Sterbehilfe für Nobelpreisträger: "Ich werde verschwinden, es wird nichts bleiben"

Der belgische Medizin-Nobelpreisträger Christian de Duve ist per Sterbehilfe aus dem Leben geschieden. Vor seinem Tod gab der 95-Jährige einer Zeitung ein Interview über seine Beweggründe und Religiosität.

Christian de Duve (Januar 2006): Tod per Sterbehilfe Zur Großansicht
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Christian de Duve (Januar 2006): Tod per Sterbehilfe

Der belgische Medizin-Nobelpreisträger Christian de Duve ist tot. Wie erst jetzt bekannt wurde, nahm der 95-Jährige am Samstag Sterbehilfe in Anspruch. Zuvor vertraute de Duve der Brüsseler Zeitung "Le Soir", die den Fall am Montag öffentlich machte, seine Gedanken über den Tod an. "Ich habe vor dem Danach keine Angst, denn ich bin nicht gläubig", sagte de Duve in dem bereits Anfang April geführten Gespräch mit der Zeitung. "Ich werde verschwinden, es wird nichts bleiben."

Laut "Le Soir" war de Duve schwerkrank und hatte sich deshalb für Sterbehilfe entschieden. Er wollte nur noch die Ankunft seines Sohnes aus den USA abwarten, um im Kreise seiner Familie aus dem Leben zu scheiden. Seine Tochter Françoise sagte dem Blatt, ihr Vater sei sehr gelassen gewesen: "Er sagte uns Adieu und lächelte uns zu, dann ging er von uns." In Belgien ist die aktive Sterbehilfe seit 2012 unter einer Reihe von Bedingungen zugelassen.

De Duve wurde 1917 in Großbritannien als Sohn einer belgischen Adelsfamilie geboren. Er studierte Medizin und Chemie und beschäftigte sich insbesondere mit Zellbiologie. 1974 erhielt er mit zwei weiteren Forschern den Nobelpreis. Belgiens Ministerpräsident Elio Di Rupo würdigte de Duve am Montag als Wissenschaftler von außergewöhnlichem Format. Zuvor hatte de Duve im Gespräch mit "Le Soir" kritisiert, dass die Politik die Wissenschaft zu wenig beachte. Di Rupio, selbst Doktor der Chemie, "hat mich nie nach meiner Meinung gefragt", sagte er.

In Belgien hatte erst im Januar ein Sterbehilfe-Fall für Schlagzeilen gesorgt: Taub geborene Zwillingsbrüder, die 45 Jahre lang gemeinsam gelebt hatten, entschieden sich für einen gemeinsamen Tod. Selbst die Beihilfe zum Suizid, die nach dem Gesetz straffrei bleibt, ist Ärzten hierzulande seit einem umstrittenen Beschluss des letzten Deutschen Ärztetags berufsrechtlich nicht mehr erlaubt. In Umfragen erzielt dagegen sogar Sterbehilfe gegen Geld große Zustimmungswerte.

mbe/AFP

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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).