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Krankhafte Veränderungen: Schizophrenie in Körperzellen nachgewiesen

Die schwere psychische Störung Schizophrenie zeigt sich auch in einzelnen Körperzellen: Sie haben weniger Nervenverbindungen als normal, wie eine neue Studie zeigt. Medikamente ließen die Synapsen wachsen.

Schizophrenie-Nervenzellen: Durch farbige Marker belegen die Forscher ihre Identität Zur Großansicht
Salk Institute/ Kristen Brennand

Schizophrenie-Nervenzellen: Durch farbige Marker belegen die Forscher ihre Identität

Schizophrenie ist die häufigste Ursache für Einweisungen in die Psychiatrie. Jeder Hundertste erkrankt an der schweren psychischen Störung. Trotz der weiten Verbreitung der Krankheit weiß man wenig über ihre Entstehung - es ist sogar umstritten, ob es sich überhaupt um eine einzelne Krankheit handelt oder einen Haufen verschiedener Symptome.

Eine neue Studie, veröffentlicht im Wissenschaftsmagazin "Nature", geht der Ursache nun auf den Grund: Zum ersten Mal werden die krankhafte Veränderungen von Schizophrenie in einzelnen Zellen untersucht.

Dazu musste das Forscherteam um Kristen Brennand vom Salk Institute for Biological Studies im kalifornischen La Jolla einen Umweg nehmen: Da es nicht möglich ist, mit Hirnzellen eines Patienten zu experimentieren, nutzten sie sogenannte iPS Stammzellen (siehe Kasten links) aus der Haut von Schizophrenie-Patienten, um daraus Hirnzellen wachsen zu lassen.

Bei den Zellen von den Schizophrenie-Patienten fanden die Forscher weniger Synapsen - signalübertragende Kontakte zwischen Nervenzellen. Ähnliches war im Hirngewebe verstorbener Kranker beobachtet worden. Daraus folgern die Wissenschaftler, dass sie mit dem neuen Verfahren die Krankheit in der Petrischale nachbilden können.

Die Biologen fanden zudem Unterschiede in der Aktivität von etwa 600 Genen - davon war bisher nur etwa einem Viertel eine Verbindung zur Krankheit bekannt.

Die Zellverbände sprachen sogar auf Medikamente an: Das Schizophrenie-Präparat Loxapin ließ Schizophrenie-Zellen mehr Synapsen bilden und normalisierte teilweise die Genaktivität.

Nun hoffen die Forscher, dass das Verfahren neue Erkenntnisse über die molekularen Vorgänge bei Schizophrenie bringen kann. Auch wäre es möglich, mit der Methode Medikamente auf ihre Wirksamkeit bei den Zellen einzelnen Patienten zu testen, bevor die nebenwirkungsreichen Pillen verabreicht werden.

hrb/dapd

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AFP
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Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
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