Hirnpräparate aus der NS-Zeit Max-Planck-Gesellschaft will Nazi-Opfer identifizieren

In Archiven des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie wurden Präparate von Euthanasie-Opfern aus der NS-Zeit entdeckt. Nun versuchen Forscher, die Identität der Opfer zu klären.

Hirnpräparate im Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig (Symbolbild)
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Hirnpräparate im Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig (Symbolbild)


Es waren grausige Funde: In Archiven der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in Berlin und München wurden 2015 und 2016 Hirnpräparate von Euthanasie-Opfern entdeckt, die teils angeblich längst beigesetzt sein sollten oder als verschollen galten. Nun bemüht sich die Gesellschaft um Aufklärung.

Ab Juni soll ein Team renommierter Wissenschaftler die Fälle in einem mehrjährigen Forschungsprojekt aufarbeiten, teilte die Gesellschaft am Dienstag mit. "Leider war die Aufarbeitung in der Nachkriegszeit und offenbar weit darüber hinaus geprägt von Verleugnung durch viele Verantwortliche und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern", sagt Martin Keck, Direktor der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Ziel sei es nun, den Opfern Identität und somit ein Stück ihrer Würde zurückzugeben.

Akten von bis zu 3000 Patienten überprüfen

Für die auf drei Jahre angesetzte Arbeit stellt die MPG 1,5 Millionen Euro bereit. Auf die Forscher wartet Kleinarbeit. Tausende mikroskopische Hirnschnitte lagern allein im MPI für Psychiatrie in München. Zudem müssen die Akten von vermutlich 2000 bis 3000 Patienten überprüft werden. "Anhand der Patientenakten, sofern sie noch vorhanden sind, kann man feststellen, ob es sich um Euthanasieopfer handelt oder nicht", sagte der Münchner Historiker Gerrit Hohendorf, der an dem Projekt mitwirkt.

Einige Präparate haben die Forscher bereits in den vergangenen zwölf Monaten gesichtet. Es sind hauchdünne Schnitte auf Glasträgern, teils auch in Formalin eingelegte Hirnteile in Gefäßen. "Wir haben Einzelfälle gefunden, in denen der Verdacht besteht, dass es sich um Euthanasie-Opfer handelt. Bei einigen Präparaten ist das bereits nachgewiesen", sagt Hohendorf.

Nun wollen die Wissenschaftler die Namen der Opfer herausfinden, ihre Schicksale beleuchten, um am Ende alle Überreste würdig bestatten zu können. Alle Fälle von Gehirnuntersuchungen in Max-Planck-Instituten, auch die bereits bestatteter Opfer, sollen neu aufgerollt werden, um zu klären: "Welche der betroffenen Menschen sind Euthanasieopfer oder Opfer von anderen NS-Unrechtstaten?"

Dunkle Vergangenheit

Etwa 300.000 psychisch Kranke und geistig Behinderte wurden von den Nazis in Europa ermordet. Ein bis zwei Prozent könnten posthum als Forschungsobjekte missbraucht worden sein, schätzt Hohendorf. Teils "orderten" Ärzte gezielt das Hirn eines Patienten, der ihnen interessant schien. Oder sie bekamen Menschen für ihre Versuche, anstelle von Versuchstieren. Das Vorgänger-Institut des MPI für Psychiatrie, die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie (DFA), spielte dabei eine unrühmliche Rolle.

Einer der DFA-Direktoren, Ernst Rüdin, zudem Präsident der damaligen psychiatrischen Fachgesellschaft, arbeitete maßgeblich an der Ausgestaltung des Rassenhygiene-Gesetzes mit. Rüdin und andere DFA-Mitarbeiter waren an der Euthanasie beteiligt.

Hohendorf schließt nicht aus, dass unter den Präparaten auch einige von Opfern der Menschenversuche sind, etwa aus den Unterdruckkammern im KZ Dachau, in denen Verhältnisse bei Flügen simuliert wurden und in denen viele umkamen.

Allein im heutigen Isar-Amper-Klinikum München-Ost in Haar bei München starben im Rahmen des Euthanasieprogramms etwa 2000 Menschen, darunter 332 Kinder. Patienten kamen in Hungerhäusern um oder wurden mit Medikamenten-Überdosen ermordet. Dort befand sich die Pathologie der DFA, von wo aus Hirnschnitte im Archiv landeten.

Unvollständige Aufarbeitung

Auch das MPI für Hirnforschung in Frankfurt war Teil dieses dunklen Kapitels der Geschichte. Hier wurde vor fast 30 Jahren umfassend aufgeräumt: Alle Humanpräparate aus den Jahren 1933 bis 1945, die von Euthanasie-Opfern, Zwangsarbeitern, KZ-Häftlingen oder anderen NS-Opfern stammen konnten, wurden 1990 auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Rund 100.000 Präparate waren es. Das MPI für Psychiatrie in München sortierte nur 30 Prozent seines Bestandes aus.

Allerdings tauchte 2015 in Berlin überraschend eine Kiste mit 100 Präparaten aus der Sammlung des Arztes Julius Hallervorden auf. In der NS-Zeit am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin als Vorgänger des MPI für Hirnforschung Frankfurt beschäftigt, hatte er - wie andere - die Präparate von Opfern bis in die Sechzigerjahre zur Forschung genutzt. Alarmiert durch den Fund der Kiste stiegen Wissenschaftler erneut in die Archive - und entdeckten die Objekte, die nun untersucht werden.

Auch Ärzteorganisationen und Fachgesellschaften sind fast 80 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit noch mit der Aufarbeitung beschäftigt. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) etwa arbeitet sich seit Jahren durch das düstere Kapitel.

jme/dpa



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