Krebstherapie: Forscher wollen Zell-Wächter wieder aktivieren

Von Nicola Kuhrt

p53 bei der Arbeit (Modell): Das Eiweiß reguliert am Erbgut defekter Zellen, ob diese noch gerettet werden können oder nicht. Zur Großansicht
Getty Images

p53 bei der Arbeit (Modell): Das Eiweiß reguliert am Erbgut defekter Zellen, ob diese noch gerettet werden können oder nicht.

Ein Eiweiß schickt defekte Zellen in den Tod - ist es aber blockiert oder fehlt ganz, können Tumore ungehindert wachsen. Drei Pharmakonzerne liefern sich nun ein Wettrennen: Sie wollen das rettende Molekül wieder einschalten.

p53 ist so etwas wie der Popstar unter den molekularen Maschinen einer Zelle. Das Eiweiß hilft, defekte Zellen zu reparieren. Ist der Schaden zu groß, schickt p53 die betroffene Zelle ohne Umschweife in den Tod. Das Molekül kann so die Entstehung von Krebs verhindern. Diese Fähigkeit brachte ihm den schönen Namen "Wächter des Genoms" ein, 1993 zierte sein Bild das Cover des renommierten Fachmagazins "Science".

Seine wichtige Aufgabe in einer Körperzelle kann p53 allerdings nur ausführen, wenn es voll funktionsfähig ist. Bei rund 50 Prozent aller Krebserkrankungen ist sein genetischer Bauplan zerstört. In anderen Fällen läuft ein zelleigenes Kontrollsystem Amok und blockiert die Produktion des rettenden Moleküls. An genau dieser Stelle versuchen Forscher anzusetzen. Wem es gelänge, dieses Schlüsselprotein in den Krebszellen wieder zu aktivieren und die wuchernden Zellen zu stoppen - dem dürfte mindestens ein Nobelpreis sicher sein.

Gleich drei internationale Arzneimittelhersteller liefern sich derzeit ein Wettrennen, ein wirksames Mittel zu entwickeln, das p53 wieder in Gang bringt: Roche, Sanofi und MSD. Mit einem Medikament ließen sich die unterschiedlichsten Krebserkrankungen behandeln, seltene ebenso wie häufige. Es geht also um Leben und Tod - und um sehr viel Geld.

Ausschalten ja, aber anschalten?

Fortschritte in der Krebstherapie lassen leider immer noch auf sich warten, zu vielfältig ist diese Erkrankung. Für manche Arten wie Leukämien haben sich die Chancen auf eine dauerhafte Heilung verbessert. Die Überlebensrate bei häufigen Tumoren wie Brust- oder Darmkrebs ist gestiegen. Dennoch sind Krebserkrankungen nach den Erkrankungen des Herzkreislaufsystems die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Jedes Jahr erkranken rund 450.000 Menschen neu an Krebs, 220.000 Patienten sterben.

Grundlegende Erkenntnisse über die Entstehung von Krebs sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Therapie - doch das ist nicht einfach, wie auch die Projekte um p53 zeigen: Bislang sind alle Versuche gescheitert, das Moleküle wieder zu aktivieren.

Allerdings warnen Experten auch vor den Gefahren dieses Ansatzes: Niemand weiß, was passiert, wenn dieses für viele Organsysteme des Menschen so wichtige Molekül plötzlich wieder eingeschaltet wird, sagt Andreas Trumpp vom Stammzellinstitut HI-STEM, einem durch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg und der Dietmar-Hopp Stiftung gefördertes Forschungszentrum.

Schädliche Zellen zu blockieren, das schaffen schon heute viele Wirkstoffe, wie etwa Chemotherapeutika. Welche Folgen aber hat es, wenn ein wirkungsvoller, körpereigener Mechanismus wieder in Gang kommt? Und was passiert, wenn p53 plötzlich ungeplant auch in gesunden Zellen des Körpers wieder aktiv wird? "Das hat man bislang noch gar nicht verstanden", sagt Trumpp. Nebenwirkungen wie man sie aus der Chemotherapie kennt - Haarausfall, Durchfall und Blutarmut könnten eine Folge sein. Auch wie dauerhaft und wirksam die Wirkung eines p53-Aktivators ist, wissen die Forscher nicht. Vielleicht bilden sich auch zu schnell Resistenzen.

Erstmals Tests am Menschen

Lyubomir T. Vassilev: Der Mann, der die Nutlins entdeckte Zur Großansicht
F. Hoffmann/ La Roche Basel

Lyubomir T. Vassilev: Der Mann, der die Nutlins entdeckte

Dennoch: Nach über einem Jahrzehnt Forschung und Tests im Labor mit Tausenden möglichen Wirkstoffen laufen seit einigen Monaten erste klinische Studien am Menschen. Roche testet aktuell die jüngste Generation ihrer Nutlins, das sind spezielle Analoga, die die Blockierung des p53-Eiweißes in Krebszellen aufheben können.

Ebenfalls in einer frühen Phase steht Sanofi. Seit 2012 wird dort die Dosis und Sicherheit eines p53-Aktivators an Patienten untersucht, die an Liposarkomen erkrankt sind. Diese seltene Krebsart befällt die Weichteile eines Menschen.

Zuletzt stieg MSD mit MK-8242 ein, einem Wirkstoff, der die Blockade von p53 aufheben soll. Getestet werden Sicherheit und die richtige Dosis an Leukämiepatienten. Sollten die Versuche positiv verlaufen, soll die Arznei an wenigen Patienten auf ihre Wirkung getestet werden.

Alle Hersteller geben sich vorsichtig. "Es gibt einfach zu viele Unbekannte in dem Spiel", sagt Lyubomir Vassilev. Der Onkologe arbeitet bei Roche und ist einer der führenden Wissenschaftler in der p53-Forschung. Er entdeckte die Analoga, die vielleicht einmal viele Tumore verhindern können. Er nannte sie nach dem Ort, an dem sich sein Labor im US-Staat New Jersey befindet: Nutlin.

Zufallsfund in Princeton

Die unglaubliche Geschichte des Eiweißes p53 begann 1978. Molekularbiologe Arnold Levine, heute 61 Jahre alt, saß in seinem Büro in Princeton - eine Auswertungen einer Virus-Studie an Hamstern auf dem Schreibtisch - als ein Mitarbeiter den Raum stürmte, mehrere Röntgenbilder schwenkend. "Die Aufnahmen zeigten ein Eiweiß, das wir noch nie zuvor gesehen hatten", erinnert sich Levine. Die Forscher dachten, in den Tumorzellen ein Krebsgen gefunden zu haben. Es brauchte mehr als ein Jahrzehnt, bis sie feststellten, dass genau das Gegenteil die Aufgabe von p53 ist.

Arnold J. Levine (Mitte, Archiv): "Wir dachten, ein Krebsgen gefunden zu haben" Zur Großansicht
AP

Arnold J. Levine (Mitte, Archiv): "Wir dachten, ein Krebsgen gefunden zu haben"

Verantwortlich für die schädliche Blockade des p53 sind in vielen Fällen zwei andere Eiweiße innerhalb einer Zelle: MDM2 und MDM4. Sie gehen eine direkte Verbindung mit p53 ein und bauen es ab. Normalerweise regulieren die beiden Eiweiße die Menge von p53 in allen Zellen. Bei vielen Krebserkrankungen werden sie aber massenweise überproduziert und verhindern dadurch, dass das Zellwächter-Eiweiß in ausreichender Menge vorhanden ist.

Hier wollen die Roche-Forscher ansetzen: Ihre Nutlins sollen sich als Keil zwischen p53 und MDM2/4 setzen und so das Eiweiß befreien. Dann könnte es wieder seinen wichtigen Job verrichten, erklärt Vassilev den scheinbar einfachen Grundgedanken. Doch leider sind die Eiweiße sehr eng miteinander verbunden. Unzählige mögliche Trennungskandidaten scheiterten bereits.

"Es sind entscheidende Untersuchungen für uns", sagt Forschungsleiter Laurent Debussche von Sanofi. Funktioniert der Wirkstoff, will der Konzern ihn auch bei anderen Krebsarten testen. Versagt er aber, will das Unternehmen die Suche nach dem p53-Aktivator in Gänze einstellen.

  Eine DNA-Doppelhelix mit p53 (Modell): Wer findet den entscheidenden Schlüssel, um den Zell-Wächter zu aktivieren?  Zur Großansicht
Getty Images

Eine DNA-Doppelhelix mit p53 (Modell): Wer findet den entscheidenden Schlüssel, um den Zell-Wächter zu aktivieren?

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. oft fehlt das p53 Gen aber in den Krebszellen
plagiatejäger 15.08.2013
Es stimmt zwar, daß die Hälfte der bösartigen Tumore Mutationen in dem p53 Gen hat, aber oft liegt eine Punktmutation in einem der beiden Allele vor, das andere fehlt ganz. Für all diese Fälle nützt ein Aktivator von p53 garnichts, weil es nicht funktionell da ist, sondern dann bestenfalls die mutierte oder trunkierte Form da ist. Natürlich wäre es immer noch ein immens großer markt, wenn ein solcher Aktivator bei den anderen Fällen helfen sollte, aber es werden einfach dann die Krebszellen weiterwachsen, die das Gen mutieren oder verlieren...
2. Eine Frage....
Gorone 15.08.2013
Wenn das Molekül offentlich eine natürlich Funktion für den Körper hat, aber durch fehlerhafte Umstände "abgeschaltet" wird, warum soll ein Wiederanschalten des Moleküls durch die Medizin dann auf einmal zu Nebenwirkungen führen? Da ich noch weniger als ein medizinischer Laie bin, ist das eine ernstgemeinte Frage aus Interesse.
3. Schade dass offenbar nur die Aussicht auf
si tacuisses 15.08.2013
Zitat von sysopEin Eiweiß schickt defekte Zellen in den Tod - ist es aber blockiert oder fehlt ganz, können Tumore ungehindert wachsen. Drei Pharmakonzerne liefern sich nun ein Wettrennen: Sie wollen das rettende Molekül wieder einschalten. Krebstherapie: Forscher wollen p53 wieder anschalten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/krebstherapie-forscher-wollen-p53-wieder-anschalten-a-915112.html)
astronomische Gewinne diese Forschung beflügelt. Frage: wird das trotz jahrzehntelanger Rückschläge gegenüber den BWL-Fritzen durchzusetzen sein ?
4. optional
xxbigj 15.08.2013
1. Infomativer Artikel! 2. Wenn diese Geisel der Menschheit komplett heilbar wäre dann verdient die Person die das erforscht und entwickelt hat mehr als ein Nobelpreis! 3. Muss ich leider auf unsere Regierung verweisen die NUR 3 Milliarden in Forschung steckt und davon ist nicht mal alles für Medizin. 750 Milliarden werden Banken in den Rachen gestopft! Mit der richtigen Regierung und den richtigen finanziellen Unterstützung hätten Forscher schon lange ein Mittel gegen Krebs gefunden! Aber mit solchen Gehirnschnecken die uns regieren sind wir in 20 Jahren noch nicht so weit!
5. Stapeled Peptides
ManRai 15.08.2013
In dem Bericht total vergessen, spezielle peptide die die Bindung von p53 und mdm2 verhindern sollen und damit p53 wieder aktivieren, allerdings gilt das auch nur fuer nicht-mutiertes p53.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Nobelpreis für Medizin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 31 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Krebsatlas: Forscher entziffern Genom von Tumorzellen

Fotostrecke
Analyse von Krebszellen: Erst der Gentest, dann die Chemo