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Alzheimer, Parkinson, CJK: Neuer Wirkstoff rettet Gehirne von Mäusen

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Corbis

Hirnzellen (künstlerische Darstellung): Was schützt vor Alzheimer?

Alzheimer, Parkinson und Prionenkrankheiten haben etwas gemeinsam: In Nervenzellen sammeln sich defekte Proteine an, die Neuronen gehen zugrunde. Bei Mäusen konnten Forscher die Hirnzellen jetzt langfristig mit einem Medikament schützen. Doch erkauft wurde das mit schweren Nebenwirkungen.

Das gleich vorweg: Ein Heilmittel für Alzheimer haben die Forscher um Giovanna Mallucci nicht entdeckt. Auch keines für Parkinson oder die mit dem Rinderwahn BSE verwandte Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK). Aber die britischen Wissenschaftler haben einen Hebel gefunden, mit dessen Hilfe sich möglicherweise - falls weitere Jahre der Forschung positive Ergebnisse liefern - Medikamente gegen diese Leiden finden lassen.

Im Fachmagazin "Science Translational Medicine" berichten die Forscherin von der University of Leicester und ihre Kollegen, wie sie Mäuse gegen eine sogenannte Prionenkrankheit behandelt haben. Der eingesetzte Wirkstoff schützte die Hirnzellen der Nager vor dem Absterben, mit der Krankheit verknüpfte Symptome blieben aus oder bildeten sich zum Teil zurück. Allerdings hatte die Therapie Nebenwirkungen: Der Blutzuckerspiegel der Mäuse war leicht erhöht, und sie verloren etwa 20 Prozent ihres Körpergewichts.

Prionen, falsch gefaltete Proteine, finden sich in größeren Mengen bei CJK-Patienten und bei Kühen mit BSE. Das wirkt sich laut der Studie auf die gesamte Protein-Maschinerie der betroffenen Zellen aus. Weil Sensoren in der Zelle den Protein-Müllberg registrierten, würden sie die gesamte Protein-Herstellung herunterfahren. Das führe letztendlich zum Untergang der Neuronen. Vermittelt wird der Produktionsstopp durch ein Enzym namens Perk (Protein-Kinase RNA-like Endoplasmic Reticulum Kinase). Mallucci und Kollegen zielten auf Perk, um den desaströsen Vorgang zu stoppen. Die Behandlung verringerte dementsprechend auch nicht die Ansammlung von Prionen in den Zellen.

Der verwendete Wirkstoff GSK2606416 wurde vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) entwickelt, der ein Patent darauf hält. Ein GSK-Mitarbeiter war an der Studie beteiligt. Finanziert hat die Arbeit der britische Medical Research Council, eine staatliche Einrichtung.

Mittel zweimal pro Tag eingenommen

Die Forscher behandelten eine Gruppe junger Mäuse sieben Wochen nach der Infektion mit Prionen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Krankheit schon im Hirn der Nager ausgebreitet, aber es zeigten sich noch keine Symptome. Eine zweite Gruppe erhielt den Wirkstoff erst nach neun Wochen, also als die Mäuse schon unter Gedächtnis- und Verhaltensstörungen litten. Die Tiere erhielten das Mittel zweimal pro Tag, es wurde oral verabreicht.

Zwölf Wochen nach der Infektion waren die behandelten Nager im Wesentlichen symptomfrei - nur die bereits eingetretenen Gedächtnisprobleme waren nicht behoben. Der Einsatz des Medikaments hatte die lebenswichtige Proteinproduktion wieder angekurbelt. Mäuse in einer Kontrollgruppe, die das Medikament nicht erhalten hatten, waren alle schwerkrank. Zu diesem Zeitpunkt töteten die Forscher den Großteil der Versuchstiere aus allen Gruppen.

Eine kleine Anzahl Mäuse sollte eigentlich noch wesentlicher länger leben, um zu ermitteln, ob sich die Lebensspanne durch die Behandlung verändert. Doch das Experiment konnten die Forscher nicht durchführen. Da die behandelten Mäuse zu diesem Zeitpunkt etwa 20 Prozent ihres Körpergewichts verloren hatten, musste sie den Tierversuchsregularien zufolge ebenfalls getötet werden. Die Grenze ist gesetzt, um durch schwere Krankheiten abgemagerte Tiere nicht weiter leiden zu lassen. "Trotz des Gewichtsverlusts waren die Mäuse offenkundig fit und aktiv", notieren die Forscher. Einige ältere Mäuse, die ab einem Alter von sechs Monaten für sieben Wochen das Mittel erhielten, hatten nicht abgenommen.

Ein historischer Wendepunkt?

Weil nicht nur die von Prionen verursachte CJK, sondern auch Alzheimer und Parkinson mit einer Ansammlung nichtfunktionaler Proteine einhergehen, hoffen die Wissenschaftler, dass der Wirkstoff auch bei diesen Leiden helfen könnte. Doch sie schreiben selbst, dass die Therapie deutlich weiter entwickelt werden müsste, ehe man an eine Behandlung beim Menschen denken könne. Auch weil Kranke entsprechende Medikamente über Jahre oder sogar Jahrzehnte nehmen müssten.

Ein Problem mit dem Ziel der Therapie, dem Enzym Perk: Es findet sich nicht bloß in Neuronen, sondern überall im Körper. Daher hat der Wirkstoff nicht nur im Gehirn einen Effekt, sondern etwa auch in der Bauchspeicheldrüse, wodurch er offensichtlich die Blutzuckerregulierung durcheinanderbringt. Menschen mit einem beschädigten Perk-Enzym leiden am sogenannten Wolcott-Rallison-Syndrom: Schon vor der Geburt entwickeln sie Diabetes, Leberfunktion und Wachstum sind gestört.

Die nun vorgestellte Studie wurde von nicht beteiligten Forschern teils mit großer Begeisterung, aber auch mit Zurückhaltung aufgenommen. "Ich vermute, dass diese Studie einmal als der Wendepunkt bei der Suche nach einem Mittel gegen Alzheimer gelten wird", sagt etwa Roger Morris vom King's College London britischen Medien. Er merkt jedoch an, dass es sich natürlich um eine Studie an Mäusen handele und die Wirkung bei einer Prionenkrankheit und nicht bei Alzheimer untersucht worden sei. Andere Forscher, darunter Eric Karran von der Organisation Alzheimer's Research UK, sind verhaltener optimistisch: "Was bei Tieren funktioniert, funktioniert nicht immer beim Menschen." Letztlich würde sich zeigen müssen, ob das Mittel bei Menschen sicher und wirksam sei.

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1. Neuer Wirkstoff rettet Gehirne von Mäusen
blauervogel 10.10.2013
Zitat von sysopCorbisAlzheimer, Parkinson und Prionenkrankheiten haben etwas gemeinsam: In Nervenzellen sammeln sich defekte Proteine an, die Neuronen gehen zugrunde. Bei Mäusen konnten Forscher die Hirnzellen jetzt langfristig mit einem Medikament schützen. Doch erkauft wurde das mit schweren Nebenwirkungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/maus-studie-wirkstoff-hemmt-verfall-von-hirnzellen-a-927112.html
Dann wird der Wirkstoff ja auch in manchen Menschengehirnen wirken! ;-)
2.
DMenakker 10.10.2013
Zitat von sysopCorbisAlzheimer, Parkinson und Prionenkrankheiten haben etwas gemeinsam: In Nervenzellen sammeln sich defekte Proteine an, die Neuronen gehen zugrunde. Bei Mäusen konnten Forscher die Hirnzellen jetzt langfristig mit einem Medikament schützen. Doch erkauft wurde das mit schweren Nebenwirkungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/maus-studie-wirkstoff-hemmt-verfall-von-hirnzellen-a-927112.html
Ich habe seit Ausbruch meiner Krankheit 30 % Gewicht verloren. Zum Glück gibts noch keine Vorschrift, die hier die Zwangstötung vorschreibt. Ach ja, ich fühle mich übrhaupt nicht gequält sondern diesbezüglich topfit, da mein massives Übergewicht verschwunden ist.
3.
damocles_ 10.10.2013
Interessanter Durchbruch. Jetzt noch mit einer ketogenen Diät verbinden um den Blutzuckerspielgel zu stabilisieren, und man hat ein Mittel gegen BSE.
4.
keinelustmehr 10.10.2013
Nur so als Erweiterung des Themas: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/
5.
Prellbock 10.10.2013
Kann man auch als Wunderdiätpille verkaufen ;)
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