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Studie aus Norwegen: Entscheiden Sonnenflecken, wie alt wir werden?

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Wer in einer Phase hoher Sonnenaktivität zur Welt kam, starb bis zu fünf Jahre früher - das zeigen historische Daten aus Norwegen. Forscher erklären das Phänomen mit verstärkter UV-Strahlung, doch es gibt Zweifel an der These.

Sonne (Aufnahme von 2011): Signifikanter Einfluss auf Lebenserwartung? Zur Großansicht
DPA/ EPA/ SOLAR DYNAMICS OBSERVATORY

Sonne (Aufnahme von 2011): Signifikanter Einfluss auf Lebenserwartung?

Sonnenlicht ist essenziell für das Leben auf der Erde. Es sorgt für Wärme und treibt die Photosynthese der Pflanzen an. Doch es ist auch eine Gefahr: Insbesondere die UV-Strahlung kann das Erbgut schädigen und beispielsweise Hautkrebs auslösen.

Forscher aus Norwegen berichten nun, dass die Sonne sogar die Lebenserwartung der Menschen und die Überlebensrate von Kindern beeinflussen könnte. Das mag zunächst nach Astrologie klingen - doch Gine Roll Skjærvø und ihre Kollegen glauben, dafür eine plausible Erklärung gefunden zu haben.

Die Wissenschaftler haben Aufzeichnungen norwegischer Kirchenarchive ausgewertet und dabei festgestellt, dass eine Geburt während einer aktiven Phase des Sonnenzyklus statistisch mit einer um fünf Jahre verringerten Lebenserwartung einherging. Eine mögliche Erklärung dafür sei die verstärkte Schädigung von Folsäure (Vitamin B) und DNA im Körper durch die erhöhte Strahlung, schreiben Skjærvø und ihre Kollegen im Fachblatt "Proceedings B" der Royal Society.

Die Forscher von der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim nutzten Daten von mehr als 3000 Menschen, die zwischen 1676 und 1878 im mittleren Teil Norwegens zur Welt gekommen waren. Hinzu kamen Statistiken über die Anzahl der Sonnenflecken, die Rückschlüsse auf die Aktivität des Sterns erlauben. Ein Sonnenzyklus dauert etwa elf Jahre. In den ersten acht Jahren ist die Aktivität und damit die Strahlung gering. In den letzten drei Jahren gibt es deutlich mehr Sonnenflecken, die Strahlung steigt. Nach Angaben der Autoren ist die Strahlung während einer aktiven Phase um 0,1 Prozent höher als in einer Phase mit nur wenigen oder gar keinen Sonnenflecken.

DNA-Synthese offenbar betroffen

Menschen, die in einer Phase geringer Aktivität geboren worden waren, lebten laut der Studie im Schnitt 5,2 Jahre länger als jene, die in einer Phase mit vielen Sonnenflecken zur Welt gekommen waren. Zudem stellte das Skjærvø-Team fest, dass der Sonnenzyklus sogar Auswirkungen auf die nächste Generation haben könnte: Kinder von Menschen, deren Geburt außerhalb des aktiven Teils des Sonnenzyklus lag, hatten demnach eine größere Chance, das 20. Lebensjahr zu erreichen.

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"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Sonnenaktivität während der Geburt die Lebenserwartung eines Menschen und der nächsten Generation beeinflusst", schreiben die Forscher. Eine naheliegende Erklärung sei die Schädigung von Vitamin B durch die UV-Strahlung. Das Vitamin sei wichtig für die DNA-Synthese und für Reparaturprozesse im Erbgut. Dies ist jedoch nur eine Hypothese, denn die Datenanalyse offenbart nur eine Korrelation und keine Ursache-Wirkung-Beziehung.

Winfried Barchet vom Institut für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie in Bonn sieht die Aussagen der Studie kritisch: "Mehr als fünf Jahre Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den Gruppen ist überraschend hoch", sagt der Forscher, der an der Studie nicht beteiligt war. Offen bleibe die Frage, ob dieser statistische Unterschied am Ende - wie die Autoren spekulierten - tatsächlich durch die Sonnenaktivität bei der Geburt bedingt sei. "Da darf man skeptisch sein, zumal sich ein so deutlicher Effekt in ähnlichen Studien eben nicht zeigte."

Folsäure zur Vorsorge ist Routine

Bei einer früheren Studie, die auf historischen Daten von Menschen aus zehn Ländern beruhte, hatten Forscher tatsächlich keinen Zusammenhang zwischen Sonnenzyklus und Lebenserwartung nachweisen können. Skjærvø und ihre Kollegin erklären das Phänomen in Norwegen auch mit der dort verbreiteten besonders hellen Haut. Die Menschen seien schlechter vor UV-Strahlung geschützt, weshalb auch die Wirkung der erhöhten Aktivität stärker sei.

Was auch immer für die einst verringerte Lebenserwartung in Norwegen verantwortlich war, heutzutage dürfte die Sonnenstrahlung kaum noch eine Rolle spielen. "Wir leben heute doch ganz anders als in vergangenen Jahrhunderten", sagt der Bonner Mediziner Barchet. So sei die Arbeit unter freiem Himmel seltener geworden. "Zudem ist Vitamin-B-Mangel seltener, und gerade Schwangere nehmen ohnehin heute routinemäßig Folsäure zur Prophylaxe zu sich."

Auch die deutlich bessere Ernährung der heutigen Zeit dürfte ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen UV-Strahlung zumindest in hoch entwickelten Ländern kaum noch fürchten müssen. Antioxidantien und Enzyme in der Nahrung schützen das Erbgut und unterstützen Reparaturprozesse.

Die Entdeckung der ersten Sonnenflecken geht auf den Astronomen Galileo Galilei im Jahr 1610 zurück. Ab 1849 wurden die Flecken täglich in einem Observatorium in Zürich gezählt. Aus historischen Aufzeichnungen konnten Wissenschaftler schließlich auch den Verlauf früherer Zyklen rekonstruieren. Aktuell befindet sich die Sonne am Ende einer aktiven Phase. Allerdings war die Zahl der Sonnenflecken mit rund hundert vergleichsweise gering. Im 18. Jahrhundert gab es phasenweise mehr als 200 Sonnenflecken pro Monat.

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