht große Fallzahlen, um verlässliche Angaben zu ermitteln." Kleine Versicherer können das nicht, und auch größere Kassen hätten ein Problem mit Aussagen, die flächendeckend gelten können.

"Gute Daten gibt es nur auf Kollektivebene", sagt Köster-Steinebach. Doch selbst wenn alle Kassen gemeinsam eine solche Informationsquelle schaffen würden, fehle die Unabhängigkeit. Verlässliche Informationen könne eigentlich nur der Gesetzgeber bereitstellen. "Der Staat stiehlt sich mit diesem Vorschlag aus der Verantwortung."

Kassen fordern Freiheit schon lange

Was das BMG "Stärkung der Handlungsfreiheit der Krankenkassen" nennt, soll die Versicherten motivieren, ein geeignetes Krankenhaus zu wählen, heißt es in dem Entwurf. Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, hält das für völlig abwegig. Die Versicherer seien die einzigen Akteure im Gesundheitswesen, die an der Qualität überhaupt kein Interesse hätten, sondern nur am Preis. Sollte dies verwirklicht werden, würde der Bock zum Gärtner gemacht. Die Kassen seien anfällig für Korruption.

Tatsächlich hätten die Krankenkassen, ginge die Idee durch, ein schlagkräftiges Werkzeug zur Verfügung, mit einzelnen Kliniken Verträge abzuschließen. Schon lange fordert der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen diese Möglichkeit. "Gerade bei den planbaren Operationen könnten beide Seiten besser agieren, Krankenhäuser könnten sich besser aufstellen und zum Beispiel ihren Einkauf effektiver organisieren", sagt Sprecher Florian Lanz. Es sei eine gute Initiative der Bundesregierung.

Den Vorwurf, dass die Kassen die neue Marktmacht missbrauchen könnten, um die Preise der Kliniken zu drücken oder unliebsame Häuser aus dem Geschäft zu drängen, weist er zurück. "Die Krankenkassen wären schlecht beraten, wenn sie nur auf den Preis gucken würden."

Die Krankenhäuser reagierten erwartbar empört auf den Entwurf, der nicht durchdacht sei. "Den Kassen fehlten am Ende des Jahres schließlich selbst 800 Millionen Euro, die sonst durch die Zuzahlung zusammenkämen", sagt ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Am Ende werde das Leistungsangebot in den Kliniken nur weiter geschwächt.

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1.
erlachma 04.06.2012
Zitat von sysopDDPWer bei der Krankenhaus-Wahl dem Rat seiner Versicherung folgt, wird von zehn Euro Zuzahlung pro Tag befreit - so steht es in einem Gesetzentwurf des Gesundheitsministeriums. Kritiker befürchten, dass die Krankenkassen Kliniken unter Druck setzen könnten. Der Verlierer wäre am Ende der Patient. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,836293,00.html
Die Krankenkassen schauen schon jetzt ausschliesslich aufs Geld, respektive die Quartalszahlen. Da geht es schliesslich ums wirklich wichtige, nämlich die Bonuszahlungen für die Chefetage. Anders wäre es nicht zu erklären, dass Dinge nicht bezahlt werden, obwohl man genau weiß, dass die Folgekosten horrend sein werden - aber die sind ja erst in der Zukunft.
2. "Empfehlungen"
Solid 05.06.2012
Tolle Idee, da bekommen dann die Patienten eine Empfehlung für eine Klinik, ein heruntergewirtschaftetes Schlachthaus, wo keiner freiwillig hingehen würde, wenn er noch nicht krank genug ist, um noch woanders hin flüchten zu können.
3. Lobbyismus pur
tope1212 05.06.2012
Das kommt den Kliniken ja echt gelegen. Die bezahlen dann die Bosse der Versicherungen, dass die Krankenhäuser empfehlen. Wer am besten schmiert hat die meisten Patienten und wer sich am besten schmieren lässt, bekommt Boni, Autos und alles was dazu gehört
4. Es ist so....
fxe1200 05.06.2012
Zitat von tope1212Das kommt den Kliniken ja echt gelegen. Die bezahlen dann die Bosse der Versicherungen, dass die Krankenhäuser empfehlen. Wer am besten schmiert hat die meisten Patienten und wer sich am besten schmieren lässt, bekommt Boni, Autos und alles was dazu gehört
...und wird auch immer so sein. Nicht nur in der Restwelt wird Tea-money gesammelt, sondern auch in Deutschland, nur hier laeuft es etwas subtiler und die "Kleinen" sind bei uns nicht "bei der Musik".
5. Auszug aus
Luna-lucia 05.06.2012
Zitat von tope1212Das kommt den Kliniken ja echt gelegen. Die bezahlen dann die Bosse der Versicherungen, dass die Krankenhäuser empfehlen. Wer am besten schmiert hat die meisten Patienten und wer sich am besten schmieren lässt, bekommt Boni, Autos und alles was dazu gehört
Die Zahnarzt Woche DZW: *artikel (http://www.dzw.de/politik/artikel/archive/2012/january/article/gkv-treibt-verwaltungskosten-bei-aerzten-und-krankenhaeusern-hoch.html) Aufgeblasene GKV-Verwaltung – von einem Beitrags-Euro kommen nur 77 Cent dem Patienten zugute – Kearney-Studie mit 6.000 Leistungserbringern – Die tatsächlichen Kosten für Verwaltungsaufgaben in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) liegen erschreckend deutlich über den in der GKV-Statistik offiziell ausgewiesenen 5,4 Prozent oder 9,5 Milliarden Euro. Insgesamt werden für Verwaltungskosten bei Kassen und Leistungserbringern im deutschen Gesundheitssystem 40,4 Milliarden Euro ausgegeben, davon werden insgesamt 27,5 Milliarden Euro (68 Prozent) durch die GKV verursacht.
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Hygiene im Krankenhaus: Keine Transparenz im Kampf gegen Keime

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.