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Maus-Experiment: Antikörper-Kombination hält HI-Virus in Schach

Eine Kombination aus Antikörpern hat sich im Tierversuch als effektive Waffe gegen den Aids-Erreger HIV erwiesen. Forscher hoffen, eine Alternative zur heute üblichen Therapie zu bekommen. Bis zur Anwendung am Menschen ist der Weg allerdings noch weit.

HI-Viren im Blut (Grafik): Antikörper-Kombination im Versuch mit Mäusen effektiv Zur Großansicht
Corbis

HI-Viren im Blut (Grafik): Antikörper-Kombination im Versuch mit Mäusen effektiv

Eine HIV-Infektion ist heute, anders als noch vor einigen Jahren, nicht mehr unbedingt ein Todesurteil. Die derzeit übliche antiretrovirale Therapie kann das Virenvorkommen im Blut bis unter die Nachweisgrenze drücken. Allerdings ist sie nur wirksam, solange die Medikamente eingenommen werden. Zudem können Aidserreger dagegen resistent werden, und es treten meist diverse Nebenwirkungen auf.

Jetzt haben Forscher im Tierversuch eine neuartige Behandlung mit Antikörpern erprobt. Bislang hatten Antikörper im Versuch keinen so großen Erfolg wie die übliche Therapie. Doch mit der Entdeckung hochwirksamer Antikörper, die auch noch im Labor leicht verbessert worden seien, könnte sich das ändern, schreiben Michel Nussenzweig von der Rockefeller University in New York und seine Kollegen im Fachmagazin "Nature". Unter den Autoren der Studie sind auch Wissenschaftler der Universität Münster, der TU Dresden und des Berliner Universitätsklinikums Charité.

In mehreren Versuchen testeten sie die Wirksamkeit der Antikörper an Mäusen. Mit Hilfe menschlicher Blutstammzellen waren die Mäuse zuvor mit einem menschenähnlichen Immunsystem ausgestattet worden, damit sie überhaupt mit dem Erreger HIV-1 des Menschen infiziert werden konnten. Eine Gruppe von Mäusen erhielt nur eine Art von Antikörpern, eine weitere eine Kombination aus dreien, eine dritte eine Kombination aus fünf Antikörpern.

Die Fünfer-Kombination war am erfolgreichsten, erklären die Wissenschaftler. Sie habe dafür gesorgt, dass alle 14 Mäuse nach sechs bis sieben Tagen und bis zum Ende der Behandlung weniger Viren im Blut hatten als vor der Therapie. Darüber hinaus hielt der Effekt im Durchschnitt bis 60 Tage nach dem Abschluss der Behandlung an. Bei der herkömmlichen Kombitherapie seien es nur etwa zehn Tage.

Nussenzweig und seine Kollegen nennen fünf Gründe, die für die neue Therapie sprechen:

  • der Aids-Erreger wird direkt bekämpft,
  • die verabreichten Antikörper könnten die natürliche Immunabwehr des Infizierten aktivieren,
  • die von den Antikörpern produzierten Stoffe könnten eine Immunisierung bewirken, ähnlich wie beim Impfen,
  • die hochwirksamen Antikörper seien länger wirksam als die Medikamente der Kombitherapie,
  • die Antikörper können mit Hilfe von Viren, die beim Menschen keine Krankheiten auslösen, über Monate im Körper gehalten werden.

Ob diese Erkenntnisse aber am Ende zu einem neuen Medikament führen, ist derzeit noch völlig unklar. Der nächste Schritt, für den sich auch Nussenzweig und seine Kollegen aussprechen, wären klinische Studien mit Menschen.

mbe/dpa

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Aids-Medikamente: Kampf gegen die HIV-Infektion

HIV/Aids
Zahlen und Fakten in Deutschland
- in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids
- rund 63.000 HIV-Infizierte und Aidskranke sind Männer
- davon sind etwa 51.000 Männer homo- oder bisexuell
- 17.000 Menschen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert
- im Jahr 2012 gab es etwa 3400 HIV-Neuinfektionen
- die Zahl der Todesfälle wird auf 550 geschätzt
- seit Beginn der Epidemie in den Achtzigerjahren gab es etwa 27.000 Todesfälle in Deutschland. Jährlich kommen etwa 500 Todesfälle hinzu.
Quelle: RKI, Stand November 2013
HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase ("Aids Related Complex") treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids ("Acquired Immunodeficiency Syndrome").

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Meistens stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Doch können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Diese verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.
Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut der Wirtszelle des Menschen einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.
Weltweite Verbreitung
Laut dem Aidsprogramm der Vereinten Nationen Unaids sind weltweit schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas nach wie vor ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2012 erhielten rund 9,7 Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.

Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Unaids
Umgang und Leben mit HIV
Vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren lassen sich regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meistens erst, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen.

Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten ist Aids daher bereits ausgebrochen. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aidserkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.


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