Radioaktive Bakterien könnten künftig zur Bestrahlung von fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs genutzt werden. In einer Studie an Mäusen mit Pankreas-Tumoren zerstörten US-Mediziner mit manipulierten Bakterien, sogenannten Listerien, 90 Prozent der Metastasen. Mit weiteren Verbesserungen könne dieser Ansatz eine neue Ära in der Therapie von Bauchspeicheldrüsenkrebs einleiten, berichten Forscher um Claudia Gravekamp vom New Yorker Albert Einstein College of Medicine im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Bauchspeicheldrüsenkrebs wird meist erst entdeckt, wenn der Tumor schon Metastasen gebildet hat. Entsprechend schlecht ist die Prognose: Nach der Diagnose leben lediglich vier Prozent der Patienten länger als fünf Jahre. Schon vor einigen Jahren fanden Forscher heraus, dass Bakterien der Art Listeria monocytogenes Krebszellen infizieren können, aber normale Zellen verschonen. Der Grund: Im normalen Körpergewebe tötet das Immunsystem die Keime zuverlässig ab, aber in der Umgebung des Tumors ist die Immunreaktion geschwächt.
Genau diese Schwachstelle nutzten die Forscher um Gravekamp aus: Sie koppelten eine radioaktive Substanz über einen Antikörper an geschwächte Listerien, die gerade in Tumoren überleben. Für die Studien nutzten sie das radioaktive Isotop Rhenium 188, das eine Halbwertszeit von nur 17 Stunden hat und zu dem stabilen Osmium-188 zerfällt.
"Unser Ziel sind 100 Prozent"
In dem Versuch bekamen Mäuse mit einem Pankreas-Karzinom an sieben Tagen jeweils eine Spritze mit den radioaktiven Listerien. Nach vier Ruhetagen erhielten sie dann an vier Tagen erneut solche Injektionen. 21 Tage nach dieser Behandlung hatte die Therapie die Zahl der Metastasen um 90 Prozent reduziert.
Zwar maßen die Forscher erhöhte Strahlung in der Leber und den Nieren der Tiere - vermutlich durch die vom Immunsystem abgetöteten Listerien, die verstoffwechselt wurden und in diese Organe gelangten. Dennoch fanden die Wissenschaftler in Nieren und Leber keine Zellschäden, auch die Leberfunktion sei nicht eingeschränkt gewesen.
"Zum jetzigen Zeitpunkt können wir sagen, das wir eine Therapie haben, die Metastasen bei Mäusen sehr wirksam reduziert", sagte Gravekamp laut einer Pressemitteilung. "Unser Ziel sind 100 Prozent, denn jede zurückgelassene Krebszelle kann möglicherweise neue Tumoren bilden."
Ob das auch bei Menschen klappt?
Verbesserungsmöglichkeiten sieht sie in einem veränderten Injektionsschema, in höheren Strahlungsmengen oder im Einsatz weiterer Krebsmittel, die mit den Bakterien in den Körper geschleust werden. "Ein solcher Ansatz könnte eine einzigartige Ära in der Therapie von Metastasen von Bauchspeicheldrüsenkrebs starten", schließen die Forscher.
Andere Experten beurteilen die Studie zurückhaltend. "Das ist ein ganz neuer Weg", sagt der Medizinphysiker Gerhard Glatting von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. "Ob das allerdings auch beim Menschen klappt, ist eine völlig andere Frage."
Auch der Radioonkologe Peter Huber vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) hält den Einsatz von Bakterien für durchaus interessant. "Dieser Ansatz nutzt aus, dass die Immunreaktion in Tumoren geschwächt ist", sagt er. "Das klingt sehr originell und attraktiv. Aber ob sich das auf den Menschen übertragen lässt, ist fraglich. Da sind noch viele Fragen offen."
Sollte das Verfahren tatsächlich helfen - darin sind sich beide Experten einig -, dann käme es auch für andere Tumorarten in Frage.
boj/dpa
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