Langzeitstudie: Aspirin verringert das Risiko für Krebstod

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Acetylsalicylsäure, einmal täglich, schützt vor tödlichen Tumoren. Diesen Nachweis wollen jetzt britische Forscher in einer groß angelegten Langzeitstudie erbracht haben. Aber die Interpretation der Daten ist knifflig - zudem dürfen die Nebenwirkungen von Aspirin nicht vernachlässigt werden.

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Aspirin-Pille: Alltagsmedikament gegen vielerlei Erkrankungen?

Über kaum ein Arzneimittel diskutiert der Laie so gerne wie über die Acetylsalicylsäure (ASS). Nicht nur, dass das Medikament, das den meisten als Aspirin (eines seiner vielen Markennamen) bekannt ist, gegen Kopfschmerzen hilft. Die einen schlucken es, um Fieber loszuwerden und Entzündungen sowie Erkältungssymptome zu lindern. Die anderen sehen in der kleinen weißen Pille ein wunderbares Allerweltsheilmittel: Herzinfarkt, Schlaganfall - wer täglich eine kleine Dosis zu sich nimmt, beugt dagegen vor.

Seit einigen Jahren mehren sich auch die Hinweise darauf, dass ASS noch etwas kann: Krebs vorbeugen. Britische Forscher haben diesen Effekt jetzt in einer groß angelegten Langzeitstudie bestätigt und darüber im Fachjournal "The Lancet" berichtet: Das Team um den Onkologen Peter Rothwell von der University of Oxford wertete die Daten aus acht verschiedenen Einzelstudien aus. Die gesamte Teilnehmerzahl lag bei über 25.500 Probanden. Nach eigenen Aussagen der Forscher ist das die erste Menschenstudie dieser Art, die beweist, dass Aspirin die Sterblichkeitsrate bei einer Reihe von Krebserkrankungen reduziert.

Frühere Studien hatten bereits erste Hinweise darauf geliefert, dass Aspirin einen schützenden Effekt habe. So hatten die gleichen Autoren erst vor kurzem ebenfalls in "The Lancet" eine ähnliche Analyse veröffentlicht, die einen Schutzmechanismus bei Darmkrebs belegen konnte.

Die aktuelle Studie bezieht sich dagegen auf mehrere Krebsarten: Die Analyse ergab, dass unter jenen Probanden, die mindestens vier Jahre lang täglich eine geringe Dosis ASS (75 Milligramm) zu sich genommen hatten, das Risiko für einen Krebstod um 21 Prozent geringer war als in der Kontrollgruppe, die nur ein Placebo bekam. Insgesamt sei die Sterblichkeitsrate für viele Krebsarten gesunken, schreiben die Forscher: Für Speiseröhrenkrebs sogar um 60 Prozent. 40 Prozent waren es für Dickdarmkrebs, 30 Prozent für Lungenkrebs und etwa 10 Prozent für Prostatakrebs.

Keine Empfehlung

Die geringere Sterblichkeitsrate zeigte sich auch 20 Jahre nach der Behandlung mit Aspirin, berichten die Mediziner: Das Risiko, durch Krebs zu sterben, war in der Aspirin-Gruppe 20 Jahre nach der Therapie weiterhin um 20 Prozent niedriger als in der Pacebo-Gruppe. Dieser Effekt wurde noch besser, je länger die Asprin-Einnahme war. Außerdem konnten die Forscher belegen, dass je älter die Personen waren, als sie mit der Einnahme begannen, desto wirksamer der Schutz war.

Obgleich die Ergebnisse offenbar eine deutliche Sprache sprechen, geben sich die Mediziner zurückhaltend. Die Resultate sollen Erwachsene keinesfalls dazu anstiften, "sofort mit der täglichen Einnahme von Aspirin zu beginnen", sagte der Studienleiter Rothwell. Wohl aber sollten diese Hinweise bei der Erstellung von Richtlinien zur Krebstherapie mit berücksichtigt werden, so der Onkologe.

Doch derzeit widerspricht die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) den Empfehlungen, die sich aus der britischen Studie ergeben. In einer Stellungnahme auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagt die DGHO, man begrüße die Arbeit, weil sie einen wichtigen Schritt zur Krebsprävention gehe. Allerdings hätte die Studie einige Mängel. Unter anderem würde sie nicht den Einfluss von ASS auf die Häufigkeit verschiedener Krebserkrankungen untersuchen. Und sie liefere zudem keine Daten zur optimalen Dosierung. "Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Ergebnisse nicht ausreichend, um den generellen Gebrauch von ASS zu empfehlen", so die DGHO.

Auch das britische Forscherteam räumt in seinem Bericht einige Bedenken ein. Man habe die Probanden lediglich über einen Zeitraum von 20 Jahren begleitet. Ob der Schutz vor Krebs möglicherweise danach wieder abnimmt, ist derzeit noch unklar. Zum anderen müsse man noch mehr Daten auswerten, ob der Effekt auch für weniger gefährliche Krebsarten gelte.

Außerdem waren die Probanden in den Studien im Schnitt nur vier bis acht Jahre lang mit ASS behandelt worden. Und das ist wohl das größte Problem der Studie. Denn gleichwohl ist auch bekannt, dass Blutverdünner wie Acetylsalicylsäure das Risiko für schwere Blutungen erhöhen können. Deshalb können die Mediziner noch nicht sicher sagen, ob der Schutz vor Krebs durch Aspirin bei einer längeren täglichen Einnahme möglicherweise nicht geringer ist, als das Risiko der gefürchteten Nebenwirkungen.

Lediglich innerhalb eines Einnahmezeitraums von fünf bis zehn Jahren können Rothwell und seine Kollegen diese Befürchtungen ausräumen: Die tägliche Einnahme von ASS senke das Risiko um zehn Prozent, während dieser Zeit überhaupt zu sterben, so die Forscher.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. die Pharmalobby spricht
ErfolgReichSchoen 07.12.2010
Allein in den USA sterben jährlich 16.000 Menschen an frei verkäuflichen Schmerzmitteln, darunter Aspirin und Paracetamol. Pillen sollte man nie prophylaktisch schlucken!
2. Böser Schutz
Barxxo 07.12.2010
Zitat: "Acetylsalicylsäure, einmal täglich, schützt vor tödlichen Tumoren" Der Satz sollte ergänzt werden mit: und führt häufig zu Magenbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Sodbrennen, seltener zu ernsthaften Komplikationen wie Magenblutungen und Magengeschwüre, u. U. mit Magendurchbruch. Sicher gefällt auch Krebszellen die auf Dauer schädigende Wirkung nicht.
3. Verschreibungsplichtige Medis sind noch gefährlicher
polarity 07.12.2010
Zitat von ErfolgReichSchoenAllein in den USA sterben jährlich 16.000 Menschen an frei verkäuflichen Schmerzmitteln, darunter Aspirin und Paracetamol. Pillen sollte man nie prophylaktisch schlucken!
Und noch mehr (100,000 per annum in USA) an korrekt eingenommenen, verschreibungspflichtigen Medikamenten... Die Studien dazu sind zwar nicht mehr taufrisch, aber auch nicht widerlegt. http://www.ourcivilisation.com/medicine/usamed/deaths.htm
4. nt
Lietus 07.12.2010
Zitat von BarxxoZitat: "Acetylsalicylsäure, einmal täglich, schützt vor tödlichen Tumoren" Der Satz sollte ergänzt werden mit: und führt häufig zu Magenbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Sodbrennen, seltener zu ernsthaften Komplikationen wie Magenblutungen und Magengeschwüre, u. U. mit Magendurchbruch. Sicher gefällt auch Krebszellen die auf Dauer schädigende Wirkung nicht.
Naja es sind eher Bauchschmerzen....Übelkeit oder Erbrechen sind doch eher sehr sehr selten..
5. Fragezeichen
kaksonen 07.12.2010
Zitat von Barxxo...Der Satz sollte ergänzt werden mit: und führt häufig zu Magenbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Sodbrennen, seltener zu ernsthaften Komplikationen wie Magenblutungen und Magengeschwüre, u. U. mit Magendurchbruch ...
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