Luftröhre mit Stammzell-Beschichtung Patient nach improvisierter Transplantation wohlauf

Fünf Monate nach der weltweit ersten Transplantation einer mit Stammzellen ausgekleideten Luftröhre geht es dem Patienten gut. Jetzt berichten die Mediziner, wie sie dem Mann mit neuer Technologie das Leben retteten.

Implantation einer künstlichen Luftröhre: Stammzellen verhindern Abstoßung
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Implantation einer künstlichen Luftröhre: Stammzellen verhindern Abstoßung


Stockholm - Vor dem Eingriff war der Tumor in der Speiseröhre so groß geworden wie ein Golfball. Dem 36-jährigen Mann aus Eritrea tat das Schlucken weh, die Luftröhre wurde zunehmend eingeengt - die Zeit wurde knapp. Eine Transplantation war die letzte Option.

Da kein passendes Spenderorgan zur Verfügung stand, formten schwedische Mediziner ein synthetisches Luftröhrengerüst, bestückten es mit Stammzellen aus dem Knochenmark des Patienten und ließen das Produkt in einem speziellen Bioreaktor 36 Stunden lang heranwachsen. Nachdem die Mediziner den Tumor entfernt hatten, verpflanzten sie das Labororgan im Juni dieses Jahres in einer zwölfstündigen Operation. Im Juli hatte das Karolinska-Institut (KI) berichtet, dass diese Prozedur erstmals in der Medizingeschichte geglückt sei.

Patient konnte erstmals seinen sieben Monate alten Sohn sehen

Nun haben die Ärzte des Eritreers ihre Beobachtungen aus den ersten fünf Monaten nach der Transplantation in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht. Demnach sei Andemariam Teklesenbet Beyene nach einem Monat im Krankenhaus und weiteren vier Wochen Rehabilitation nach Hause entlassen worden, berichtet das britisch-schwedische Team um Paolo Macchiarini.

In dem mit Stammzellen ausgekleideten künstlichen Organ haben sich nach Auskunft der Mediziner neue Blutgefäße gebildet, auch das Gewebe sehe gesund aus. Zudem konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass Zellen innerhalb des Gewebes wandern und Heilungsprozesse in Gang kommen, die dafür sprechen, dass die Stammzellen langfristig angewachsen seien.

Beyene sagt: "Ich bin jedem so dankbar, der das ermöglicht hat." Besonders schön für den Mann ist, dass er erstmals seinen 7-monatigen Sohn sehen konnte, der kürzlich gemeinsam mit der Ehefrau des Patienten und einem älteren Geschwisterkind aus Eritrea nach Island emigriert ist. Beyene studiert an der Universität in Island Geophysik und schreibt dort nach der Transplantation bereits wieder an seiner Doktorarbeit.

Nanofasern für eine maßgeschneiderte Luftröhre

Unter Macchiarinis Leitung waren anderen Patienten zuvor bereits Luftröhren toter Spender verpflanzt worden, die von Spenderzellen befreit und mit patienteneigenen Stammzellen besiedelt worden waren. Die Besiedelung mit eigenen Stammzellen soll verhindern, dass das Organ vom Immunsystem abgestoßen wird.

Kürzlich sei nun einem zweiten Krebspatienten, einem 30 Jahre alten US-Amerikaner, eine mit Stammzellen besiedelte künstliche Luftröhre eingepflanzt worden, berichtet das Team in "The Lancet". Die Röhre sei diesmal aus speziellen Nanofasern gefertigt und der Ansatz dadurch weiter verfeinert worden.

In einem Begleitkommentar geben Mediziner aus Boston zu bedenken, dass sich in den kommenden Jahren erst noch der langfristige Erfolg der maßgeschneiderten Implantate zeigen müsse. Erst dann dürfe eine breitere klinische Anwendung beginnen, fordern Harald Ott vom Massachusetts General Hospital und Douglas Mathisen von der Harvard Medical School. Die Suche nach dem idealen Material und den idealen Bedingungen laufe indes weiter.

hei/dpa

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