Künstliche Befruchtung Britische Mediziner überprüfen gesamtes Embryonen-Erbgut

Die Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung ist noch immer gering. Britische Ärzte wollen jetzt durch eine verbesserte Erbgutanalyse die Chancen für Paare mit Kinderwunsch erhöhen. Deutsche Experten sind skeptisch.

Laborunterstützung beim Kinderwunsch: Illustration der Spermieninjektion bei einer künstlichen Befruchtung
Corbis

Laborunterstützung beim Kinderwunsch: Illustration der Spermieninjektion bei einer künstlichen Befruchtung


London/Oxford - Wenn ein Paar versucht, mit Hilfe einer künstlichen Befruchtung ein Kind zu bekommen, muss es sich oft auf einen langwierigen Prozess einstellen. Denn in der Regel klappt es bei der ersten In-vitro-Fertilisation (IVF) nicht. Nach Angaben des Deutschen IVF-Registers fürs Jahr 2011 führten lediglich 36 Prozent aller Embryotransfers nach einer konventionellen IVF zu einer Schwangerschaft.

Britische Mediziner berichten nun, dass sie diese Quote möglicherweise verbessern können - mit einer neuen Form der Präimplantationsdiagnostik (PID). Das Team um Dagan Wells von der University of Oxford nutzte dafür eine relativ schnelle und günstige Methode der Erbgutanalyse, das sogenannte Next Generation Sequencing (NGS), mit dem sie das gesamte Erbgut untersuchen.

Auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Human-Reproduktion und Embryologie (ESHRE) in London berichtet Wells, dass das erste gesunde Kind, bei dem sie die Methode angewendet hätten, bereits auf der Welt sei. Eine zweite Frau sei derzeit schwanger. Die Forscher untersuchten das Erbgut von insgesamt sieben Embryonen der beiden Paare, jeweils einen pflanzten sie den Frauen ein.

Defekte entdecken, die zu Fehlgeburten führen

"Viele bei der IVF erzeugten Embryonen haben keine Chance, sich zu einem Baby zu entwickeln, weil sie tödliche Gendefekte tragen", sagt Wells. NGS erhöhe die Chance, diese Defekte zu entdecken.

Da Wells bisher nur von diesen Einzelfällen berichtet und keine größere Studie vorliegt, sind deutsche Experten jedoch skeptisch, ob NGS wirklich die Chance auf eine Schwangerschaft erhöht.

Laut Wells ist die Untersuchung binnen 16 Stunden abgeschlossen. Das sei ein weiterer Vorteil, da die Embryonen nicht eingefroren werden müssten. Außerdem ist die Methode nach Aussage von Wells deutlich günstiger als bisher angewandte Techniken.

Bei der künstlichen Befruchtung werden Eizellen außerhalb des Körpers mit Sperma zusammengebracht. Der daraus entstehende Embryo wird wieder in den Mutterleib eingepflanzt. Oft setzen Mediziner Frauen auch zwei oder drei Embryonen ein, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen - dies führt dann wiederum häufig zu Mehrlingssschwangerschaften. Bei der PID untersuchen Mediziner die Embryonen, bevor sie diese der Frau einpflanzen.

Anwendung in Deutschland ist unwahrscheinlich

Das von Wells vorgestellte Verfahren soll in einer größer angelegten klinischen Studie getestet werden, die noch dieses Jahr beginnen wird. Erst in einer Vergleichsstudie könne der Beweis erbracht werden, dass die Methode tatsächlich Verbesserungen bringt, sagt auch Klaus Diedrich, Vorsitzender der PID-Kommission bei der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. "Im aktuellen Fall der britischen Mediziner waren es Einzelbeobachtungen, aber keine Beweise."

Es habe bereits mit dem Aneuploidie-Screening eine PID-Form gegeben, bei der Chromosomen untersucht wurden, berichtete Diedrich. Allerdings seien in diesem Fall nur fünf bis sechs Chromosomen analysiert worden. "Die Schwangerschaftsrate hat sich hierdurch nicht verbessert", sagt der Experte.

Dass die britische Methode in Deutschland eingeführt wird, hält Diedrich für unwahrscheinlich. Erst seit diesem Jahr ist hier nach jahrelangem politischen und ethischen Streit der Weg für die PID rechtlich frei. Doch nur Paare mit problematischen Genanlagen dürfen ihre Embryonen aus dem Reagenzglas mit Gentests auf schwere Defekte untersuchen lassen. "In Großbritannien wurde das Screening nur auf Verdacht durchgeführt, das ist in Deutschland nicht denkbar", sagt Diedrich.

wbr/dpa



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thomas_gr 08.07.2013
1. optional
Wann gleitet uns dieser Wahnsinn aus den Händen?
firenafirena 08.07.2013
2. Kein Aufschrei nötig
Die künstliche Befruchtung ist rechtlich und ethisch in der Gesellschaft etabliert. Ebenso ist es bisher dabei immer so gewesen, dass mehrere Embryonen erzeugt werden, aber nicht alle eingesetzt wurden. Diese Technik ändert daran überhaupt nicht´s - mit dem Unterschied, dass ggf. die Überlebensrate der eingesetzten Embryonen erhöht wird. Somit könnte auf weitere "Versuche" und somit auch weitere "unnötig" befruchtete Eizellen verzichtet werden. Unter´m Strich sinkt mit dieser Methode (sofern sie tatsächlich funktioniert, was sich noch heraus stellen muss) die Anzahl der "überflüssig" befruchteten Eizellen. Übrigends: Auch ohne Eingriffe des Menschen kommt es regelmäßig vor, dass sich eine befruchtete Eizelle nicht einnistet und somit von der Natur "verworfen" wird. Wer Angst vor den "Designerbabys" hat, möge sich in die Thematik der Genetik einlesen und lernen, welche Eigenschaften tatsächlich über die künstliche Manipulation von Genen gesteuert werden können und welche nicht. Der Mensch funktioniert nämlich nicht so einfach nach dem Prinzip: Ein Gen = eine Eigenschaft und es ist schon mal überhaupt gar nicht der Fall, dass alle diese Gene bekannt sind und manipuliert werden können.
Rahvin 08.07.2013
3. optional
Wenn die Zahl der unnötig befruchteten Eizellen verringert, ist das nur eine Seite der Medaille. Gruseliger ist eher der Umstand, dass wir in kleinen, aber unaufhaltbar scheinenden Schritten auf jene Science-Fiction-Realität zusteuern, die wir zu Beginn noch fürchteten: Nur genetisch einwandfreies Material weiterexistieren zu lassen. Ja, die Natur verwirft Embryonen auch, wahrscheinlich sogar zu einem deutlich höheren Anteil als dass sie Leben zulässt. Indem wir Einfluss auf diesen Prozess nehmen, optimieren wir unsere Reproduktion. Und alles, was mit betriebswirtschaftlichen Begriffen benannt werden kann, das im menschlichen Bereich stattfindet, ist am Ende zum Scheitern verurteilt, weil es uns unmenschlich macht und aus der Natur heraushebt, in die wir eingebettet existieren müssten. Für die Paare mit Kinderwunsch ist es eine gute Nachricht, nichtsdestotrotz beunruhigt mich die Entwicklung, der wir tatenlos zusehen, weil es immer wieder heisst, sie wäre ohnehin nicht aufzuhalten.
firenafirena 08.07.2013
4.
Zitat von RahvinWenn die Zahl der unnötig befruchteten Eizellen verringert, ist das nur eine Seite der Medaille. Gruseliger ist eher der Umstand, dass wir in kleinen, aber unaufhaltbar scheinenden Schritten auf jene Science-Fiction-Realität zusteuern, die wir zu Beginn noch fürchteten: Nur genetisch einwandfreies Material weiterexistieren zu lassen. Ja, die Natur verwirft Embryonen auch, wahrscheinlich sogar zu einem deutlich höheren Anteil als dass sie Leben zulässt. Indem wir Einfluss auf diesen Prozess nehmen, optimieren wir unsere Reproduktion. Und alles, was mit betriebswirtschaftlichen Begriffen benannt werden kann, das im menschlichen Bereich stattfindet, ist am Ende zum Scheitern verurteilt, weil es uns unmenschlich macht und aus der Natur heraushebt, in die wir eingebettet existieren müssten. Für die Paare mit Kinderwunsch ist es eine gute Nachricht, nichtsdestotrotz beunruhigt mich die Entwicklung, der wir tatenlos zusehen, weil es immer wieder heisst, sie wäre ohnehin nicht aufzuhalten.
Ich kann die Bedenken auch nachvollziehen, auch wenn ich dieser speziellen Technik prinzipiell sehr positiv gegenüber stehe. Ich frage mich: Ist unsere Gesellschaft in der Lage, etwas anderes zu akzeptieren als ein reines "entweder-oder"? Ich finde nicht´s Verwerfliches daran, alles daran zu setzen, dass gesunde Kinder auf die Welt kommen und dass - oftmals tödliche - Erbkrankheiten und das daraus entstehende Leid so gut wie möglich vermieden werden. Ich finde auch nicht´s Schlechtes daran, bei einer künstlichen Befruchtung den Embryonen den Vorzug zu geben, welche die größten Chancen haben, sich zu gesunden Menschen zu entwickeln. Auf der anderen Seite entbindet das die Gesellschaft nicht, sich mit den Belangen und Bedürfnissen behinderter Menschen auseinander zu setzen! Ich habe leider keinen Beleg zu Hand, habe aber unlängst in einer Diskussionsrunde bei der ARD (?) von einem Experten gehört, dass ca. 80% aller Behinderungen durch Krankheiten und Unfälle im Laufe des Lebens entstehen, und nicht von Geburt an vorhanden sind. Somit wird es auch weiterhin immer behinderte Menschen geben, denen die Gesellschaft einen Platz schaffen muss und die das Recht auf ein würdevolles Leben haben - selbst wenn kein Kind von Geburt an mehr behindert auf die Welt kommen müsste. Ich finde, dass es sich nicht ausschließt, auf der einen Seite diagnostische Methoden zu entwickeln und anzuwenden, die erbliche Behinderungen erkennen können - und auf der anderen Seite den Menschen, die eine Behinderung haben, respektvoll gegenüber zu treten. Und wenn sich ein Paar bewusst dazu entscheidet, ein behindertes Kind auszutragen ist das ebenfalls etwas, was man respektieren muss. Genauso wie die Entscheidung, es nicht zu tun. Aber man kann diese Diskussion nicht beenden, indem man medizinische Möglichkeiten begrenzt.
partey 08.07.2013
5. Titel
Zitat von sysopCorbisDie Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung ist noch immer gering. Britische Ärzte wollen jetzt durch eine verbesserte Erbgut-Analyse die Chancen für Paare mit Kinderwunsch erhöhen. Deutsche Experten sind skeptisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/kuenstliche-befruchtung-a-909856.html
Ich glaube, dass die künstliche Befruchtung nur als Grund vorgeschoben wird um weiter daran zu forschen. Denn wer kann schon einem Paar seinen Kinderwunsch verdenken. So eine Technik wäre prima geeignet zur Bevölkerungskontrolle. Einfach alle Kinder nach der Geburt zwangssterilisieren, zu Ihrem eigenen Schutz natürlich. Kinder bekommen dann auch nur die ganz Braven, die bei denen man sich "sicher" ist.
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