Medikamentenstudien in der DDR Westliche Pharmafirmen testeten massenhaft Arzneien an Ost-Patienten

In der DDR wurden Hunderte Studien mit West-Arzneien an DDR-Patienten durchgeführt. Berliner Medizinhistoriker haben die Tests aufgearbeitet und folgern: Die Aufträge halfen der klammen Staatskasse.

Bunte Pillen
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Westliche Pharmahersteller haben in DDR-Kliniken in großem Stil Medikamente testen lassen. Von 1961 bis 1990 habe es Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests gegeben, heißt es im Abschlussbericht eines Forschungsprojekts unter Leitung des Medizinhistorikers Volker Hess, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Allein für die 80er Jahre wurden 321 Studien nachgewiesen.

Die überschuldete DDR habe ihr Gesundheitssystem zur Verfügung gestellt, um begehrte Devisen zu erwirtschaften, so Hess. Der SPIEGEL hatte 2013 darüber berichtet und eine landesweite Debatte mit angestoßen. Westfirmen hätten sich die totalitären Strukturen zunutze gemacht, sagte Hess, der das Institut für Geschichte der Medizin der Berliner Charité leitet. Ost und West seien über den Eisernen Vorhang hinweg eng verflochten gewesen.

Hess hat mit seinem Team Stasi- und Krankenhausakten sowie Berichte von Arzneimittelherstellern gelesen, Archive durchforstet und Zeitzeugen befragt. Das groß angelegte Projekt wurde vom Bund, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, von Ärztekammern, Verbänden und Firmen unterstützt. Der Bericht gilt als die erste umfassende Veröffentlichung zu dem Thema.

Wurden die Patienten informiert?

Aufträge kamen demnach vor allem aus Westdeutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, den USA und Großbritannien. Gefunden wurden Aufträge von 75 Unternehmen aus 16 Ländern. Medikamente gegen Bluthochdruck sollten ebenso erprobt werden wie Kontrast- und Krebsmittel oder Psychopharmaka.

Die Tests in der DDR seien Teil großer internationaler Studien gewesen. Beteiligt waren 120 Kliniken und Gesundheitseinrichtungen DDR-weit. Seit Anfang der 80er Jahre schrieb ein spezielles DDR-Programm vor, "immaterielle Leistungen für den Export" zu erbringen. Darunter fielen auch die Medikamententests.

Systematische Verstöße gegen damals geltende Regeln seien bei den Tests nicht festgestellt worden, konstatiert der Bericht. Es sei in der DDR nach gleichem Maß wie bei zeitgleichen Untersuchungen im Westen geprüft worden. Die Standards würden aber auf beiden Seiten heutigen Regeln nicht mehr entsprechen, stellte das Forscherteam fest.

Schlechtere Versorgung mit Medikamenten im Osten

Es wird angenommen, dass nur in Einzelfällen DDR-Patienten nicht informiert wurden. Nachweise über eine mündliche Aufklärung seien gefunden worden. Das Interesse an einer Testteilnahme sei groß gewesen, sagte Mitautor Peter Steinkamp. Zum einen bekamen die Probanden dafür Urlaub. Zum anderen hofften Kranke auf neue, wirksame Medikamenten aus dem Westen. Auch kranke Kinder seien dabei gewesen.

Ärzte wiederum konnten sich durch die Tests mit Westkollegen austauschen oder wurden dann zu internationalen Kongressen eingeladen. Pharmavertreter halfen bei der Beschaffung von Geräten oder brachten Fachliteratur mit, wie Steinkamp erläuterte.

Verwiesen wurde auf Vorteile für Firmen wie Roche (Boehringer Mannheim), Bayer (Schering), Sanofi (Hoechst). Entscheidend sei nicht das Honorar gewesen, sondern Zeitgewinn und zentrale Organisation. Das DDR-Regime habe für eine zügige, gewissenhafte Durchführung der Studien gesorgt und öffentliche Kritik ausgeschaltet. Jedoch hätten westliche Unternehmen auch die schlechtere Versorgung mit Medikamenten im Osten ausgenutzt.

Bei einem Blutdrucksenker-Test habe es auch Tote gegeben. Ein direkter Zusammenhang zu dem Zusatzpräparat wurde nicht genannt. Die Menschen seien ohnehin schwer krank gewesen.

Aufarbeitung geht weiter

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe die Studien intensiv beobachtet, sagte Mitautorin Laura Hottenrott. In Ost-Berlin sei schon in den 60er Jahren ein "Beratungsbüro für Arzneimittel und medizintechnische Erzeugnisse (Import)" installiert worden, deren Leiter inoffizielle Mitarbeiter der Stasi waren. Das zentrale Organisationsbüro handelte die Verträge mit den West-Unternehmen aus. Verhindert werden sollte auch die Flucht von Ärzten.

Nach Ansicht des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, soll das Thema weiter ergründet werden. Iris Gleicke, die Ost-Bundesbeauftragte der Bundesregierung, zeigte sich ebenso erleichtert wie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, dass keine systematischen Rechtsverstöße und keine Verletzungen ethischer Standards festgestellt wurden. Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen verwies auf seine Unterstützung des Projekts. Damals beteiligte Firmen hätten Einblick in ihre Archive gegeben.

hei/dpa

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