Bösartiger Wandel: Krebszellen starten Signalkaskade

Aus hilfreichen Immunzellen werden bösartige Tumorzellen, eine Leukämie entsteht. Den Auslöser dafür geben die Zellen selbst, wie Freiburger Forscher nun entdeckt haben. Das Verständnis des Mechanismus soll helfen, neue Therapien gegen die Erkrankung zu entwickeln.

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Dühren-von Minden

Verkehrtes Schlüssel-Schloss-Prinzip: Krebszellen vermehren sich unkontrolliert

Freiburg - Es ist eine die häufigste Form des Blutkrebses im Erwachsenenalter: die chronisch lymphatische Leukämie (CLL). Warum sie entsteht, ist weitestgehend ungeklärt, ein Zusammenhang mit Virusinfektionen oder Umwelteinflüssen konnte nicht gezeigt werden.

Wissenschafter um Hassan Jumaa vom Lehrstuhl für Molekulare Immunologie der Universität Freiburg haben nun einen Mechanismus entdeckt, der zu einer CLL führen kann: Die Zellen selbst sind der Auslöser für die krankhaften Veränderungen, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift "Nature". Das Verständnis könnte neue Therapien mit geringeren Nebenwirkungen ermöglichen.

Bei einem gesunden Menschen haben B-Lymphozyten, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die Aufgabe, Antikörper zur Abwehr von Infektionen zu produzieren. Das bedeutet, sie bilden auf ihrer Oberfläche spezialisierte Andockstellen (Rezeptoren) aus: Damit erkennen sie normalerweise körperfremde Eindringlinge wie Viren oder Bakterien und können diese zerstören. Bei Menschen, die an CLL erkranken, kommt es zu einer ungehemmten Vermehrung von funktionslosen B-Lymphozyten, bei denen dieses "Schlüssel-und-Schloss-Prinzip" nicht funktioniert.

Benachbarte Rezeptoren aktivieren sich gegenseitig

"Bisher wurde vermutet, dass körpereigene Substanzen an diese Rezeptoren andocken und so die funktionslosen B-Lymphozyten aktivieren", sagt Jumaa. "Wir konnten nun zeigen, dass es an Rezeptor-internen Bausteinen liegt." Bei B-Lymphozyten von CLL-Patienten sind die Rezeptor-Bausteine HCDR3 und FR2 nämlich so geformt, dass sie Schloss und Schlüssel des Rezeptors darstellen. "Hierdurch aktivieren sich benachbarte Rezeptoren derselben Zelle gegenseitig und lösen eine Signalkaskade aus, die schließlich zur unkontrollierten Teilung der Krebszellen führt."

Als Behandlung für CLL stehen derzeit Ansätze wie eine Chemotherapie zur Verfügung, welche auf relativ unspezifische Weise die Symptome der Leukämie unterdrücken. "Basierend auf der Entschlüsselung der molekularbiologischen Grundlagen der CLL wollen wir nun herausfinden, wie wir dieses Wissen für Patienten nutzbar machen können." Vorstellbar sei es, Erkrankten in Zukunft vielfache Kopien des Schlüssels FR2 zu verabreichen, welche dann an die Rezeptoren andocken und verhindern, dass benachbarte Rezeptoren sich aneinander binden. Dies stoppt die folgenreiche Signalkaskade." Damit könnte deutlich früher als bisher und ohne größere Nebenwirkungen in den Krankheitsverlauf eingegriffen werden.

nik

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