Medizinforschung Arzt verstieß dutzendfach gegen Vorschriften

Ein Medizinforschungsskandal in Ludwigshafen weitet sich aus: Ein Ludwigshafener Arzt hat nicht nur mindestens eine Studie zu Blutplasma-Ersatzstoffen gefälscht. Er hat auch immer wieder gegen Vorschriften verstoßen.

Klinikum Ludwigshafen (November 2010): Unterschriften von Co-Autoren offenbar gefälscht
dpa

Klinikum Ludwigshafen (November 2010): Unterschriften von Co-Autoren offenbar gefälscht


Ludwigshafen - Die Messwerte waren zu schön, um wahr zu sein. Weil der ehemalige Chefanästhesist des Klinikums Ludwigshafen eine Studie zum Blutplasma-Ersatzmittel HES gefälscht hat, musste das Fachmagazin "Anesthesia & Analgesia" nach Leserhinweisen den entsprechenden Artikel zurückziehen. Der SPIEGEL hatte über den Fall berichtet. Nun zeigt sich: Der Mediziner hat auch bei weiteren klinischen Studien und wissenschaftlichen Arbeiten gegen die Vorschriften verstoßen.

Wie die Landesärztekammer Rheinland-Pfalz erklärte, hat der Mediziner Joachim B. bei 90 von 105 überprüften Publikationen nicht die vorgeschriebene Zustimmung einer Ethikkommission eingeholt. Vertreter der Ärztekammer und des Klinikums sprachen von einem einzigartigen Fall. "In solch einem Ausmaß haben wir das noch nicht erlebt", sagte eine Sprecherin der Kammer.

Die Ärztekammer treibt ein berufsrechtliches Verfahren gegen den Mediziner voran. An dessen Ende könnte dem Mann eine hohe Geldstrafe drohen. Durch die fehlende Zustimmung der Ethikkommission habe der Mann in 68 Fällen gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen, in 22 Fällen gegen ärztliches Berufsrecht. Die betroffenen Studien und Arbeiten aus den Jahren 1999 bis 2010 werden zurückgezogen.

Diskussionen über Wirksamkeit der Blutplasma-Ersatzmittel

Ob der Arzt mehr als eine Studie inhaltlich gefälscht oder gar komplett erfunden hat, wird derzeit noch ermittelt. Eine Kommission des Klinikums hatte im November zumindest den einen Fall der Fälschung als erwiesen angesehen, der "Anesthesia & Analgesia" zum Handeln gezwungen hatte.

In der Studie hatte der Mediziner B. angeblich die Wirkung von zwei Blutplasma-Ersatzmitteln verglichen. Diese mit Hilfe von Mais- oder Kartoffelstärke hergestellte Substanzen kommen bei Herzoperationen in einer Herz-Lungen-Maschine zum Einsatz. Die Infusionslösung soll helfen, den Kreislauf von Patienten auch bei großem Blut- und Flüssigkeitsverlust zu stabilisieren und Bluttransfusionen möglichst zu vermeiden. Die Kommission hatte keine Belege gefunden, dass die Studie überhaupt durchgeführt worden war. Unterschriften von Co-Autoren soll der Beschuldigte gefälscht haben.

Das Klinikum hatte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe von dem Arzt getrennt und die Untersuchung weiterer Studien in Auftrag gegeben. Unter Experten hat eine Diskussion über die Wirksamkeit der vielfach eingesetzten Blutplasma-Ersatzmittel begonnen.

Die Verantwortlichen des Krankenhauses beteuern, nichts deute darauf hin, dass durch die Verstöße des Mediziners Patienten zu Schaden gekommen sein könnten. Die Staatsanwaltschaft in Frankenthal ermittelt gegen den Mann unter anderem wegen möglicher Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz und Urkundenfälschung.

chs/dpa

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insgesamt 8 Beiträge
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Martin Franck 04.02.2011
1. Die Spitze des Eisbergs
Mich würden einmal Angaben interessieren, wie oft Studien durchgeführt werden, bei denen nicht alle Formalien stimmen. Dies dürfte die große Mehrheit sein. Da sowohl Herr Rösler, als auch Frau Schavan keinerlei Interesse an medizinischer Forschung zeigen, gibt es auch kaum Geld dafür. Ethikkommission: Kostet Geld. Datenschutz-Votum: Kostet Geld. Versicherung: Kostet Geld. Studie registrieren: Kostet Geld. Datenbank, die FDA-Regularien entspricht, erstellen: Kostet Geld. Stahlschränke und Platz für die Unterlagen, die aufbewahrt werden müssen: Kostet Geld. Studienteilnehmer nach GCP (good clinical practice) unterrichten: Kostet Geld. Wohl gemerkt, dabei ist noch kein Patient eingeschlossen, aufgeklärt, untersucht, oder gar Laborwerte bestimmt. Nehmen wir einmal an, das wäre auch endlich erledigt. Dann will man die Zahlen noch einmal mit einem Biomathematiker durchgehen: Kostet Geld. Die Daten auf einem Kongress vorstellen: Kostet Geld. Den Artikel veröffentlichen: Kostet Geld. Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig. Aber wer ist denn so naiv zu glauben, dass es nicht Leute geben könnten, die an der einen oder anderen Stelle etwas Geld sparen wollen? Ich vermisse die Reaktion der Politik auf den Skandal zu reagieren.
Marshmallowmann 04.02.2011
2. Auf Thema antworten
Zitat von sysopEin Medizinforschungsskandal in Ludwigshafen weitet sich aus: Ein Ludwigshafener Arzt hat nicht nur mindestens eine Studie zu Blutplasma-Ersatzstoffen gefälscht. Er hat auch immer wieder gegen Vorschriften verstoßen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,743647,00.html
Im Westen nichts Neues. xD
hansulrich47 04.02.2011
3. Geldgier
Es wird zu leicht mit ein bischen Schwindel viel Geld verdient. Und positive Publikationen werden zu leicht unkontrolliert breit gestreut, eben weil sie viel Verdienst bedeuten. Die Zeiten eines Liebig sind leider vorbei. Der hat in den Annalen nur das publiziert, was er selbst nachgekocht hatte und somit bestätigen konnte. Die Kontrolle in den Redaktionen ist einfach zu lasch.
Martin Franck 04.02.2011
4. 1999 - 2010
Also jemand konnte über elf Jahre Studien veröffentlichen, und erst jetzt fällt jemanden (wohlgemerkt aus den USA) auf, dass nicht vollständige Unterlagen vorliegen. Hätte er nur in Deutschland veröffentlicht, wäre es wahrscheinlich noch sehr viel länger gut gegangen. Wer ist da krimineller? Derjenige, der die miserable Forschungspolitik von Rösler und Schavan und deren Vorgängern ausnützt, oder Rösler und Schavan, die bisher noch nicht verlauten ließen, was sie ändern wollen? Jemand der 11 Jahre nichts merkt, müsste eigentlich die poltitische Verantwortung dafür übernehmen, dass er seine Aufsichtspflicht verletzt hat.
Fruusch 04.02.2011
5. Das ist der eigentliche Skandal
Zitat von Martin FranckAlso jemand konnte über elf Jahre Studien veröffentlichen, und erst jetzt fällt jemanden (wohlgemerkt aus den USA) auf, dass nicht vollständige Unterlagen vorliegen. Hätte er nur in Deutschland veröffentlicht, wäre es wahrscheinlich noch sehr viel länger gut gegangen. Wer ist da krimineller? Derjenige, der die miserable Forschungspolitik von Rösler und Schavan und deren Vorgängern ausnützt, oder Rösler und Schavan, die bisher noch nicht verlauten ließen, was sie ändern wollen? Jemand der 11 Jahre nichts merkt, müsste eigentlich die poltitische Verantwortung dafür übernehmen, dass er seine Aufsichtspflicht verletzt hat.
Hier haben eigentlich alle versagt: - Die Klinik, die es 11 Jahre lang nicht gemerkt hat, dass da jemand mahr als 50 (!) Studien durchführt, ohne die örtliche EK zu konsultieren. - Die Fachjournale, die die schönen Daten veröffentlicht haben, ohne mal genauer nachzusehen (sog. peer review). - Die Politik, die es nicht schafft, anständige Forschung auch mit anständigem Geld zu finanzieren. - Die Ethikkommissionen, die unverschämt viel Geld verlangen für minimale Tätigkeit. Die Landesärztekammer RLP verlangt zB bis zu 6000 Euro für ein Ethikvotum bei multizentrischen Studien! Was dieser Arzt hier durchgezogen hat, ist finsterstes Gruselkabinett und erinnert an die schrecklichsten Mediziner-Verbrechen (Tuskegee "untreated syphilis", KZ-Ärzte etc.). Ich hoffe, dass diesem Menschen dauerhaft die Lizenz entzogen wird, damit er nie wieder einen Patienten missbrauchen kann. Dass es aber 11 Jahre lang unentdeckt blieb, ist für mich der eigentliche Skandal - es zeigt, dass bei "schönen Daten" jeder gern mal wegsieht.
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