Lawinen-Experiment Forscher lassen Schweine im Schnee sterben

Umstrittenes Experiment in Österreich: Schweine müssen sterben, nachdem sie betäubt unter Schneemassen begraben wurden - damit Forscher neue Erkenntnisse über den Tod in Lawinen gewinnen. Tierschützer sind entsetzt, Politiker bezweifeln den Sinn des Versuchs.


Fotostrecke

5  Bilder
Lawinen: Die weiße Todesgefahr
Wien - Üblicherweise haben Menschen keine besonders großen Probleme damit, für ihr Wohl Schweine sterben zu lassen. Mehr als 16.000 der Paarhufer sind nach Zahlen der Bundesregierung 2007 bei wissenschaftlichen Experimenten umgekommen. Eine geradezu winzige Zahl im Vergleich zu der Schweinemenge, die dem menschlichen Appetit geopfert wird: 50 Millionen der Tiere landen jedes Jahr in deutschen Schlachthöfen und anschließend auf dem Teller. Rund einen Zentner Schweinefleisch vertilgt der Durchschnittsdeutsche pro Jahr.

Nun geht es 29 Schweinen in Österreich an den Kragen - und das Entsetzen könnte größer kaum sein. Denn anders als sonst sollen die Tiere nicht etwa hinter verschlossenen Türen, sondern an einem Berghang ihr Leben lassen - damit Forscher mehr über das Sterben von Menschen in Lawinen erfahren.

"Unfassbar", "unethisch", "widerwärtig" - so bezeichneten Tierschutzverbände und Politiker das Experiment und forderten sein sofortiges Ende. Selbst das Land Tirol, wo der Tierversuch stattfindet, und die österreichische Bergrettung distanzierten sich.

Langsamer Tod im Schnee

Doch das Experiment hat bereits begonnen. Nach den Plänen der Medizinischen Universität Innsbruck und des Zentrums für Notfallmedizin Bozen sollen noch etwa zwei Wochen lang jeden Tag Schweine im Ötztal von einer simulierten Lawine begraben werden, wie der Sender ORF berichtet. Sie werden dafür betäubt und an Geräte angeschlossen. Je nach Größe der Atemhöhle verfolgen die Wissenschaftler über Minuten oder Stunden das langsame Ersticken der Tiere. Andere Schweine werden nur bis zum Kopf im Schnee vergraben und erfrieren. Danach zerteilen die Forscher die Tiere und nehmen Gewebeproben.

Die Medizin-Uni versucht das Vorgehen mit einer Stellungnahme zu rechtfertigen: Der Versuch sei vom Wissenschaftsministerium genehmigt worden. Durch die Narkose bemerkten die Tiere nichts von ihrem Tod. Die Belastung sei sogar deutlich geringer als bei herkömmlichen Schlachtmethoden, sagte Studienmitarbeiter Volker Wenzel. Mit dem Versuch wolle man Erkenntnisse über die Überlebenschancen von Opfern in Lawinen erlangen: "In der dramatischen Situation nach einer Bergung können Notärzte somit besser beurteilen, ob und für welche Opfer reelle Überlebenschancen bestehen."

Die Tierschützer werfen den Forschern mangelndes Gefühl für die ethische Vertretbarkeit von Versuchen vor: "Das ist wohl einer der widerwärtigsten Tierversuche, der jemals in Österreich durchgeführt worden ist", so der österreichische Tierschutzverein. Der Versuch diene lediglich der Profilierung von Wissenschaftlern, das Geld könne zielführender für Lawinensuchgeräte und die Aufklärung von Wintersportlern verwendet werden. Wodurch Menschen bei Lawinen sterben und wie lange das dauert, sei aus jahrzehntelanger Erfahrung bekannt, kritisierte die Organisation "Vier Pfoten".

"Die Wissenschaftler sollen sich selbst eingraben"

Manche Tierschützer forderten die Wissenschaftler gar zum Selbstversuch auf. "Die Wissenschaftler sollen sich selbst eingraben, ihre Kollegen dürfen dann die Ergebnisse auswerten", schlug der Österreichische Tierschutzverein nach einem Bericht der Nachrichtenagentur APA vor.

Unterstützung erhalten die Kritiker aus der Politik. Anton Steixner, Tierschutzreferent der Tiroler Landesregierung, will von dem Versuch nichts gewusst haben und ist von den "sonderbaren Methoden" überrascht. "Schweine lebendig unter Schneemassen zu begraben, ist moralisch äußerst bedenklich", teilte er mit. Er distanziere sich von derart experimentellen Methoden. Auch die österreichische Bergrettung stellte den Sinn des Versuchs in Frage. Die Sozialdemokratische SPÖ und die Grünen fordern ein sofortiges Ende und wollen die Genehmigung im Parlament diskutieren.

Hermann Brugger von der Universitätsklinik Innsbruck, Leiter des Experiments, gab sich davon unbeeindruckt: Das Experiment werde fortgesetzt. "Aus tierethischer Sicht wäre es unsinnig, den Versuch abzubrechen", sagte er. Ansonsten wären die bisher getöteten Schweine umsonst gestorben. Über den "einzigen, einmaligen Tierversuch" komme man nicht hinweg, weil man aus den Ergebnissen Schlüsse zum Retten von Menschenleben ziehen könne. "In der dramatischen Situation nach einer Bergung können Notärzte somit besser beurteilen, ob und für welche Opfer reelle Überlebenschancen bestehen", so Brugger. Mehr Personen würden dadurch überleben.

mbe/dpa/apn

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
malaki 14.01.2010
1. Ja und?!
Zitat von sysopUmstrittenes Experiment in Österreich: Schweine müssen sterben, nachdem sie betäubt unter Schneemassen begraben wurden - damit Forscher neue Erkenntnisse über den Tod in Lawinen gewinnen. Tierschützer sind entsetzt, Politiker bezweifeln den Sinn des Versuchs. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,671990,00.html
Und jetzt?!
Neurovore 14.01.2010
2.
Zitat von malakiUnd jetzt?!
Jetzt will man wissen, ob sich deutsche Pistensäue zur Verfügung stellen...
Galaxia, 14.01.2010
3. Pigs have high IQ
Zitat von sysopUmstrittenes Experiment in Österreich: Schweine müssen sterben, nachdem sie betäubt unter Schneemassen begraben wurden - damit Forscher neue Erkenntnisse über den Tod in Lawinen gewinnen. Tierschützer sind entsetzt, Politiker bezweifeln den Sinn des Versuchs. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,671990,00.html
Die Ägypter hätte man mal Fragen können, die haben Erfahrung mit dem verbuddeln von lebendigen Schweinen.
Fackus 14.01.2010
4. man könnte ja auch
diese "Forscher" mal zu solchen Versuchen verwenden. Und so sollte es allen Tierquälern gehen - mit ihren eigenen Methoden: Robbenschlächter, Walfänger, Käfighühnerhalter, Pharmabiologen, Kühe-vom-Hubschrauber-Abwerfer etc. und die ganzen anderen Ethikverlassenen.
Knütterer, 14.01.2010
5. Ösis...
Zitat von sysopUmstrittenes Experiment in Österreich: Schweine müssen sterben, nachdem sie betäubt unter Schneemassen begraben wurden - damit Forscher neue Erkenntnisse über den Tod in Lawinen gewinnen. Tierschützer sind entsetzt, Politiker bezweifeln den Sinn des Versuchs. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,671990,00.html
... sind halt Deppen und warum haben die sich nicht todesmutig im Selbstversuch einbuddeln lassen? Ich sag nur aber dafür deutlich PFUI!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.