Mausversuch: Therapie im Traum soll Schockerlebnisse lindern
Der Geruch eines Steaks kann genügen, um Kriegserinnerungen bei Soldaten wachzurütteln. Forscher haben jetzt die Grundlage für eine neue Therapie gelegt: Bei Mäusen gelang es ihnen, angsterfüllten Gerüchen den Schrecken zu nehmen - mithilfe eines Medikaments und durch Schlaf.
Ein Kriegseinsatz strapaziert auch die Sinne. Soldaten hören Kugeln durch die Luft peitschen, sie sehen Leichen, sie riechen verbranntes Fleisch. Während der Zeit im Krieg funktionieren sie meist, sie sind Roboter ohne Emotionen. Zurück in der Heimat allerdings suchen die Erinnerungen viele heim: Der Knall einer zugeworfenen Autotür versetzt sie zurück in den Häuserkampf. Der Geruch eines gegrillten Steaks lässt vor ihrem inneren Augen das Bild von Leichen aufpoppen.
Die Behandlung einer solchen posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) ist meist langwierig und komplex. In der Regel versuchen Psychologen die Betroffenen in einem sicheren Umfeld wie ihrer Praxis immer wieder den angstauslösenden Reizen auszusetzen, den Knalls und Gerüchen, damit die Patienten lernen, dass von den Reizen keine Bedrohung ausgeht. Sicher wirken kann die Therapie allerdings nicht: Mitunter verknüpfen die Betroffenen das Gefühl der Geborgenheit nur mit dem Ort der Therapie - in einem anderen Umfeld kehrt die Angst zurück.
Forscher haben jetzt bei Mäusen Hinweise darauf gefunden, dass sich die Reaktion auf angsteinflößende Erinnerungen eines Tages möglicherweise auch unabhängig von den Eindrücken eines Standorts behandeln lassen könnten - im Schlaf. Bei ihren Versuchen setzten die Forscher von der Stanford University Mäusen immer wieder Jasminduft aus und verbanden diesen mit kleinen Elektroschocks, die die Tiere über die Füße wahrnahmen. Nach 24 Stunden erstarrten die Mäuse auch ohne die Elektroschocks beim Riechen des Dufts, ein klassisches Merkmal einer Angstreaktion.
Medikament unterdrückt Reaktionen im Gehirn
Anschließend begannen die Wissenschaftler um die Psychiaterin und Verhaltensforscherin Asya Rolls zu untersuchen, wie sich Erlebnisse im Schlaf auf die Angstreaktionen der Mäuse auswirkten. Ließen sie die Mäuse auch im Schlaf Jasminduft erschnüffeln - ohne Elektroschocks - zeigten die Mäuse am nächsten Tag eine ausgeprägtere Angstreaktion. Die nächtlichen Erlebnisse hatten die Angst der Tiere verstärkt, berichteten die Forscher auf der Tagung der Society for Neuroscience in New Orleans. Aufgeweckt wurden die Tiere durch die Gerüche nicht, offensichtlich veränderten sich ihre Angstreaktionen im Schlaf.
In einer anderen Mausgruppe setzten die Forscher die Tiere ebenfalls im Schlaf dem Jasmingeruch aus. Bevor die Tiere einschliefen, bekamen sie allerdings ein Medikament, das die Produktion von Proteinen im basolateralen Komplex der Amygdala unterdrückt. Dabei handelt es sich um einen Hirnbereich, der mit dem Abspeichern angsteinflößender Erinnerungen in Verbindung gebracht wird. Erschnupperten die Tiere daraufhin nachts die Gerüche, reagierten sie am nächsten Tag weniger ängstlicher auf den Jasminduft. Ihr Gehirn hatte im Schlaf offenbar verlernt, dass von dem Geruch Gefahr ausgeht.
Im Gegensatz zu einer weiteren Mäusegruppe, die eine Weile tagsüber Jasminduft ohne Bestrafung ausgesetzt wurde, hielt der Effekt der nächtlichen Therapie auch an, als die Wissenschaftler die Tiere in einen anderen Käfig setzten. Die Mäuse hatten das Sicherheitsgefühl nicht mit einem Ort verknüpft. "Eine Therapie, die nicht mit einem Ort verbunden ist, könnte einen großen Fortschritt in der PTBS-Behandlung bedeuten", sagt einer der Forscher Craig Heller.
Bis dahin ist allerdings noch ein weiter Weg. Studienergebnisse mit Mäusen lassen sich nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Auch ist das bei den Mäusen genutzte Proteinsynthese-Medikament für Menschen nicht verträglich. Allerdings könnten heute schon bei Angststörungen angewendete Medikamente eine ähnliche Wirkung zeigen, hoffen die Forscher.
irb
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- "Nature Neuroscience"
- Schlafstudie im Fachjournal "Nature Neuroscience".
- Traumatherapie im Schlaf: Studie von Rolls et al.
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