Maus-Experiment: Impfstoff nimmt Tuberkulose-Erregern die Tarnung

Es könnte eine neue Waffe im Kampf gegen die Tuberkulose sein: Forscher haben einen Impfstoff entwickelt, der im Versuch mit Mäusen erstaunlich erfolgreich war. Der Trick: Der Krankheitserreger wird für das Immunsystem sichtbar gemacht.

Tuberkulose-Bakterien: Impfstoff macht Erreger für die Immunabwehr erkennbar Zur Großansicht
CDC/Janice Carr

Tuberkulose-Bakterien: Impfstoff macht Erreger für die Immunabwehr erkennbar

Jahrzehntelang verließen sich Mediziner auf das sogenannte Bacille Calmette-Guérin (BCG), um Menschen vor der Tuberkulose zu schützen. Der Impfstoff, entwickelt vor rund einem Jahrhundert, wurde auch in Deutschland bis vor wenigen Jahren routinemäßig genutzt - doch er bot nur einen 50- bis 80-prozentigen Schutz und hatte teils heftige Nebenwirkungen.

Jetzt haben Forscher im Tierversuch ein neues Vakzin getestet, das zumindest bei Mäusen enorm erfolgreich war. BCG habe das Wachstum der Tuberkulose-Bakterien nur verlangsamt, sagte Studienleiter William Jacobs vom Albert Einstein College of Medicine in New York. Jetzt sei es erstmals gelungen, den Erreger in infiziertem Gewebe durch eine neuartige Impfung vollständig abzutöten. "Dies ist etwas, von dem wir seit Jahren geträumt haben: einen längeren Schutz und eine Bakterien abtötende Immunität."

Noch habe die Impfung zwar nicht bei allen Mäusen zur kompletten Abtötung der Tuberkulose-Bakterien geführt. Die Entdeckung stelle aber einen kraftvollen Kandidaten für die weitere Impfstoffentwicklung dar. "Weder BCG noch einer der zurzeit erforschten Impfstoffe erzeugt eine so offensichtliche oder so lange Immunität", schreiben die Forscher im Fachblatt "Nature Medicine".

Genblockade enttarnt Bakterium

Die Forscher entfernten ein wichtiges Gen bei Mycobacterium smegmatis, einem harmloseren Verwandten des Tuberkulose-Erregers Mycobacterium tuberculosis. Dieses esx-3-Gen sorge normalerweise dafür, dass die Bakterien vom Immunsystem nicht erkannt und nicht angegriffen würden, erklären die Wissenschaftler. Die Manipulation habe die Bakterien enttarnt und rufe so eine Reaktion des Immunsystems hervor.

Mäuse, die mit dem genetisch veränderten Bakterium geimpft und anschließend mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert worden seien, hätten sich als immun gegen die tödliche Infektion erwiesen. In den Geweben der am längsten überlebenden Mäuse seien die Tuberkulosebakterien nicht mehr nachweisbar gewesen, berichten die Forscher.

Entscheidend für die Schutzwirkung der Impfung seien spezielle Zellen des Immunsystems. Die sogenannten T-Helferzellen aktivieren andere Immunzellen und helfen ihnen dabei, die Erreger zu identifizieren. In einem weiteren Experiment reichten bereits diese Immunzellen aus, um die Schutzwirkung zu übertragen. Injizierten die Forscher diese gereinigten Zellen anderen, bisher ungeschützten Tieren, seien auch sie immun gegenüber dem Tuberkulose-Erreger gewesen.

Tuberkulose breitet sich weltweit aus

Die Verbreitung der Tuberkulose ist in den vergangenen Jahren wieder angestiegen, auch in Europa. Resistente Erreger erschweren die Behandlung Erkrankter, zudem grassiert die Tuberkulose verstärkt unter immungeschwächten Aids-Patienten, beispielsweise im Süden Afrikas. Nach Angaben der Weltgesundheitsbehörde WHO sterben jedes Jahr weltweit zwei bis drei Millionen Menschen an der Infektionskrankheit. Jede Sekunde stecke sich ein Mensch neu an.

Der bisher eingesetzte Impfstoff BCG hat sich laut Jacobs und seinen Kollegen ausgerechnet in den Regionen mit den meisten Tuberkulosefällen als unzuverlässig erwiesen. Seine Schutzwirkung sei dort vielfach niedrig oder sogar nicht messbar. Zudem rufe BCG bei HIV-infizierten Kindern schwere Nebenwirkungen hervor. "Neue Tuberkulose-Impfstoffe, die sicherer und effizienter sind als BCG, werden daher dringend gebraucht", so die Wissenschaftler.

mbe/dapd

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