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Gesundheitsnotstand in Syrien: "Die großen Killer sind nicht die Bomben"

Von Ulrike Putz, Beirut

Zerstörte Gebäude in Aleppo, darunter das Krankenhaus Dar al-Schifa (Archiv): Viele Syrer nicht angemessen medizinisch versorgt Zur Großansicht
AP

Zerstörte Gebäude in Aleppo, darunter das Krankenhaus Dar al-Schifa (Archiv): Viele Syrer nicht angemessen medizinisch versorgt

Die fehlende medizinische Versorgung fordert mehr Opfer in Syrien als Kugeln oder Bomben, warnen Mediziner. Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems hat das Feld für Seuchen bereitet. Nach Polio fürchten Ärzte nun den Ausbruch einer Masern-Epidemie.

Die meisten Opfer des syrischen Bürgerkriegs sterben nicht durch Kugeln, Schrapnell-Verletzungen oder die Wucht von Explosionen. Sie sterben an Krebs und Asthma, an Diabetes und an Herzkrankheiten, die aufgrund des Krieges nicht behandelt werden können.

Nicht oder unzureichend behandelte chronische Krankheiten töten doppelt so viele Syrer wie die im Land herrschende Gewalt, sagen syrische und internationale Experten für öffentliche Gesundheit. Bis zu 200.000 Menschen sollen durch die mangelhafte medizinische Versorgung seit Ausbruch der Kämpfe in Syrien vor zweieinhalb Jahren einen vermeidbaren verfrühten Tod gestorben sein, schätzt die Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft. Nur halb so viele, etwas über 100.000, sind laut Schätzung der Vereinten Nationen Opfer kriegerischer Gewaltopfer.

"Krebs, Atemwegserkrankungen, Herzkrankheiten: Das sind die wahren Killer in Syrien. Doch sie werden permanent vergessen", sagt Fuad Mohammed Fuad. Der Chirurg war vor dem Krieg ein wichtiger Mann im Gesundheitswesen. Als Direktor der entsprechenden Abteilung war er für die medizinische Grundversorgung des syrischen Nordens zuständig.

Doch als die Lage in seiner Heimatstadt Aleppo vor einem Jahr zu gefährlich wurde, siedelte Fuad in die libanesische Hauptstadt Beirut um. Dort lehrt er heute öffentliche Gesundheit an der American University. "Syrien erlebt eine medizinische Katastrophe", sagt Fuad. Aufgrund der Kriegswirren seien große Teile der Bevölkerung nicht angemessen medizinisch versorgt.

Gründe hat das viele: In umkämpften Gebieten ist es Patienten, Ärzten und Pflegern nicht möglich, sich zu den Gesundheitszentren zu begeben. Die von Rebellen kontrollierten Gebiete sind vom staatlich geregelten Nachschub mit Medikamenten und Instrumenten abgeschnitten. Hinzu kommt die Zerstörung der Infrastruktur.

Viele Krankenhäuser beschädigt oder zerstört

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in den Nordprovinzen Aleppo, Deir al-Sor und Idlib 70 Prozent der Krankenhäuser und Kliniken beschädigt oder zerstört sind. Wegen Mangel an Treibstoff und Strom behandelten viele Krankenhäuser nur noch Notfälle, so die WHO.

Wo die Behandlung akuter Kriegsverletzungen die geringen Kapazitäten bindet, haben Patienten mit chronischen Leiden das Nachsehen. Die in Paris ansässige "Vereinigung der Syrischen Organisationen für Medizinische Hilfe" schätzt, dass in Syrien 70.000 Krebskranke und 5000 Dialysepatienten nicht adäquat behandelt werden. "In Syrien gibt es pro Jahr etwa 20.000 neue Krebserkrankungen", sagt Fuad. Doch das Auffangnetz für die Kranken sei zerrissen. "Wir haben keine Ahnung, was mit diesen Menschen passiert, ob sich jemand um sie kümmert."

Und gerade für chronisch Kranke ist auch die Flucht ins Ausland keine Lösung, sagt Fuad. "Die meisten syrischen Krankenversicherungen zahlen nicht für Behandlungen im Ausland." Er kenne Fälle, in denen Menschen aus dem Libanon in den Krieg zurückkehren mussten, um dort eine Chemotherapie zu machen.

Ein zentrales Problem der Gesundheitsversorgung in Syrien ist, dass alle großen Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz, der Rote Halbmond oder die WHO von der Regierung daran gehindert werden, in von Rebellen kontrollierten Gebieten zu agieren. "Die WHO und andere Uno-Organisationen müssen ihre Herangehensweise grundlegend überdenken", drängt Fuad. Sie müssten durchsetzen, dass sie auch in Rebellen-kontrollierten Gebieten operieren dürften. "Das ist zum Wohle aller und muss auch im Interesse des Staates sein" mahnt der Arzt.

Kinderlähmung wieder aufgeflammt

Der jüngste Ausbruch von Polio in Syrien zeige, dass die Vernachlässigung von Impfprogrammen die gesamte Bevölkerung gefährde, egal wer in der Region das Sagen habe, sagt Fuad. Die WHO hat diese Woche in der Provinz Deir al-Sor zehn Fälle von Kinderlähmung nachgewiesen.

Das Polio-Virus, das in Syrien als ausgerottet galt, war dort aufgetaucht, nachdem das Impfprogramm für Säuglinge durch den Krieg unterbrochen wurde. Die WHO warnt, dass nun alle nicht geimpften Kinder und Erwachsene durch den Ausbruch bedroht seien. Zum Schutz der Bevölkerung planen Hilfsorganisationen eine sofortige Impfkampagne gegen Polio in Syrien und den Nachbarländern. Die WHO prüft nun, ob das Virus natürlich in Syrien vorkam oder womöglich von aus den Polio-Ländern Pakistan und Afghanistan nach Syrien reisenden Kämpfern eingeschleppt wurde.

Die kriegsbedingte Unterbrechung der Impfkampagnen in Syrien hätten in Syrien "die Büchse der Pandora" geöffnet, warnt Fuad. Er fürchtet, dass sein Heimatland als nächstes auf eine Masern-Epidemie zusteuert. "Auch dagegen sind zwei oder drei Geburtenjahrgänge nicht mehr durchgehend geimpft."

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1. Beispiel Nordamerika
stasilaus 01.11.2013
In Nordamerika haben die Weissen die Indianer auch nicht nur mit Krieg ausgerottet. sondern massenhaft mit eingeschleppten Krankheiten und Mangelernährung Offenbar versucht die USA dies jetzt auch in Syrien. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst unter der Bevölkerung eine Milzbrand-Epidemie ausbricht. Bei den Indianern war es die Tuberkeln- und Pockenerreger aus den Wolldecken der europäischen Quarantäne-Stationen.
2. Blutige Torheiten
g.raymond 01.11.2013
Barbara Tuchmann spricht von der Torheit der Regierenden in der Geschichte, von Troja bis Vietnam. Genauso interessant wäre eine Geschichte der Torheit von Revolutionären und Rebellen. Die syrischen Rebellen geben exzellente Beispiele dafür: von offensichtlicher Überschätzung ihrer militärischen Möglichkeiten, von selbstzerstörerischem und zerstörendem Fanatismus, von mörderischer Grausamkeit, von chaotischer Politik und Uneinigkeit. Das Resultat ist die Zerstörung einer der ältesten Kulturnationen dieser Welt. Nur auf Assad zu schimpfen, ist intellektuelle Einäugigkeit. Dazu kommt die Torheit des Geldes: die hyperreichen nouveau riche Saudi Arabien und Qatar, ehemalige Nomadenstämme und erst seit Anfang des 20. Jh geschichtslose staatliche Gebilde, verführt vom Westen und den Westen mit gigantischen Investitionen verführend, groteske Familiendiktaturen mit religiöser Sittenpolizei, Sklavenarbeitern und Frauenunterdrückung. Und kein Ende in Sicht.
3.
sahnekefir 01.11.2013
Zitat von stasilausIn Nordamerika haben die Weissen die Indianer auch nicht nur mit Krieg ausgerottet. sondern massenhaft mit eingeschleppten Krankheiten und Mangelernährung Offenbar versucht die USA dies jetzt auch in Syrien. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst unter der Bevölkerung eine Milzbrand-Epidemie ausbricht. Bei den Indianern war es die Tuberkeln- und Pockenerreger aus den Wolldecken der europäischen Quarantäne-Stationen.
Ich traue den USA ja einiges an Schweinereien zu, besonders in dieser Region, aber dass die USA ein besonderes Interesse am vorzeitigen Tod syrischer Krebspatienten oder einer Masernepidemie haben, glaube ich eigentlich nicht.
4. Nun stehen alle vor einem Trümmerhaufen
mercadante 01.11.2013
Libyen war für Syrien ein schlechtes Beispiel vor allem für die Koalition der Weltverbesserer , Syrien wurde Jahrelang mit Sanktionen behandelt , nach Libyen sollte diese Behandlung eine Steigerung bekommen , nun haben wir den Salat , es müssten soviel Toten geben damit die Welt der Verbesserer verstehen dass der Weg Dialog heißt auch wenn langsam und mühsam ist
5.
twaddi 01.11.2013
Aber die Bomben zerstören die Infrastruktur, die die "großen Killer" in Schach halten können.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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