Kein Durchbruch Mehrzahl der Erfolge in Krebsforschung täuscht

Selbst Forscher zeigen sich schockiert: Die wenigsten der als Durchbruch vermeldeten neuen Ansätze in der Krebstherapie werden nach Jahren tatsächlich weiter verfolgt. Schuld seien zu frühe und unkritische Publikationen. Auch negative Ergebnisse müssten veröffentlicht werden, fordern Experten.

Erfolg aus dem Reagenzglas: "Zu häufig unkritische Publikationen"
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Erfolg aus dem Reagenzglas: "Zu häufig unkritische Publikationen"


Hamburg - Gerade einmal jede zehnte Ankündigung eines neuen Ansatzes zur Bekämpfung von Krebs lässt sich später auch bestätigen. Die allermeisten wissenschaftlichen Arbeiten, die Durchbrüche oder neue Hoffnungen für die Krebstherapie versprechen, schaffen es später nicht in die Phase der klinischen Tests. Der Grund könnte eine häufig zu euphorische und unkritische Publikation erster Ergebnisse sein, berichten amerikanische Krebsforscher im Wissenschaftsmagazin "Nature".

C. Glenn Begley von der Biotechnologie-Firma Amgen in Thousand Oaks, Kalifornien, und Lee Ellis von der Houston University inTexas hatten 53 wissenschaftliche Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren begutachtet, die alle jeweils einen neuen Ansatz der Krebstherapie, ein neues Medikament oder eine neue, vielversprechende Anwendung bekannter Therapien betrafen. Von diesen seinerzeit als hoffnungsvoll betrachteten Ansätzen werden heute nur noch sechs weiter verfolgt.

Alle anderen Ergebnisse hatten sich nicht bestätigen lassen. "Selbst wenn man die schwierigen Bedingungen der vorklinischen Forschung kennt, ist das ein schockierendes Ergebnis", schreiben die Forscher.

Negative Ergebnisse bekanntmachen

Einen Grund dafür, dass viele Ergebnisse nicht reproduziert werden konnten, sehen die Forscher in der Qualität der publizierten Arbeiten. Forscher ebenso wie Redakteure der Fachmagazine wollten gerne die "perfekte Story", ein gutes, handfestes Ergebnis, zumal wenn dies Prestige, Karriere oder den Erhalt von Forschungsgeld fördern kann.

Solche perfekten Studien gebe es aber in der medizinischen Forschung nur selten. Daher sollte viel mehr darauf geachtet werden, auch negative oder nicht eindeutige Ergebnisse zu publizieren. Forscher sollten zudem alle Daten veröffentlichen, nicht nur die zu ihrer Theorie passenden, schreiben die beiden Autoren. Zudem sollten sie nach Möglichkeit schon bei frühen Tests Doppel-Blind-Versuche nutzen, bei denen die Gefahr geringer ist, unwissentlich Daten zu bevorzugen, die zu einem gewünschten Ergebnis führen.

nik/dpa



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insgesamt 8 Beiträge
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Ingmar E. 29.03.2012
1.
Man darf auch mMn nicht nur 5Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit als Indikator herannehmen. Was bringt es einem z.B. wenn man durchschnittlich 6Monate länger lebt durch eine Therapie, aber das damit erkauft, dass man gleichzeitig insgesamt 9Monate mehr Krankenhausaufenthalt hat. Deshalb Restlebensqualität als Indikator. Ab Diagnosestellung müssen die Patienten, bzw. eine Studiengruppe, alle 1-2Monate eine Einschätzung der Lebensqualität der letzten Monate geben. Wenn durch eine neue Therapie wirklich sehr viel Menschen mehr überleben, und diese dann eine durchschnittliche Lebensqualität haben, dann erhöht sich die Restlebensqualität. Wenn es aber nur teuer erkaufte Monate sind, man also sagen muss, es fehlt völlig an Lebensqualität in diesen Monaten, dann kann die "Restlebensqualität" ab Diagnosestellung sogar geringer sein, obwohl man dezent länger lebt. Und dann kann man sich als Patient doch nochmal sehr viel besser entscheiden, und zumindest weiß man dann, was einen erwartet, bzw. wie andere Patienten das im Durchschnitt erfahren.
viceman 29.03.2012
2. eigentlich gehört dazu noch
Zitat von sysopDPASelbst Forscher zeigen sich schockiert: Die wenigsten der als Durchbruch vermeldeten neuen Ansätze in der Krebstherapie werden nach Jahren tatsächlich weiter verfolgt. Schuld seien zu frühe und unkritische Publikationen. Auch negative Ergebnisse müssten veröffentlicht werden, fordern Experten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,824405,00.html
eine zweite schlagzeile: "aber bezahlt wird trotzdem" ( fürstlich ) es entstand so eine richtige industrie, auch genforscher usw. erweisen sich beim genaueren hinsehen als scharlatane, die ihre laborergebnisse oft genug nicht auf den patienten übertragen können. es erscheint irrsinnig für "neue" therapien hundertausende euros ausgeben zu müssen, wenn dieses geld überlebenszeit im bereich weniger monate schafft. meist noch erkauft, mit einer -wegen der nebenwirkungen - weiteren verschlechterung der lebensqualität. das kann es nicht sein!
LDaniel 29.03.2012
3. Oh je
Zitat von vicemaneine zweite schlagzeile: "aber bezahlt wird trotzdem" ( fürstlich ) es entstand so eine richtige industrie, auch genforscher usw. erweisen sich beim genaueren hinsehen als scharlatane, die ihre laborergebnisse oft genug nicht auf den patienten übertragen können. es erscheint irrsinnig für "neue" therapien hundertausende euros ausgeben zu müssen, wenn dieses geld überlebenszeit im bereich weniger monate schafft. meist noch erkauft, mit einer -wegen der nebenwirkungen - weiteren verschlechterung der lebensqualität. das kann es nicht sein!
Ihre Einstellung führt grade dazu, dass zu wenig geforscht wird. Sollen wir jetzt nurnoch Forscher bezahlen, deren Ansätze auch funktionieren? Das wäre der Tod der Forschung. Und der Artikel beschreibt ein Problem, dass es schon immer gab: Publication-Bias.
viceman 29.03.2012
4. das stimmt nicht,
Zitat von LDanielIhre Einstellung führt grade dazu, dass zu wenig geforscht wird. Sollen wir jetzt nurnoch Forscher bezahlen, deren Ansätze auch funktionieren? Das wäre der Tod der Forschung. Und der Artikel beschreibt ein Problem, dass es schon immer gab: Publication-Bias.
es geht darum, daß diese teuren , superteuren medis und therapien sich in der praxis beweisen müssen und dem kranken menschen nutzen. nicht, wie häufug nur der profitrate des pharmakonzerns oder dem medizinisch-industriellen komplex.
kumi-ori 08.04.2012
5.
Zitat von vicemanes geht darum, daß diese teuren , superteuren medis und therapien sich in der praxis beweisen müssen und dem kranken menschen nutzen. nicht, wie häufug nur der profitrate des pharmakonzerns oder dem medizinisch-industriellen komplex.
Wo ist jetzt da der Widerspruch? Beispiel - Sie entwerfen einen neuen und vielversprechenden Ansatz zur Heilung eines Tumors (sagen wir Lungenkrebs). Von der Logic her müsste Ihr Ansatz passen, erste Experimente an Zellkulturen zeigen die erwarteten Ergebnisse. Auch Tierversuche bestätigen diese Richtung. Dann beginnen Sie mit den klinischen Studien und es stellt sich heraus, dass bei Ihrem Medikament (beispielsweise) viele Fälle von Epilepsie als Nebenwirkung auftreten. Damit ist das Medikament natürlich gestorben. Dennoch haben Sie keinen Fehler gemacht. Es hätte auch sein können, dass es funktioniert hätte. Wo ist jetzt hier der Fehler? Aus welchem Grund hätte man es nicht versuchen sollen?
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