Medizin-Nobelpreis: Jungbrunnen für Zellen

Von Nina Weber

Ist das Herz geschädigt, das Rückenmark durchtrennt, entstehen aus Stammzellen perfekte Ersatzteile - so könnte die Medizin der Zukunft aussehen. John Gurdon und Shinya Yamanaka haben nun den Nobelpreis dafür bekommen, dass sie die entscheidenden Grundlagen geschaffen haben.

Mit Zellen ist es ein bisschen wie mit Menschen: Sind sie noch jung, können sie sich praktisch in jede Richtung entwickeln. Später spezialisieren sie sich - Menschen entscheiden sich für einen Beruf, für Hobbys, sammeln Wissen in manchen Bereichen und ignorieren andere. Zellen, die in ihrer ursprünglichsten Form als embryonale Stammzellen bezeichnet werden, differenzieren sich zu Haut- oder Leberzellen, zu weißen Blutkörperchen oder Neuronen. Dabei verlieren sie einiges von ihrer ursprünglichen Flexibilität.

Doch wandlungsfähige Alleskönner sind nicht nur unter Menschen gefragt, sie wecken auch in der Medizin enorme Hoffnungen. Embryonale Stammzellen könnten theoretisch genutzt werden, um krankes oder zerstörtes Körpergewebe zu ersetzen, etwa Rückenmarkszellen bei einer Querschnittlähmung. Doch bisher sind sie nur auf einem ethisch umstrittenen Weg zu bekommen: Die Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo, wenn er erst aus wenigen Zellen besteht, zerstört.

Der Brite John Gurdon und der japanische Wissenschaftler Shinya Yamanaka haben entscheidenden Anteil daran, dass dieses Dilemma bald Geschichte sein könnte. Sie haben gezeigt, dass gereifte Körperzellen in Stammzellen zurückverwandelt werden können - weshalb sie nun den Nobelpreis für Medizin erhalten haben.


Von der Körperzelle zur Kaulquappe

Gurdon konnte in den sechziger Jahren nachweisen, dass sich das Erbgut spezialisierter Körperzellen nicht von dem embryonaler Stammzellen unterscheidet. Das gelang ihm, indem er ein Tier klonte: einen Krallenfrosch.

Er entnahm einer Darmzelle den Kern, in dem sich das Erbgut befindet. Diesen übertrug er in eine vorher entkernte, also im Prinzip Erbgut-freie Frosch-Eizelle. Anschließend entwickelte sich aus dieser Eizelle eine Kaulquappe und schließlich ein Frosch. Veröffentlicht hat er die Ergebnisse dieses Experiments im Jahr 1962, dem Geburtsjahr von Shinya Yamanaka, mit dem er sich den Preis teilt. Die Entdeckung Gurdons wurde erst skeptisch aufgenommen. Folgende Experimente zeigten jedoch, dass er richtig lag.

"Johns Arbeit hat unser Verständnis davon, wie Zellen sich im Körper spezialisieren und verändern, revolutioniert und hat damit den Weg für wichtige Entwicklungen bei der Diagnose und Behandlung von Krankheiten freigemacht", sagte der Präsident der renommierten Royal Society in London, Sir Paul Nurse.

Mit Hilfe des sogenannten somatischen Zellkerntransfers haben Forscher eine Reihe von Säugetieren geklont - unter anderem Pferde, Katzen und Hunde. Die Pionierarbeit auf diesem Gebiet war das Klonen des Schafs Dolly, dies wurde jedoch nicht mit einem Teil des Nobelpreises bedacht.

Reset-Knopf für Zellen

Einen alternativen Weg zur Stammzelle hat Shinya Yamanaka vor wenigen Jahren entdeckt. Mit seinen Kollegen von der Kyoto University suchte er systematisch nach Genen, die in embryonalen Stammzellen aktiv sind, in ausgereiften Zellen aber nicht. Die Wissenschaftler schleusten vier Gene in Körperzellen ein, wonach sich diese so veränderten, dass sie embryonalen Stammzellen ähnelten. Diese werden als induzierte pluripotente Stammzellen, kurz iPS-Zellen bezeichnet. Es gelang den Forschern auch, aus den iPS-Zellen wieder spezialisierte Körperzellen zu züchten.

Eine medizinische Anwendung für iPS-Zellen ist momentan noch nicht in Sicht, die Wissenschaftler betreiben hier noch Grundlagenforschung. Auch gibt es durchaus Sorgen, dass die umprogrammierten Zellen nicht das optimale Mittel in der Medizin sind, da sie gefährliche Mutationen bergen können.

Aber seit Yamanakas erster Veröffentlichung zu iPS-Zellen von 2006 hat sich ein ganzer Forschungszweig entwickelt. Die Umprogrammierung der Zellen haben verschiedene Wissenschaftlerteams in weiteren Experimenten immer stärker verfeinert, um mit dem Prozess verbundene Risiken zu senken.

Yamanakas Kollege bei der Studie von 2006, Kazutoshi Takahashi, ging am Montag leer aus. Mit Blick auf sein Team sagte der neue Nobelpreisträger der Nachrichtenagentur Jiji Press: "Wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich vielleicht aufgegeben." Der Preis sei nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine Ermutigung für ihn, seine Kollegen und alle an iPS-Zellen Forschenden. "Ich werde mit meinen Kollegen noch härter daran arbeiten, wirksame Medikamente und neue Therapien zu entwickeln, die auf von Patienten stammenden iPS-Zellen beruhen", sagte der japanische Forscher.

Dass das mit den Menschen ein bisschen so ist wie mit den Zellen, zeigt Yamanaka auch selbst: Er hat als orthopädischer Chirurg angefangen und dann komplett die Spur gewechselt zum Grundlagenforscher. Mit Erfolg.

Mit Material von dpa

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insgesamt 24 Beiträge
dschinn1001 08.10.2012
Vorteil ist klar, - man kann in der Medizin dann bald Ersatz-Organe zuechten. Nachteil ? - ist irgendwann jeder in der Gesellschaft biologisch austauschbar ?
Vorteil ist klar, - man kann in der Medizin dann bald Ersatz-Organe zuechten. Nachteil ? - ist irgendwann jeder in der Gesellschaft biologisch austauschbar ?
Trondesson 08.10.2012
Den "Nachteil" können Sie getrost streichen. Ergibt keinen Sinn, und selbst wenn, wäre es keiner.
Zitat von dschinn1001Vorteil ist klar, - man kann in der Medizin dann bald Ersatz-Organe zuechten. Nachteil ? - ist irgendwann jeder in der Gesellschaft biologisch austauschbar ?
Den "Nachteil" können Sie getrost streichen. Ergibt keinen Sinn, und selbst wenn, wäre es keiner.
weitergen 08.10.2012
Möglicherweise gab es für "Dolly" keinen Nobelpreis, weil der damit öffentlich bekannt gewordene Forscher Ian Wilmut doch nicht die Hauptrolle gespielt hat. [...]
Möglicherweise gab es für "Dolly" keinen Nobelpreis, weil der damit öffentlich bekannt gewordene Forscher Ian Wilmut doch nicht die Hauptrolle gespielt hat. http://scienceblogs.de/weitergen/2012/10/warum-ian-wilmut-fur-das-klonschaf-dolly-keinen-nobelpreis-bekommt/
kannwas 08.10.2012
Man stelle sich vor, mit ethisch einwandfrei gewonnenen Zelllinien könnte man z.B Querschnittslähmungen heilen. Was für ein wunderbarer Ansatz. Ich hoffe, die Forscher bekommen alles Geld was nötig ist.
Man stelle sich vor, mit ethisch einwandfrei gewonnenen Zelllinien könnte man z.B Querschnittslähmungen heilen. Was für ein wunderbarer Ansatz. Ich hoffe, die Forscher bekommen alles Geld was nötig ist.
mrm_berlin 08.10.2012
Meiner Meinung nach (gerade durch Einbeziehung von John Gurdon) eine tolle Entscheidung. Die hier geehrten Forscher sind im Gebiet hochangesehen und wahre Pioniere. John Gurdon für die Entdeckung/Erfindung des SCNT (Somatic [...]
Meiner Meinung nach (gerade durch Einbeziehung von John Gurdon) eine tolle Entscheidung. Die hier geehrten Forscher sind im Gebiet hochangesehen und wahre Pioniere. John Gurdon für die Entdeckung/Erfindung des SCNT (Somatic Cell Nuclear Transfer; d.h. die Umprogrammierung von differenzierten Zellen in Stammzellen durch ein undefiniertes Zellextrakt), Yamanaka durch die Entdeckung der spezifischen Faktoren, die die Umprogrammierung möglich machen, und damit der Erfindung des iPS-Verfahrens. Erst dieses iPS-Verfahren ermöglicht Stammzellforschung und Stammzellanwendungen mit Zellen, die auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten sind, ohne dafür auf ethisch bedenkliche Zellen (z.B. Zellen aus Föten oder Oozyten) zurückgreifen zu müssen. Ich schätze, dass diese Grundlagenforschung sehr schnell in der Klinik ankommen wird - so wie in der Vergangenheit z.B. auch die Entdeckung von Blutstammzellen im Mausversuch. Das war 1961 (durch Till and Culloch). Schon 7 Jahre später gab es dann die erste erfolgreiche Stammzelltransplantation bei menschlichen SCID-Pateinten, kurz darauf wurde die Behandlung Routine bei Leukämie-Patienten. Übrigens ein schönes Beispiel für die Sinnhaftigkeit von Tierversuchen. @weitergen Dolly war eher eine "Anwendung" der Erkenntnisse von John Gurdon, keine ganz neue grundlagenwissenschaftliche Erkenntnis. Insofern wäre die Einbeziehung von Ian Wilmut nicht folgerichtig gewesen.
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  • Montag, 08.10.2012 – 16:27 Uhr
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Nobelpreisträger-Quiz
Stammzellen - die Multitalente
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.

Medizin-Nobelpreisträger seit 1999
Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum.
Ehrung mit Weltrang - die Nobelpreise
Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde. Als "Wiedergutmachung" vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Nobel selbst hatte mehr als 350 Patente angemeldet.




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