Überschätzte Gesundheitsstudien: Wer zu viel glaubt, bleibt dumm

Von Klaus Koch

Kaffee schützt vor Schlaganfall! Schokolade macht doch nicht dick! Immer wieder sorgen Gesundheitsstudien mit überraschenden Schlagzeilen für Aufsehen. In Wahrheit handelt es sich dabei nur um Vermutungen, die nie überprüft wurden. Eine Abrechnung.

Verführung durch Süßes: Die meisten Gesundheitsnachrichten haben einen Geburtsfehler Zur Großansicht
Corbis

Verführung durch Süßes: Die meisten Gesundheitsnachrichten haben einen Geburtsfehler

Stellen Sie sich vor: Sie liegen auf dem Rücken auf einer Wiese und sehen den vorbeiziehenden Wolken zu. Es dauert nicht lange, bis Sie anfangen, Dinge zu sehen: Gesichter, Tiere, Gegenstände. Menschen können gar nicht anders, denn unsere Gehirne sind auf Mustererkennung perfektioniert. Darauf, Ähnliches zu erkennen, einzuordnen und so nach Zusammenhängen und Erklärungen zu suchen.

Der Drang ist so stark, dass wir im Alltag auch dort ständig Muster vermuten, wo nur der Zufall sein Spiel treibt. Wir brauchen Erklärungen. Wo es keine gibt, denken wir uns schnell eine aus.

Zum Schutz vor Trugschlüssen brauchen wir Wissenschaft: Sie stellt Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sich ausgedachte Erklärungen überprüfen lassen. Doch zumindest in der Medizin gibt es ein wachsendes Ungleichgewicht: Das Hauptgeschäft medizinischer Studien ist nicht, Dinge zu überprüfen und zu beweisen. Die Fachwelt produziert vielmehr am laufenden Band Vermutungen, die nie geprüft werden. Die aber trotzdem immer wieder unser Leben beeinflussen, wenn sie Mehrheiten finden und Medien darüber berichten.

Schokolade macht mal dick, mal nicht

Die Schlagzeilen sind mal unterhaltsam, mal mit erhobenem Zeigefinger geschrieben: Schokolade macht doch nicht dick. Brokkoli schützt vor Brustkrebs, Kaffee vor Schlaganfall. Unbewiesene Vermutungen sind in vielen Medien besonders beliebt, wenn sie die kleineren und größeren Sünden des Alltags betreffen: Was wir essen oder trinken, wie wir uns verhalten, mit wem wir Sex haben.

Problematisch ist das, weil die meisten Gesundheitsnachrichten einen schwerwiegenden Geburtsfehler haben: Hinter den Meldungen steckt meist ein überschätzter Studientyp, die epidemiologische Beobachtungsstudie. Ihr haben wir einige wichtige Fortschritte der Menschheit zu verdanken: Die Methode wird seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt, um zum Beispiel Ausbrüche von Infektionen wie Cholera einzukreisen - um dann Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Wozu man solche Studien heute noch braucht, hat zuletzt Ehec demonstriert. Das Prinzip ist einfach: Man befragt Kranke (Fälle) und Gesunde (Kontrollen), um so Unterschiede im Verhalten herauszufinden. Wer hat wann was gegessen? Doch Ehec hat auch die Schwäche solcher Studien gezeigt. Man kann mit ihnen Verdächtige einkreisen (Gurken, Tomaten), aber nicht den wahren Schuldigen überführen.

Trotzdem werden Studien ähnlicher Art jeden Tag massiv überschätzt: Forscher stellen Menschen auf die Waage und fragen sie, wie oft sie Schokolade gegessen haben. Dann teilen sie die Teilnehmer in Gruppen - zum Beispiel in Dicke und Dünne - und suchen nach Unterschieden in den Antworten. Wenn man nach genügend vielen Faktoren fragt, taucht fast immer irgendein Verhaltensunterschied zwischen den Gruppen auf, der dann nach allen Regeln der Statistik signifikant ist. Und trotzdem keine Bedeutung hat.

Der Zufall sorgt für die nötige Gleichmäßigkeit

Vitamine sind ein aktuelles Beispiel, wie solche Studien in die Irre führen können. Befragungen von Zehntausenden Männern und Frauen lieferten immer wieder das Ergebnis, dass diejenigen, die sich vitaminreich ernähren, seltener zum Beispiel an Krebs und Herzinfarkt erkranken. Auch wer Multivitaminpräparate einnahm, schnitt gesundheitlich besser ab. Doch der Unterschied liegt nicht an den Vitaminen, sondern daran, dass Männer und Frauen, die viele Vitamine zu sich nehmen, sich auch in anderen Eigenschaften von denen unterscheiden, die das nicht tun.

Um den Nutzen von Vitaminpräparaten zu beweisen, braucht man vergleichende Experimente. Auch hier werden zwei Gruppen von Menschen verglichen. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass die Teilnehmer per Los zugeteilt werden. Dieses Auslosen widerstrebt vielen. Doch es ist die bislang einzige (und einfachste) bekannte Methode, wie man zuverlässig dafür sorgen kann, dass sich die Gruppen nicht schon von Anfang an unterscheiden. Männer und Frauen, Junge und Alte, Kranke und Gesunde werden per Los fair auf beide Gruppen verteilt.

Und nicht nur dass: Der Zufall sorgt normalerweise auch dafür, dass alle Eigenschaften, die man den Freiwilligen nicht ansehen kann, ebenso gleichmäßig auf die Gruppen verteilt sind. Wenn dann die eine Gruppe Vitamine erhält und die andere nicht, kann man sich ziemlich sicher sein, dass gesundheitliche Unterschiede tatsächlich auf die Vitamine zurückzuführen sind. Bei allen anderen Faktoren gibt es ja dank dieser Randomisierung keinen Unterschied. Und in den Experimenten, die Vitaminpräparate so getestet haben, waren sie nutzlos - einige sogar eher schädlich.

Gute Experimente sind selten

Ohne solche randomisierten Experimente sind nur in Ausnahmefällen in der Medizin sichere Schlussfolgerungen möglich. Komischerweise haben diese Experimente ein Akzeptanzproblem. Das liegt vor allem daran, dass Ärzte und Patienten oft bereits zu früh an den Nutzen neuer Therapien glauben und dann eine Auslosung als Benachteiligung sehen. Hinzu kommt, dass diese Studien manchmal schwierig durchzuhalten sind. Gerade bei Aspekten des Lebensstils wie Ernährung und Bewegung lassen sich die Teilnehmer nur ungern auf längere Zeit darauf ein, ihre Gewohnheiten zu ändern. Forscher scheuen hier oft die Mühe, die ein gutes Experiment bedeuten würde.

Gute Experimente sind deshalb zu selten. Hier halten epidemiologische Studien dann als Ersatz her. Doch egal, wie gut die Gründe oder wie ehrenvoll die Absichten eines Forschers sind: Epidemiologische Studien können normalerweise keine Beweise liefern. Punkt.

Das wäre in Ordnung, wenn die Wissenschaftler selbst skeptisch blieben. Das tun sie aber allzu oft nicht. Forscher, die in ihren Zahlen entdecken, dass Schlanke häufiger Schokolade essen, reichen schnell einen Fachartikel bei einer der mehreren tausend Fachzeitschriften ein. Irgendeine druckt ihn schon. In dem Artikel findet sich zwar meist ein Absatz, dass "weitere Studien nötig" seien, um die Ergebnisse abzusichern. Doch diese Passage liest sich oft wie eine lästige Pflichtübung und geht gerne als Kleingedrucktes unter.

Wenn Medien diese Ergebnisse als Schlagzeile aufbereiten, geht allzu oft auch dieser letzte Rest an Skepsis über Bord: Aus der mehr oder weniger unsicheren Beobachtung, dass bestimmte Frauen mehr Brokkoli gegessen haben als andere, wird dann eine Kausalitätsaussage: Brokkoli schützt vor Brustkrebs.

Die Folge ist: Wir sind einem Rauschen von Gesundheitsnachrichten ausgesetzt, die fast alle nur auf Vermutungen beruhen, das aber nicht verdeutlichen. Seriöse Medien berichten zumindest, dass es lediglich um eine Beobachtung geht, von der niemand sicher weiß, ob das eine wirklich die Ursache des anderen ist - und nur eine Korrelation, ein zufälliges Zusammentreffen zweier Faktoren.

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1.
Reziprozität 23.07.2012
Ein sehr guter Kommentar, der insbesondere die methodischen Schwaechen dieser Studien endlich mal prominent heraushebt: "...Doch egal, wie gut die Gründe oder wie ehrenvoll die Absichten eines Forschers sind: Epidemiologische Studien können normalerweise keine Beweise liefern. Punkt. .." Besser kann man es wohl kaum formulieren. P.S.: "Verfühurung durch Süßes" (Bildunterschrift im Artikel) ist wirklich ein netter Verschreiber ... ;)
2. optional
sunandsea 23.07.2012
Ich sehe das nicht so, viele medizinische Studien sind sehr gut, die schlechten werden von den Wissenschaftlern und oft auch den Ärzten als solche erkannt - zumindest kenne ich keinen Arzt, der aufgrund der Broccoli-Studie seine Patienten entsprechend berät (wobei vermutlich auch kein Arzt es dem Patienten ausreden würde, solange diese keine schulmedizinische Therapie ersetzen - bei weitem besser als Homöopathie, halt gesund und lecker). Das Problem sind doch vielmehr die Medien, die leichtverständliche und den Menschen entgegenkommende Lektüre besser verkaufen können - daher finden sich Schokolade und Kaffee deutlich häufiger in den Massenmedien - bei 1l Kaffee und 200g Schokolade pro Tag liest man so etwas halt einfach gerne.
3.
Tolotos 23.07.2012
Zitat von sysopSchokolade macht doch nicht dick! Kaffee schützt vor Schlaganfall! Immer wieder sorgen Gesundheits-Studien mit überraschenden Schlagzeilen für Aufsehen. In Wahrheit handelt es sich dabei nur um Vermutungen, die nie überprüft wurden. Eine Abrechnung. Medizinische Studien beruhen oft auf ungeprüften Vermutungen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,840821,00.html)
Das betrifft nicht nur Gesundheits-Studien, sondern gilt wohl ziemlich allgemein. Es gibt schlicht und ergreifen einen Markt für Veröffentlichungen die unseriös genug sind, um Unsinn behaupten, aber seriös genug wirken, um Menschen zu überzeugen!
4. eigene Nase
Guy Montag 23.07.2012
Zitat von sysopSchokolade macht doch nicht dick! Kaffee schützt vor Schlaganfall! Immer wieder sorgen Gesundheits-Studien mit überraschenden Schlagzeilen für Aufsehen. In Wahrheit handelt es sich dabei nur um Vermutungen, die nie überprüft wurden. Eine Abrechnung. Medizinische Studien beruhen oft auf ungeprüften Vermutungen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,840821,00.html)
Seltsamerweise sind es aber genau solche Medien wie SPOn, die diesen absurden Studien immer wieder gerne eine Plattform bieten...
5. Comic zum Thema
Lightbringer 23.07.2012
Zitat von sysopIn Wahrheit handelt es sich dabei nur um Vermutungen, die nie überprüft wurden. Eine Abrechnung.
Jorge Cham hat es mit seinem PhD Comic vor einiger Zeit mal auf den Punkt gebracht: PHD Comics: Science News Cycle (http://www.phdcomics.com/comics/archive.php?comicid=1174)
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Zum Autor
  • Klaus Koch. Biologiestudium in Bonn und Köln, Abschluss 1989 Diplom-Biologe; 1990 Stipendium "Wissenschaftsjournalismus" der Robert-Bosch-Stiftung, bis Ende 2005 freier Medizin- und Wissenschaftsjournalist (u.a. für Süddeutsche Zeitung, Deutsches Ärzteblatt) und Buchautor; 2006 Leitender Redakteur in der Institutsleitung des IQWiG, seit Mai 2011 Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation. 2007 Promotion zur Bewertung von Methoden der Krebsfrüherkennung an der Universität zu Köln; 2009 bis 2013 Mitglied im erweiterten Vorstand des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e.V.

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