Krebsrisiko Ärzte fordern Stammzellhilfe für Tepco-Männer

Japanische Ärzte haben einen verblüffenden Vorschlag gemacht: Tepco-Techniker sollen ihre Blutstammzellen einlagern lassen - für den Fall, dass sie später an Leukämie erkranken. Die Idee ist grundsätzlich plausibel, birgt aber Risiken.

Von Cinthia Briseño

AP/ Air Photo Service

Tokio/Hamburg - Täglich schießen Millionen kleiner Energieblitze oder winziger Teilchen durch den menschlichen Körper. Sie sind unsichtbar, machen keine Geräusche, riechen nicht. Schutzlos sind wir ihnen ausgeliefert. Auch die Tepco-Männer, die mit allen Mitteln am havarierten AKW Fukushima I in Japan gegen das nukleare Desaster ankämpfen, sehen und spüren sie nicht. Die Menge, die sich aber durch ihre Körper bohrt, gleicht geradezu einem Bombardement.

Die Rede ist von ionisierender Strahlung, jener Strahlung, die radioaktive Stoffe aussenden. Sie heißt so, weil sie im Gewebe Moleküle zerstört und dabei Elektronen aus ihnen herausschlägt. Ein Prozess der Folgen haben kann: Trifft etwa die Strahlung im Zellkern auf das Erbgut, kann sie auch das DNA-Molekül schädigen.

Die Frage, welche gesundheitlichen Folgen das sein können, ist letztlich eine statistische: Je öfter ein Energieblitz oder ein Teilchen das Erbgut im Inneren der Zelle demoliert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Zelle diesen Schaden nicht mehr reparieren kann. Teilt sich die Zelle, gibt sie den Schaden an die Tochterzelle weiter. Trifft die Strahlung obendrein auf wichtige Stellen in der DNA, kann die Wachstumskontrolle der Zelle gestört sein. Mit anderen Worten: Je mehr Strahlung der Körper abbekommt, desto höher ist das Risiko, an Krebs zu erkranken.

"Jedes Quentchen schadet"

Noch kann keiner sagen, wie hoch das Krebsrisiko für die Arbeiter in Fukushima I wirklich ist. Klar aber ist, dass "jedes Quentchen schadet", wie es der Leiter des Otto-Hug Strahleninstituts in München einmal formuliert hat.

Deshalb haben japanische Ärzte den Tepco-Männern nun einen etwas morbide anmutenden Vorschlag unterbreitet: In einem am Freitag veröffentlichten Beitrag im britischen Medizinjournal "The Lancet" haben sie dazu aufgerufen, an die Gesundheit der Tepco-Männer zu denken - und ihnen Blutstammzellen zu entnehmen. Das Risiko sei groß, dass die Arbeiter in Fukushima eine Strahlendosis abbekommen, die der Gesundheit nicht mehr zuträglich ist. Das zumindest glauben fünf Experten vom Toranomon-Krankenhaus und der Japanischen Stiftung für Krebsforschung.

"Der wichtigste Auftrag besteht darin, das Leben der Atomarbeiter zu retten und die örtlichen Gemeinschaften zu schützen", schreiben die Autoren im "Lancet". Auf den ersten Blick klingt ihre Idee einleuchtend: Man könnte jedem Tepco-Mann Blutstammzellen entnehmen, sie einlagern - und eines Tages, falls der Arbeiter an Leukämie erkrankt, als Therapeutikum nutzen. Denn gerade jene Zellen, die sich schnell teilen - darunter auch Blutstammzellen - sind besonders strahlensensibel weil die Schäden an der DNA einen Einfluss auf die Teilungsfähigkeit der Zelle haben.

Je länger sich die Tepco-Arbeiter also der radioaktiven Belastung aussetzen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihre Blutstammzellen irreparable DNA-Schäden anhäufen. Deshalb sei es wichtig, so der Grundgedanke der japanischen Mediziner, so bald wie möglich die noch gesunden Zellen einzulagern - und später als Ersatz für die erkrankten Zellen einzusetzen.

In der Tat wird die Strahlenbelastung der Tepco-Techniker jene natürliche Strahlenbelastung, der alle Menschen ausgesetzt sind, mit großer Sicherheit um ein Vielfaches übersteigen. Am 15. März hatte die japanische Regierung die zulässigen Grenzwerte für die Arbeiter am AKW Fukushima I von 100 Millisievert auf 250 Millisievert pro Jahr erhöht. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung 2,1 Millisievert im Jahr. Doch die Operation Fukushima I könnte sich noch Monate, Jahre hinziehen, bis das AKW wieder unter Kontrolle ist - und niemand kann vorhersagen, wie hoch die Gesamtbelastung der Mitarbeiter am Ende sein wird. Zumal auch das Risiko besteht, dass radioaktive Partikel in den Körper gelangen und dort zu einer zusätzlichen Gefahr werden.

Einen schweren Zwischenfall hat es auf der Anlage bereits gegeben: Drei Techniker waren bei Arbeiten in Reaktor 2 mit hochradioaktivem Wasser in Berührung gekommen und hatten sich dabei Verbrennungen zugezogen.

Suche nach passenden Spendern

In der Medizin hat sich die Transplantation von Stammzellen bei Patienten mit Leukämie in bestimmten Fällen schon als Routineverfahren etabliert. Allerdings handelt es sich dabei um eine Transplantation von Zellen eines fremden Spenders, die mit denen des Empfängers kompatibel sind. Experten sprechen von einer allogenen Transplantation. Der Nachteil: Die Suche nach passenden Spendern ist zeitraubend. Und mitunter kann es aufgrund einer Inkompatibilität doch zu Komplikationen kommen.

Um diese Nachteile zu umgehen, schlagen die japanischen Ärzte nun vor, eigene (autologe) Blutstammzellen einzulagern. Doch die Prozedur ist aufwendig. Und: Von einem autologen Einsatz als Standardtherapie ist man derzeit noch sehr weit entfernt, die Erfolgaussichten werden bisher als gering eingestuft.

Mehrere Tage lang müssten die Arbeiter Injektionen erhalten, damit die Stammzellen - die im Knochen etwa des Beckens gebildet werden - vermehrt zum Wachsen angeregt werden und in den Blutkreislauf gelangen. Dann würde Blut aus einem Arm abgenommen werden, um die Stammzellen herauszufiltern.

Mit ihrem Vorschlag sind die Mediziner nicht nur auf Zustimmung gestoßen. Kritiker glauben, dass die Prozedur eine zusätzliche und unnötige psychologische und körperliche Belastung für die Arbeiter darstellen könnte. Nelson Chao von der amerikanischen Duke-Universität weist außerdem darauf hin, dass die Transplantation von Stammzellen nur für jene Arbeiter Sinn macht, die einer bestimmten Bandbreite von Strahlung ausgesetzt sind.

Sei es weniger, dann würden sie ohnehin wieder gesund werden, sagt Chao. Sei es mehr, dann wären auch tödliche Organschäden die Folge - gegen die auch Blutstammzellen nicht helfen würden.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

Mit Material von dapd

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 16.04.2011
1. es ist schon toll
anstatt vernünftig über dieses Thema zu berichten wird "mal wieder" diesem Otto-Hug Strahleninstitut eine Bühne geboten. Damit hat sich dieser Artikel mal wieder disqualifiziert. Warum redet ihr nicht mal mit Leuten die Ahnung haben. Wenn diese Low Dose Fraktion recht hätte wäre die Menschheit schon vor Jahrhunderten ausgestorben nur mal so zum nachdenken. Ich dachte Journalismus wäre sachlich informativ unpolitisch. Gerade bei diesem Thema nur noch zur Panikmache verkommen. Ich weiss only bad news are good news. Aber hier absolut kontraproduktiv. Klärt die Bevölkerung endlich richtig auf, anstatt sie in die Arme von Scharlatanen zu hetzen. Es würde auch meine Arbeit etwas einfacher machen.
cohorte 16.04.2011
2. ####
Zitat von felisconcoloranstatt vernünftig über dieses Thema zu berichten wird "mal wieder" diesem Otto-Hug Strahleninstitut eine Bühne geboten. Damit hat sich dieser Artikel mal wieder disqualifiziert. Warum redet ihr nicht mal mit Leuten die Ahnung haben. Wenn diese Low Dose Fraktion recht hätte wäre die Menschheit schon vor Jahrhunderten ausgestorben nur mal so zum nachdenken. Ich dachte Journalismus wäre sachlich informativ unpolitisch. Gerade bei diesem Thema nur noch zur Panikmache verkommen. Ich weiss only bad news are good news. Aber hier absolut kontraproduktiv. Klärt die Bevölkerung endlich richtig auf, anstatt sie in die Arme von Scharlatanen zu hetzen. Es würde auch meine Arbeit etwas einfacher machen.
Man mag vom Otto-Hug Strahleninstitut halten was man will, aber mit diesem "Wenn diese Low Dose Fraktion recht hätte wäre die Menschheit schon vor Jahrhunderten ausgestorben" haben sie ihren Beitrag erfolgreich disqualifiziert, "nur mal so zum nachdenken."
qoderrat 16.04.2011
3. Low Dose
Zitat von felisconcoloranstatt vernünftig über dieses Thema zu berichten wird "mal wieder" diesem Otto-Hug Strahleninstitut eine Bühne geboten. Damit hat sich dieser Artikel mal wieder disqualifiziert. Warum redet ihr nicht mal mit Leuten die Ahnung haben. Wenn diese Low Dose Fraktion recht hätte wäre die Menschheit schon vor Jahrhunderten ausgestorben nur mal so zum nachdenken. Ich dachte Journalismus wäre sachlich informativ unpolitisch. Gerade bei diesem Thema nur noch zur Panikmache verkommen. Ich weiss only bad news are good news. Aber hier absolut kontraproduktiv. Klärt die Bevölkerung endlich richtig auf, anstatt sie in die Arme von Scharlatanen zu hetzen. Es würde auch meine Arbeit etwas einfacher machen.
Wir wissen es inzwischen alle, Strahlung macht nichts aus, im Gegensatz, sie ist gesund: http://www.daserste.de/wwiewissen/beitrag_dyn~uid,crxof0sa09fob23p~cm.asp Ja, das glaube ich Ihnen gerne dass es Ihre Arbeit leichter macht, vor allen wenn richtig in Ihrem Sinne richtig ist. Mit richtig muss ja nicht im gesundheitlichen Sinne richtig gemeint sein, das kann ja auch richtig im Sinne des Shareholder-Values oder richtig im Sinne des Ebit sein. Schauen Sie doch mal hier, die GRS ist ja jetzt nicht gerade als grünradikale Gesellschaft bekannt. http://fukushima.grs.de/aktuelles/gef%C3%A4hrdungspotenzial-von-strahlung Aus dem Artikel: "Die effektive Strahlendosis ermöglicht eine Bewertung des schädlichen Einflusses von ionisierender Strahlung auf den menschlichen Körper." Tatsächlich, schädlich! Und weiter: "Flugpersonal ist in Deutschland mit einer mittleren Jahresdosis von 2,3 mSv die Berufsgruppe mit der höchsten Strahlenexposition. Für beruflich strahlenexponiertes Personal liegt in Deutschland der Grenzwert für die effektive Strahlendosis bei 20 mSv pro Kalenderjahr." Und jetzt vergleichen wir die Exposition der Arbeiter in Fukushima, über die im Artikel geschrieben wird mit diesen Werten, dann kann von "Low Dose" überhaupt nicht mehr die Rede sein.
RosaHasi 16.04.2011
4. .
ist nur eine frage der zeit wann die ersten helfer dort nicht mehr arbeiten können
dreharbeiten 16.04.2011
5. Alle wollen nur das Beste
Wie immer, möchte man natürlich nur das Beste für die Betroffenen. Und wie immer ist eine Industrie zur Stelle, die das Passende anbietet. Wie praktisch. Da läßt sich doch vielleicht noch etwas herausschlagen? Das ist ist systemisch ja nur konsequent. So eine Art human verkleidete Kriegsgewinnlermentalität. An derart bizarren Auswüchsen können wir es erkennen... Aber klar, wie selbstlos, endlich denkt man Jemand an die armen Arbeiter...
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