Umstrittene Krebsvorsorge: Forscher sprechen gegen HPV-Impfung in Indien

In einer höchst umstrittenen Studie haben Ärzte in Indien Tausenden Mädchen eine Impfung gegen HPV verabreicht. Forscher bezweifeln nun, dass die Studie überhaupt sinnvoll war. Denn es fehlt ein Krebsregister, um einen möglichen Erfolg der Impfkampagne zu belegen.

Impfung (Archivbild): Zweifel am sinnvollen Einsatz der HPV-Impfung in Indien Zur Großansicht
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Impfung (Archivbild): Zweifel am sinnvollen Einsatz der HPV-Impfung in Indien

In den indischen Provinzen Andhra Pradesh und Gujarat hat die gemeinnützige Organisation Path einen Impfstoff gegen humane Papillomaviren (HPV) getestet. Der Schutz vor den Viren soll Gebärmutterhalskrebs verhindern. Denn einige HPV-Typen steigern das Risiko, diese Tumorform zu entwickeln. Die umstrittene Studie wurde 2010 eingestellt - aus Sorge um mögliche Nebenwirkungen der Impfungen. Mehrere Mädchen waren gestorben, wobei nicht klar ist, ob diese Todesfälle mit der Impfung in Zusammenhang stehen.

War die Untersuchung, bei der Tausende Mädchen geimpft wurden, überhaupt sinnvoll? Britische Forscher melden jetzt Zweifel an.

Im "Journal of the Royal Society of Medicine" legt das Team um Allyson Pollock von der Queen Mary University in London dar, dass grundlegende Krebsdaten aus Indien fehlen. Die Aussage von Path, dass in Indien besonders viele Fälle von Gebärmutterhalskrebs auftreten sei ebenso wie eine Entscheidung für ein HPV-Impfprogramm nicht durch Fakten gedeckt, schreiben sie. Momentan untersuche die indische Regierung, ob ein solches allgemeines Impfprogramm eingeführt werden solle.

Die Wissenschaftler haben in Englisch verfügbare Unterlagen zur Krebs-Häufigkeit in Indien gesichtet. Dabei zeigt sich: Die Datenlage ist alles andere optimal. Über die Fälle bei Frauen, die in Städten und in gehobenen Verhältnissen leben, weiß man beispielsweise deutlich mehr als über die Krebsrate auf dem Land oder in armen Bevölkerungsschichten. Ein einheitliches Krebsregister fehlt und müsste dringend eingerichtet werden, so die Forscher.

Unter den momentanen Umständen könnten die Mediziner in Indien die Forderung der Weltgesundheitsorganisation schlicht nicht erfüllen, den möglichen Nutzen einer Impfkampagne zu untersuchen.

Gebärmutterhalskrebs-Rate ist gefallen

Pollock und ihre Kollegen schreiben zudem, dass die Zahl der an Gebärmutterhalskrebs erkrankten Inderinnen in den vergangenen Jahrzehnten gesunken ist, zumindest nach der sogenannten altersbereinigten Statistik. In den Jahren 1982/83 erkrankten demnach 42 von 100.000 Frauen, in den Jahren 2004/05 waren es 22 pro 100.000. Eine Erklärung für diesen Rückgang nennen die Forscher nicht. Sie schränken zudem ein, dass sie nur in Englisch verfasste Fachartikel analysiert haben - eventuell würden ihnen also Daten fehlen, die durchaus existieren.

Die Wissenschaftler sprechen sich allerdings nicht generell gegen die HPV-Impfung aus. Entsprechende Impfkampagnen sollten jedoch nur in Ländern durchgeführt werden, wo es klare Belege dafür gibt, dass sie sinnvoll sind und wo die entsprechenden Strukturen existieren, um den Erfolg der Impfung zu kontrollieren.

In Deutschland wird die HPV-Impfung für Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren empfohlen.

wbr

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