Schwangerschaft: Luftverschmutzung könnte Risiko für Autismus erhöhen

In Gegenden mit vielen Schadstoffen in der Luft beobachten Forscher besonders viele Autismusfälle bei Kindern. Womöglich wird die Krankheit durch Abgase ausgelöst - harte Beweise fehlen aber.

Smog an Highway in Los Angeles: Feinstaub schadet Gehirnentwicklung Zur Großansicht
REUTERS

Smog an Highway in Los Angeles: Feinstaub schadet Gehirnentwicklung

Chicago - Abgase sind ungesund. Das brauchen Mediziner kaum jemandem zu erklären. Forscher der University of California in Los Angeles berichten nun über ein erhöhtes Autismusrisiko für Kinder, die Gegenden mit hoher Luftverschmutzung leben. Demnach entwickelten Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft einer stärkeren Luftverschmutzung ausgesetzt waren, mit einer bis zu dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit Autismus wie Neugeborene, deren Mütter sauberere Luft eingeatmet hatten.

Ob es sich dabei allerdings tatsächlich um eine Ursache-Wirkung-Beziehung handelt, könne man noch nicht abschließend sagen, räumt das Team um Heather Volk ein. Die Forscher hoffen jedoch, dass ihre Ergebnisse dabei helfen, zu verstehen, wie Autismus entsteht, wie sie im Fachblatt "Archives of General Psychiatry" schreiben.

Unbekannter Mechanismus

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die vor allem durch drei Probleme gekennzeichnet ist: Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, mit anderen zu kommunizieren, sie bauen keine oder kaum soziale Beziehungen auf und sie neigen dazu, bestimmte Verhaltensweisen immer wieder zu wiederholen. Was genau die Krankheit auslöst, ist bisher noch unklar. Es scheint allerdings eine genetische Veranlagung zu geben, die durch bestimmte, noch größtenteils unbekannte Umweltfaktoren ausgelöst oder zumindest gefördert wird, wie die Forscher erklären.

Bereits in einer früheren Studie hatte das Team um Volk Hinweise darauf gefunden, dass einer der Umweltfaktoren die Luftqualität sein könnte. In der neuen Studie haben die Wissenschaftler zwei verschiedene Ansätze genutzt: Zum einen hatten sie ein Modell entwickelt, mit dem sie aufgrund von Windrichtung und -stärke sowie der Verkehrsdichte im Umfeld die Belastung mit Schadstoffen an einem bestimmten Ort berechnen konnten. Und zum anderen nutzten sie Daten offizieller Luftqualitäts-Messstellen, insbesondere zur Feinstaubbelastung und zur Konzentration an Stickstoffdioxid in der Luft, um auch Quellen wie die Industrie zu erfassen.

Beide Kriterien nutzten die Forscher für eine sogenannte Fall-Kontroll-Studie: Sie wählten 279 Familien mit autistischen Kindern und 245 Familien ohne die Entwicklungsstörung aus und verglichen, wie viel Luftverschmutzung die Mütter während der Schwangerschaft und die Kinder im ersten Lebensjahr ausgesetzt gewesen waren. Basis waren die Adressen, die die Probanden zur Verfügung stellten.

Dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit

Im Vergleich zur Gruppe mit den geringsten Stickoxid- und Feinstaubbelastungen war die Wahrscheinlichkeit für ein autistisches Kind in der Gruppe mit den höchsten Werten um den Faktor zwei bis drei erhöht, zeigte die Auswertung. Das galt sowohl für die modellierten Daten als auch für die gemessenen. Am wenigsten Einfluss scheint dabei eine hohe Belastung im ersten Drittel der Schwangerschaft zu haben, wie die Forscher aus ihren Werten schlussfolgern, auch wenn für eine genaue Aussage dazu die Daten nicht ausreichten.

Auch insgesamt räumen sie ein, dass sich mit einer Fall-Kontroll-Studie wie im vorliegenden Fall zwar Beziehungen aufdecken ließen, es aber unklar bleibe, ob der betrachtete Faktor - die Luftqualität - wirklich das erhöhte Risiko hervorrufe. So könne es beispielsweise sein, dass das höhere Autismusrisiko auf irgendeinen Faktor zurückgehe, der auch das Leben in einem Gebiet mit schlechterer Luft fördere, wie etwa der sozioökonomische Status oder die Ernährung. Die Forscher haben zwar verschiedene derartige Faktoren in ihre Berechnungen einbezogen und keinen Zusammenhang gefunden, sie können aber nicht ausschließen, dass sie etwas übersehen haben.

Dennoch erscheine ein Zusammenhang aus biologischer Sicht logisch, betont das Team. So hätten sowohl Feinstaubpartikel als auch Stickoxide in Tests im Labor bereits gezeigt, dass sie die Gehirnentwicklung beeinflussen können. Auch sind sie in der Lage, das Immunsystem zu aktivieren und verschiedene Entzündungsreaktionen zu fördern, die wiederum einen Einfluss auf die Entwicklung von Gehirnzellen haben können.

Die Wissenschaftler wollen nun genauer untersuchen, welche Effekte der Beziehung zugrunde liegen. Denn wenn man verstehe, welche Risikofaktoren es gebe, könne man möglicherweise auch besser verstehen, wie Autismus entsteht - und wie man der Krankheit vorbeugen kann, sagen sie.

hda/dapd

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1. Zusatz
nikkos 27.11.2012
Hier steht zudem, dass die Zahl der Autismus-Fälle seit 2006 um fast 80 % gestiegen ist. Quelle: http://wissenschaftundschreie.wordpress.com/
2.
spon-facebook-10000017948 27.11.2012
Dass Kfz-Abgase krank machen und töten können, ahnen wir alle, auch wenn es noch nicht zweifelsfrei erwiesen ist (wie beim Aktiv- und Passivrauchen übrigens auch). Es liegt auf der Hand, dass gerade unsere Kinder besonders darunter leiden. Aber solange sie nicht bei Betätigung des Zündschlüssels tot umfallen, verdrängen wir das, schließlich sind wir es nur noch gewohnt, uns sitzend, warm und trocken fortzubewegen, ohne uns körperlich anzustrengen. Tatsachen sind: Öl ist eine endliche Ressource, was wir heute verbrauchen (bzw. für die paar km zur Arbeit oder zum Supermarkt verschwenden) wird unseren Kindern und Enkeln nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Herstellung, der Betrieb und die Entsorgung eines Kfz schaffen Gifte, die uns unmittelbar über Atemluft sowie den Wasser- und Nahrungskreislauf krank machen. Der Betrieb von vielen Millionen Kfz, deren Zahl ständig zunimmt, trägt maßgeblich zur Veränderung unseres Klimas bei. Auch diese Folgen werden in erster Linie unsere Kinder zu spüren bekommen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir eines Tages von ihnen gefragt werden, warum wir so egoistisch waren, ihnen eine leere, lebensfeindliche Erde zu hinterlassen. Und dann werden wir nicht wieder antworten können, wir hätten von allem nichts gewusst. Zu spät wird die Erkenntnis kommen, dass wir nichts davon gehabt haben, unser Leben lang Auto zu fahren, wir sind nur schlapp, dick, bequem und krank dadurch geworden und haben viel Geld ausgegeben. Wirklich profitiert haben nur die Milliardäre, die uns vorgemacht haben, ohne Auto könne man nicht leben, Autofahren bedeute Freiheit, Spaß und Unabhängigkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Was zählt ist Profit und Macht für wenige, die Masse wird zum Arbeits- und Konsumsklaven für die Privilegierten. Was im Moment passiert ist ein Ausverkauf der Spezies Mensch, initiiert von wenigen Menschen, die offenbar vergessen haben, dass sie dieser Spezies angehören und mit ihr untergehen werden, wenn sie sich nicht "human" verhalten und ihre Intelligenz und Macht dazu nutzen, für uns alle eine lebenswerte Welt zu erhalten. Natürlich ist die Tatsache, ein Auto zu besitzen ein Statussymbol. Je moderner, kraftvoller, schneller, lauter, auffälliger, desto besser. Aber vielleicht ist das morgen ein Statussymbol der Ignoranz...
3. Seltsam.
Blaue Fee 27.11.2012
In Tokyo-Yokohama gibt es statistisch gesehen weniger Autisten als in Palo Alto. Wer erklärt mir das jetzt?
4. Interessanter Film bei arte
mayazi 27.11.2012
über eine Gruppe von Forschern, die u.a. Chlostridien-Infektionen für Auslöser von Autismus halten. "... Der amerikanische Mikrobiologe und Mediziner Sydney Finegold fand einen weiteren Anhaltspunkt: Er gab autistischen Kindern, die zuvor wegen anderer Infektionen mit einem Breitband-Antibiotikum behandelt worden waren, ein spezielles Antibiotikum gegen Clostridien. Bei acht der zehn Kinder besserten sich die autistischen Symptome vorübergehend..." http://www.arte.tv/de/Hilfe-bei-Autismus-Die-Rolle-der-Bakterien/6714470,CmC=6714492.html Ich fand die Idee erst seltsam, der Film ist jedoch ziemlich faktenreich und unreißerisch.
5. Das ist recht simpel...
Liberalis 28.11.2012
...wenn sie mal die Abgase weglassen (also eine potentielle Urrsache) und sich anschauen was sich sonst so geändert hat. Das ist in erster Linie die Diagnostik. Mal ist diese besser, mal schlechter. Deshalb helfen statistische Vergleiche nur, wenn man auch die Rahmenbedingungen berücksichtigt. Die haben sich z.B. in Deutschland dramatisch geändert. Hinzu kommt, das diese Diagnose nun einmal gerade etwas in Mode sind. Außerdem ist das Themenfeld komplex. So komplex das auch Spon hier einen kleinen Fehler macht. So ist unklar ob es sich hier eher um das Kanner-Syndrom handelt oder der Autor tatsächlich Autismus meint, oder sogar beides. In der Diagnostik ist dies ein wichtiger Unterschied, sollte daher auch in der Studie eine Rolle spielen. Als betroffener kann ich ihnen aber versichern, das ich auf dem Land groß wurde. Auch wenn das kein Beleg für das Gegenteil ist, dürften Abgase nicht der einzige Grund für diese sogenannte tiefgreifenden Entwicklungsstörung sein. MfG
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