Kritik an Kliniken: Viele Operationen angeblich unnötig

In Deutschland steigt die Zahl von Operationen. Nun geraten Kliniken wegen angeblich unnötiger Behandlungen in die Kritik. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist die Warnungen als diffamierend zurück.

Behandlung eines Patienten (Symbolbild): Kassen wollen mehr Einfluss Zur Großansicht
Corbis

Behandlung eines Patienten (Symbolbild): Kassen wollen mehr Einfluss

Hamburg/Berlin - Patienten in Deutschland werden nach Einschätzung von Krankenkassen und Politik oft aus rein wirtschaftlichen Gründen operiert. "Vieles deutet darauf hin, dass in den Kliniken aufgrund ökonomischer Anreize medizinisch nicht notwendige Leistungen erbracht werden", sagte der Vizechef des Kassen-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg.

Der Krankenhaus-Experte des Verbands, Wulf-Dietrich Leber, sprach angesichts großer Zuwächse bei Knie- und Hüftprothesen sowie Wirbelsäulen-Eingriffen von der Grenze des medizinisch Sinnvollen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wies die Warnungen als diffamierend zurück.

Der Kassenverband berief sich auf eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in seinem Auftrag. Demnach gab es zwischen 2006 und 2010 einen Anstieg von 13 Prozent bei den Behandlungen, wobei schwere Fälle stärker gewichtet wurden. Nur 40 Prozent des Anstiegs seien durch die Alterung der Gesellschaft erklärbar.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sagte: "In Deutschland wird zu oft und zu früh operiert, etwa bei Bandscheibenvorfällen oder Knie-OPs." Im Interesse von Patienten und Beitragszahlern solle das Problem gemildert werden. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte, dass heute alle Kliniken alles machen dürften: "Wenn die Patienten Pech haben, bekommen sie überflüssige Leistungen in minderwertiger Qualität."

"Immer höher bezahlt"

Der Geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbandes, Uwe Deh, sagte: "Je stärker Kliniken aufgrund von Überkapazitäten unter wirtschaftlichem Druck stehen, desto größer ist auch der Anreiz aufgrund eines rein wirtschaftlichen Kalküls zu operieren." Die Finanzierung sollte mehr auf Qualität ausgerichtet sein.

Als Hauptursache für die Entwicklung nehmen RWI und Kassenverband an, dass die einzelnen Behandlungen immer höher bezahlt werden - und die Krankenhäuser die Zahl dieser lohnenden Behandlungen folglich erhöhten.

Das Vorhaben der Koalition, die kontinuierliche Zunahme von Operationen aus Kostengründen stärker abzubremsen, bringe nur kurzfristige Milderung, kritisierte Verbandsexperte Leber. Die Politik kaufe sich nur Zeit bis nach der nächsten Bundestagswahl. Union und FDP wollen, dass die Kliniken länger als bisher Abschläge für mehr Behandlungen in Kauf nehmen müssen.

Die Kassen forderten, dass sie künftig auch direkte Verträge mit einzelnen Kliniken abschließen dürfen. Oder die Krankenhäuser müssten verstärkt Lizenzen dafür bekommen, die regelten, wie viele Behandlungen sie machen dürften - und diese auf andere Häuser übertragen können.

Strittig ist in der Koalition derzeit noch der Vorstoß, den Kassen mehr Einfluss darauf zu geben, in welchen Kliniken die Patienten behandelt werden. Demnach würde die Zuzahlungen der Versicherten entfallen, wenn sie ein von der Kasse vorgeschlagenes Haus wählen. Kassen sollen so gute und günstige Häuser stärken. Der CSU-Gesundheitsexperte Max Straubinger kritisierte: "Ich lehne so eine Regelung ab, weil sie eklatant gegen die Wahlfreiheit verstößt."

boj/dpa

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Schon interessant!
doc 123 30.05.2012
Zitat von sysopIn Deutschland steigt die Zahl von Operationen. Nun geraten Kliniken wegen angeblich unnötiger Behandlungen in die Kritik. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist die Warnungen als diffamierend zurück. Kritik von Krankenkassen: Viele Operationen angeblich unnötig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,836065,00.html)
Ich schreibe hier schon zigfache Beiträge zu diesem Thema, dass die Masse der Ops, inbesondere Bandscheiben-Ops, Kniespiegelungen und Knie-TEP, Herzkatheteruntersuchungen, Haut-Krebs-Ops... vollständig unnötig sind.... einfach NUR schön zu erleben, dass es mittlerweile offensichtlich auch noch andere Menschen gibt, die dieser Ansicht sind.
2. Resourcen-Vorhaltung
Tubus 30.05.2012
Das grundlegende Problem solcher Sinnlosdiskussionen ist doch, dass es keinen gesellschaftlichen Konsens über das Maß an Medizin gibt, was wir uns leisten wollen. Diese Frage ist auch nicht von Fachleuten bzw. Ärzten allein zu beantworten, sondern politisch. Es ist einen uralte medizinische Erfahrung, dass Kapazitäten genutzt werden, wenn sie vorhanden sind. Dass dies objektiv nicht immer nur im Interesse von Patienten geschieht, ist auch nichts Neues. Vergleiche mit anderen Ländern sind auch nur bedingt tauglich, da deren Verhältnisse nicht ohne Weiteres übertragbar sind. In angelsächsischen Ländern hat man gute Erfahrungen mit boards gemacht, in die angesehene Senioren aus Wissenschaft Kultur und Politik berufen werden um generelle Empfehlungen abzugeben, wie allgemein zu verfahren ist und welche Ressourcen als angemessen zu betrachten sind. Ob und welche OP im einzelnen notwendig ist, lässt sich nur individuell entscheiden.
3.
joschitura 30.05.2012
Zitat von doc 123Ich schreibe hier schon zigfache Beiträge zu diesem Thema, dass die Masse der Ops, inbesondere Bandscheiben-Ops, Kniespiegelungen und Knie-TEP, Herzkatheteruntersuchungen, Haut-Krebs-Ops... vollständig unnötig sind.... einfach NUR schön zu erleben, dass es mittlerweile offensichtlich auch noch andere Menschen gibt, die dieser Ansicht sind.
Wie man so sagt: gesund, bis der Arzt kommt... Aber im Ernst: natürlich sind z.B. die meisten Bandscheiben-OPs unnötig. Aber wenn die Oberärztin (Typ "Schwester Diesel") nach einem flüchtigen Blick auf die MRT-Ergebnisse sagt: Da müssen wir sofort operieren!, dann kriegen unbedarfte Patienten schon mal das Flattern. Und wenn Mann sich vom Urologen mit dem mehr als zweifelhaften PSA-Test (plus Biopsie) verunsichern läßt, dann liegt er schneller unterm Messer, als er Pipi sagen kann. Warum ist das so? Weil profitgierige Klinikmanager und Ärzte Kohle machen wollen - das teure Equipment muß doch ausgelastet werden. Deshalb eiserne Regel: dritte (!) Meinung einholen, nicht bloß zwei. Und informieren, informieren, informieren.
4. Diskussion von Laien!
doc 123 30.05.2012
Zitat von TubusDas grundlegende Problem solcher Sinnlosdiskussionen ist doch, dass es keinen gesellschaftlichen Konsens über das Maß an Medizin gibt, was wir uns leisten wollen. Diese Frage ist auch nicht von Fachleuten bzw. Ärzten allein zu beantworten, sondern politisch.
Abstruser Unsinn, was Sie hier schreiben trifft vielleicht für eine Laiendiskussion zu. Ich kann ganz sicherlich als äußerst qualifizierter Facharzt behaupten, dass mindestens 90-95 % der Hautkrebs-Ops vollständig unnötig sind, da rein statistisch ein Schwarzer Hautkrebs ein äußerst seltenes Ereignis ist. Und wie schon mehrfach angeführt, wenn dann am Ende von 8 vermuteten Hautkrebsfällen (deutsche Krebsliga) sich tatsächlich 1 (EIN) einziger Fall als richtig diagnostiziert herausstellt, dann halte ich das für einen SKANDAL. Es gibt doch allenfalls zwei Alternativen. Entweder ist der Hautarzt, der die Op-Diagnose stellte, gnadenlos unfähig und allein deshalb sollte ihm die Approbation schon entzogen werden oder was - sehr sehr viel wahrscheinlicher ist - diese Op-Maßnahmen werden NUR deshalb durchgeführt, da sehr sehr gut abzurechnen. Eine extrabudgetäre Hautkrebs-Op bringt so zwischen 100 und 150 Euro, bei eine Flatrate von 14 Euro pro Patienten und Quartal selbst bei schwersten Hauterkrankungen. LOGISCH, dass man da lieber einen unauffälligen Leberflecken als "schweren" Hautkrebs diagnostiziert und operiert als einen ernsthaft kranken Patienten zu handeln, dessen Kosten auch nicht annähernd in diesem vollständig korrupten und abstrusen Medizinsystem ersetzt werden. Ich schreibe hier NUR deshalb so explizit über das Hautarzt-Problem, da ich mich zweifellos auf Grund meiner fachlichen Qualifikation auskenne. Letztlich ist dies jedoch tatsächlich gegenüber den ernsthaft kriminellen Ärzten wie insbesondere den orthopädischen Chirurgen ein eher untergeordnetes Problem.
5. Die Geister, die ich rief...
stebiel 30.05.2012
Zitat von sysopIn Deutschland steigt die Zahl von Operationen. Nun geraten Kliniken wegen angeblich unnötiger Behandlungen in die Kritik. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist die Warnungen als diffamierend zurück. Kritik von Krankenkassen: Viele Operationen angeblich unnötig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,836065,00.html)
Da sind unsere Poltiker mal wieder besonders schlau. Das Problem mit den "zu vielen" OPs ist vermutlich tatsächlich vorhanden. Welche Gründe gibt es dafür? 1. Den Patienten wird suggeriert - nicht nur von Ärzten und Krankenhäusern, sondern auch von den jetzt lamentierenden Krankenkassen - dass sie mit ihren Beiträgen jedwede Leistung umsonst bekommen. Es ist so in den letzten Jahren ein extremes Anspruchsdenken bei den Patienten entstanden, das jetzt kaum noch zurückzuschrauben ist ("Wie? Ich soll das was dazu bezahlen?"). Damit machen ja die KK auch Werbung ("bei uns ist die Leistung am besten"). So etwas nennt man Wettbewerb bzw. freien Markt. Jahrelang wurde von der Politik mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen gefordert - bitteschön, da ist er jetzt! Was ein unkontrollierter Markt bewirkt, erleben wir übrigens gerade live in der Finanzwirtschaft. 2. Die Politik hat zunehmend die Krankenhausplanung reduziert, d.h. welche Gesundheitsleistung in welcher Stadt/welchem Kreis vorgehalten werden muss, soll der Wettbewerb regeln. Gleichzeitig sind Krankenhäuser unterfinanziert, da die jährliche Budget-Steigerung unterhalb der Kosten-Entwicklung (Gehälter, Energie etc.) liegt. Konsequenz? Der KH-Geschäftsführer muss entweder Jahr für Jahr mehr sparen (i.d.R. Personal), um die gleiche Leistung erwirtschaften zu können - dies führt in letzter Konsequenz meistens nach wenigen Jahren zur Schliessung des Krankenhauses. Oder das Krankenhaus muss, um seinen Personalstamm halten zu können, Jahr für Jahr mehr Leistungen erbringen - voila! Wenn also orthopädische Eingriffe, Herzkatheter und Co. sich lohnen, wird da eben mehr gemacht. Da ja die Leistungplanung durch die Politik weitgehend abgeschafft wurde (jedes KH kann sich im Prinzip jedes Grossgerät anschaffen, wenn es sich das leisten kann), kauft man sich am besten einen teuren Gerätepark zusammen und versucht, durch möglichst viele Eingriffe als KH zu überleben und gleichzeitig die teuren Geräte zu refinanzieren. Wer wundert sich da eigentlich, dass gerade der Krankenhaussektor des Gesundheitswesens in den letzten Jahren immer teurer geworden ist? Dies ist auch die Folge der Einführung des DRG-Systems, das zudem zu einem Preisverfall der Einzelleistungsfinanzierung führt ("Hamsterrad-Effekt"). Fazit: Der Geist des Kapitalismus im Gesundheitswesen wurde von der Poltik gerufen, nun kann man sich über dessen Auswüchse nicht beschweren, das ist schlicht unredlich. Die Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen, ist Kernaufgabe eines gesunden Staates und nicht ein Wirtschaftsgut wie Autos, Gummibärchen oder Damenmode! Ich würde mir wünschen, dass unsere Politik das endlich wieder begreift.
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