Medizinische Forschung: Experten zweifeln am Nutzen von Maus-Studien
Lassen sich die Ergebnisse von Maus-Studien auf den Menschen übertragen? Bei vielen Krankheiten eher nicht, berichten nun Mediziner. Mäuse und Menschen reagieren beispielsweise völlig unterschiedlich auf Entzündungsprozesse.
Washington - Seit Jahrzehnten beruht ein Großteil der medizinischen Grundlagenforschung - etwa zur Alzheimer-Krankheit, zum Nutzen von Wirkstoffen oder zur Rolle bestimmter Gene - auf Versuchen an Mäusen. Allerdings bestätigen sich die an den Tieren gewonnenen Erkenntnisse in späteren Studien an Menschen eher selten, berichtet ein Forscherteam um Shaw Warren vom Bostoner Massachusetts General Hospital.
Dies gelte insbesondere bei Studien zu Entzündungsprozessen, die an verschiedensten Krankheiten beteiligt seien, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Entzündungsprozesse sind an sehr vielen Erkrankungen und Verletzungen beteiligt und verändern bei einem großen Teil des Erbguts die Genexpression - also die Aktivität der Gene. Um die Frage der Übertragbarkeit systematisch zu klären, verglich das Konsortium, dem rund 20 Forschungseinrichtungen angehören, erstmals die Folgen solcher Prozesse für das Erbgut von Mensch und Maus.
Die Forscher analysierten Blutproben von mehr als 400 Menschen, die einem stumpfen Trauma, Verbrennungen oder Bakteriengiften ausgesetzt waren, und auch von gesunden Personen. Dabei untersuchten sie die weißen Blutkörperchen auf die RNA, die Informationen zur Produktion bestimmter Proteine weiterleitet. Dies verglichen sie dann mit den Reaktionen von drei verschiedenen Mausstämmen auf vergleichbare Verletzungen.
Folgen von Entzündungen für Genaktivität
Bei Menschen veränderten die Entzündungen die Expression von über 5500 Genen deutlich. Für 4900 davon gab es vergleichbare Gene bei Mäusen, sogenannte Orthologe. Doch deren Veränderungen ähnelten denen der menschlichen Gene kaum - die Ähnlichkeiten lagen nahe an jener Rate, die dem Zufall entsprach.
Damit nicht genug: Während die Reaktionen der Menschen einander unabhängig von der Ursache stark ähnelten, unterschieden sich die Mäuse je nach Stamm deutlich voneinander, selbst bei gleicher Verletzungsart. Auch die zeitliche Dauer der Reaktionen von Mensch und Maus war nicht vergleichbar: Bei Menschen hielten Veränderungen bis zu einem halben Jahr an, bei Mäusen waren sie meist nach wenigen Tagen verschwunden.
"Wir waren überrascht über die schwache Korrelation zwischen den genomischen Reaktionen in den Mausmodellen und jenen Reaktionen bei menschlichen Verletzungen, insbesondere angesichts des weltweit üblichen Gebrauchs von Mäusen als Modellen für menschliche Entzündungen", schreiben die Forscher. Sie betonen: "Man muss neue Ansätze erforschen, um die Möglichkeiten zum Erforschen menschlicher Erkrankungen zu verbessern."
"Das ist starker Tobak"
Ernüchterndes Fazit des Mediziners Warren: "Unsere Resultate stellen die Validität von Mausmodellen zum Nachahmen von entzündlichen Prozessen bei Menschen in Frage." Die Forscher betonen allerdings, dass ihre Resultate für Entzündungsprozesse gelten und nicht unbedingt auf andere Forschungsfelder übertragbar seien.
"Das ist starker Tobak", meint der Neuroanatom Ingo Bechmann von der Universität Leipzig. "Seit Jahrzehnten ist die Maus das Standardmodell der Immunologie, an dem nicht gerüttelt wird." Die aufwendige Studie zeige eindeutig, wie begrenzt der Wert von Mausversuchen in vielen medizinischen Feldern sei.
hda/dpa
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