Streuende Tumore: Krebszellen zeigen erschreckende Vielfalt

Forscher haben einzelne Krebszellen aus dem Blut von Brustkrebs-Patientinnen untersucht. Ihr Ergebnis: Sie unterscheiden sich genetisch stark voneinander. Das könnte erklären, warum manche Betroffene trotz Chemotherapie Metastasen entwickeln.

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Corbis

Aufnahme einer Brust: Forscher haben Gen-Profil einzelner Krebszellen ermittelt

Manche Krebstumore kommen trotz Chemotherapie wieder, eine neue Studie versucht zu erklären, warum: Ein streuender Tumor gibt nicht nur eine Zellsorte ans Blut ab, sondern ganz verschiedene. Bis zu fünf genetisch unterschiedliche Zellsorten haben US-amerikanische Forscher im Blut von Brustkrebspatientinnen entdeckt. Sie schließen daraus, dass auch die Geschwulste selbst mehrere Zelltypen enthalten könnten. Eine Biopsie gebe daher nicht immer Aufschluss über alle Merkmale eines Tumors.

Zukünftig müsse man möglicherweise die Krebstherapien entsprechend anpassen, denn verschiedene Zelltypen könnten auch unterschiedliche Therapieansätze erfordern, berichten die Forscherim Wissenschaftsmagazin "PloS ONE".

Sie hatten die Aktivität von 95 verschiedenen Genen bei einzelnen, im Blut zirkulierenden Krebszellen von Brustkrebspatientinnen analysiert. Solche Zellen könnten dafür verantwortlich sein, dass Metastasen in anderen Bereichen des Körpers entstehen. Bei der Untersuchung zeigten sich deutliche Unterschiede: Schon in einer einzigen Blutprobe einer Patientin hätten sie eine Mischung ganz verschiedener Tumorzellen entdeckt, sagt Studienleiterin Stefanie Jeffrey vom Stanford University Medical Center in Kalifornien.

Verschiedene Genaktivitäten in zirkulierenden Zellen

Bei einigen der wandernden Zellen seien Gene aktiv, die es den Zellen erleichtern, sich an neuen Orten im Körper anzusiedeln. Andere zeigten ein völlig anderes Muster der Genaktivität und waren damit weniger fähig, in neuem Gewebe zu überleben.

Die Unterschiede erstreckten sich auch auf Gene, die beeinflussen, ob eine Tumorzelle auf eine bestimmte Chemotherapie reagiert oder nicht. So waren einige Krebszellen bei einer Patientin beispielsweise HER2-positiv: Sie trugen an ihrer Oberfläche eine Andockstelle, die den Tumor für eine Antikörperbehandlung empfindlich macht. Andere Zellen desselben Tumors wiesen diese Andockstelle nicht auf. Nach der Therapie mit dem Antikörperpräparat habe man diese Tumorzellen weiterhin im Blut der Patientin nachgewiesen, berichten die Forscher.

Das zeige, dass es eventuell nötig sei, mehrere verschiedene Therapien anzuwenden, um einen Krebstumor endgültig und vollständig aus dem Körper zu entfernen. Noch müsse man weitere Forschungen durchführen, bevor diese Erkenntnisse auch den Krebspatienten zugute kommen könnten. Aber ein erster Schritt hin zu einer differenzierteren Therapie sei gemacht, meinen die Forscher. Als nächsten Schritt wiederholen sie ihre Studie bei Patienten, die an Bauchspeicheldrüsen- oder Lungenkrebs leiden.

Möglicher Nutzen für die Medikamenten-Forschung

Auch auf Suche nach neuen Medikamenten könnte die Erkenntnis Auswirkungen haben: Denn bisher werden potenzielle Wirkstoffe an meist nur wenigen standardisierten Krebszelllinien ausprobiert. Als die Forscher das genetische Profil der Tumorzellen ihrer Patientinnen mit dem der standardisierten Brustkrebs-Zelllinien verglichen, fanden sie keine Übereinstimmungen. "Unser Ergebnis deutet daraufhin, dass diese Zellen als Modelle für streuende Krebsarten nicht so hilfreich sind wie angenommen", sagt Jeffrey.

Für ihre Studie isolierten die Forscher zunächst alle gestreuten Krebszellen aus dem Blut von 50 Brustkrebspatientinnen. Dann analysierten sie die Aktivität von 95 Genen in diesen Zellen, um mögliche Abweichungen zu finden. "Die meisten Forscher analysieren nur ein paar Gene oder Proteine auf einmal, meist, indem sie ihren Proben fluoreszierende Antikörper zugeben", erklärt Jeffrey. Diese Antikörper lassen dann alle Krebszellen aufleuchten, zeigen aber keine Unterschiede zwischen ihnen.

wbr/dapd

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