Indien: Kostenlose Medikamente für 1,2 Milliarden Menschen

Die indische Regierung hat ein milliardenschweres Gesundheitsprogramm gestartet. Der ehrgeizige Plan stärkt die eigenen Hersteller, die internationale Konkurrenz wird aus dem Markt gedrängt. Nach einem Gutachten sollen mehrere Pharmakonzerne bei der Zulassung ihrer Pillen getrickst haben.

Apotheker in Kalkutta, Indien: "Kostenlose Pillen für 1,2 Milliarden Menschen" Zur Großansicht
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Apotheker in Kalkutta, Indien: "Kostenlose Pillen für 1,2 Milliarden Menschen"

Neu-Delhi - Indische Ärzte sollen ihren Patienten nur noch Generika verordnen, also wirkstoffgleiche Kopien eines bereits auf dem Markt befindlichen Medikaments - und die Abgabe dieser Generika soll kostenlos erfolgen. Umgekehrt werden Mediziner, die noch Originalpräparate verordnen, mit einer Strafe belegt. Wie die indische Regierung am Mittwoch bekanntgab, soll in einem ersten Schritt bis April 2017 gut die Hälfte der Bevölkerung in den Genuss von kostenlosen Medikamenten kommen.

Die Pläne für das milliardenschwere Gesundheitsprogramm seien bereits im vergangenen Jahr verabschiedet worden. Man habe sie aber bislang nicht veröffentlicht, erklärte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Neu-Delhi. Das Vorhaben habe insgesamt ein Volumen von 5,4 Milliarden Dollar.

Gut für Dr. Reddy's, schlecht für Bayer

Damit die Ärzte auch die richtigen Pillen verordnen, bekommen sie von der Regierung eine Liste mit Generika, die sie ausgeben dürfen. Profitieren von den Plänen dürften vor allem inländische Hersteller wie Dr. Reddy's oder Cipla, internationale Pharmakonzerne wie Bayer, Pfizer, GlaxoSmithKline oder Merck werden somit vom Markt ausgeschlossen - der aufgrund der Bevölkerungsstärke und zahlreicher weitverbreiteter Erkrankungen wie Diabetes als äußerst lukrativ für die Unternehmen gilt.

Gesundheitsökonomen werten den Schritt als weiteren schweren Schlag für die multinationalen Konzerne - es ist schon das dritte Mal innerhalb weniger Monate, dass die indische Regierung den großen Herstellern zusetzt. Erst Anfang April bewilligte das indische Patentamt einen Antrag des Generikaherstellers Natco, das Krebsmittel Nexavar von Bayer nachmachen zu dürfen.

Das Urteil hatte Signalwirkung: Eigentlich sind Zwangslizenzen im internationalen Handelsrecht ausschließlich für Notfälle wie Epidemien und Erdbeben vorgesehen, um die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten zu gewährleisten. Nexavar ist ein Mittel gegen Leberkrebs oder fortgeschrittenen Nierenkrebs. Es wird also nicht in großen Mengen benötigt, lebensrettend ist es ebenfalls nicht - es verlängert das Überleben der Patienten um wenige Monate.

Zwangslizenz verschafft Vorteile

Mit der Lizenz verschaffte die indische Regierung allerdings einem inländischen Hersteller einen Vorteil: Acht Jahre vor Ablauf des Patentschutzes kann Natco das Medikament nun nachahmen und vertreiben. Der Preis wird dabei deutlich unter dem des Originals liegen. Statt umgerechnet rund 5700 Euro wird die Therapie mit dem Präparat 135 Euro kosten.

Bayer wird sechs Prozent davon als Lizenzgebühr erhalten, was weit unter den üblichen Sätzen liegt. Der deutsche Konzern muss somit einen Preisabschlag von mehr als 90 Prozent für sein Produkt hinnehmen.

Das harsche Vorgehen erstaunte zunächst viele Pharma-Experten, schien es doch wenig zu der bisherigen Marschroute Indiens zu passen, zur Stärkung des Standorts möglichst viele internationale Konzerne ins Land zu holen - vor allem über klinische Studien. Nach diesem Entschluss Indiens, trotz Protesten internationaler Hersteller Zwangslizenzen zu erlassen, überlegen viele Konzerne, ob sie Neuentwicklungen überhaupt noch in Indien anbieten werden.

Bayer macht mit Nexavar einen Umsatz von etwa 725 Millionen Dollar weltweit. Damit gilt das viertwichtigste Medikament des Unternehmens als Kassenschlager, die Entscheidung des indischen Patentamts will man jedenfalls nicht hinnehmen: Bayer hat Widerspruch eingelegt.

Pharmakonzern soll Experten beeinflusst haben

Doch das indische Gesundheitsministerium scheint Konflikte nicht mehr zu scheuen: Im Mai wurden erste Ergebnisse einer Untersuchung bekanntgegeben, die die Effektivität und Sicherheit der indischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde (CDSCO) analysiert. Zunächst stichprobenartig wurde die Zulassung von 33 Medikamenten untersucht. Bei den meisten stellten die indischen Experten, wie sie es nannten, Unregelmäßigkeiten fest - neben vielen inländischen Herstellern tauchen in dem viele hundert Seiten starken Dokument immer wieder auch die Namen internationaler Firmen auf.

So sollen etwa das Bluthochdruckmittel Ambrisentan von GlaxoSmithKline (GSK), das Krebsmedikament Everolimus von Novartis, wie auch das Thrombosemittel Xarelto von Bayer ohne die Durchführug einer PhaseIII-Studie zugelassen worden sein. Im Fall des Antibiotikums Daptomycin (Novartis) sollen sich die Gutachten von eigentlich unabhängigen Experten, erstellt in verschiedenen Instituten und Regionen Indiens, bis ins Details - Rechtschreibfehlern in den Adressen - gleichen. Novartis habe die Mediziner "gebrieft".

70 Prozent aller Generika weltweit aus Indien

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE erklären die Firmen unisono, man habe sämtliche obligatorischen klinischen Studien durchgeführt, nachdem die notwendigen Zustimmung vorlagen. Man halte sich wie in jedem Land, in dem man tätig sei, an die örtlich vorgeschriebenen gesetzlichen Regelungen. Die indische Regierung hat nun ihrerseits Experten benannt, die die Zulassungsmethoden in ihren eigenen Reihen untersuchen.

Längst gilt Indien als die Apotheke für Schwellen- und Entwicklungsländer. Mehr als 20.000 kleine und große Pharmafirmen gibt es im Land, die meisten sind auf die Herstellung von Generika spezialisiert und äußerst produktiv: Mehr als 70 Prozent aller Nachahmer-Arzneien weltweit kommen mittlerweile aus indischen Fabriken, die Branche bestreitet rund 80 Prozent der Umsätze des 20 Milliarden Dollar starken indischen Pharmamarkts.

nik

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