Mikroben-Inventur: Das Gewimmel im Körper

Es ist die Inventur unseres Innenlebens: Forscher haben die Mikroben-Welt im Menschen untersucht. Es gibt mehr Keime als gedacht - mehr als 10.000 verschiedene Bakterien-Arten leben in uns. Ihr Beitrag zu unserer Gesundheit ist beträchtlich.

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Corbis

Wir sind Gewimmel: 90 Prozent sämtlicher Zellen im Körper sind Bakterien

Einige beeindruckende Zahlen: Rund 1.000.000.000.000 (in Worten: eine Billion) Lebewesen finden sich in einem Gramm Darminhalt. Damit zählt der menschliche Dickdarm zu den Orten mit der höchsten Einwohnerdichte weltweit. Oder: Allein auf der etwa zwei Quadratmeter großen Haut leben so viele Mikroben wie Menschen auf der Erde - 90 Prozent sämtlicher Zellen im Körper sind Bakterien.

Unverkennbar genießen die Mikroben das Ökosystem Mensch. Die amerikanische Gesundheitsbehörde National Institute of Health (NIH) wollte es ganz genau wissen und rief 2007 zum großen Zensus auf, das Human Microbiome Project (HMP) war geboren. Nach fast fünf Jahren Arbeit präsentieren die Wissenschaftler von mehr als 80 Forschungseinrichtungen nun ihre erste Zwischenbilanz in einer Reihe von Studien, zwei davon erscheinen im Wissenschaftsmagazin"Nature".

Ohne Mikroben keine Nahrungsverwertung

Vermutlich mehr als 10.000 verschiedene Bakterien leben im und am Menschen. Das seien weit mehr als bisher vermutet, berichten die beteiligten Forscher, die vor allem in den USA arbeiten. Art und Anzahl dieser Mitbewohner unterscheiden sich dabei sowohl von Mensch zu Mensch als auch von Körperregion zu Körperregion erheblich. Trotz der Unterschiede erfüllen die Mikroorganismen bei jedem Mensch dieselben Aufgaben.

Für ihre jetzt vorgestellten Arbeiten entnahmen die Forscher von 242 gesunden Erwachsenen Proben aus der Nase, dem Mund und Rachen, aus der Vagina, dem Stuhl und von der Haut. Im Verlauf von knapp zwei Jahren wiederholten sie die Entnahmen bis zu dreimal.

Dann isolierten sie das Erbgut der Mikroorganismen. Mit Hilfe spezieller genetischer Untersuchungen bestimmten sie, welche und wie viele Mikroben in welcher Körperregion vorkommen. Im Stuhl und an den Zähnen sei die Vielfalt der Mikroben am größten, in der Vagina hingegen am geringsten.

In einer weiteren Untersuchung zeigten sie, dass alle Bakterien gemeinsam etwa acht Millionen Gene besitzen, die in ein Protein übersetzt werden können. Der Mensch selber verfügt nur über rund 22.000 solcher Protein-codierenden Gene.

Noch ist längst nicht von allen Proteinen bekannt, welche Aufgabe sie besitzen und welchen Beitrag sie für die Gesundheit des Menschen leisten. Zumindest in einigen Bereichen ist er aber erheblich, etwa im Darm. Ohne die Mitarbeit der Mikroben könnten wir zahlreiche wichtige Nährstoffe aus der Nahrung nicht verwerten.

Mikrobiom verändert sich

Zudem funktioniert das Mikrobiom aller Menschen ähnlich. So könnten zwei Menschen völlig gesund sein, obwohl eine bestimmte Bakterienart bei dem einen 95 Prozent aller Bakterien im Darm ausmache, bei dem anderen nur 0,01 Prozent, erläutert Anthony Fodor von der University of North Carolina at Charlotte, einer der beteiligten Wissenschaftler. "Obwohl die Arten von Bakterien sehr verschieden sein können, scheinen die Funktionen der Gene bei verschiedenen Arten sehr ähnlich zu sein."

Einige der nächsten Aufgaben lägen nun darin, zu untersuchen, ob und wie sich das Mikrobiom eines Menschen im Laufe des Lebens verändert und wie es die Entstehung von Krankheiten beeinflusst, zum Beispiel Darmentzündungen, Krebs oder Fettleibigkeit.

nik/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. An endlich!
ReneMeinhardt 14.06.2012
hat ja auch lange genug gedauert, eine differenzierte Sicht auf Mikroben zu erzeugen. Noch n paar Schritte weiter, und Sie kommen auf die richtige Spur.
2. Gleich mal desinfizieren!
johnbatz 14.06.2012
Da werden aber einige jetzt ins Bad hetzen. Mikroben, das geht ja gar nicht. Das muss alles desinfiziert werden. So sagt es die Werbung.
3. Wieder eine Tiefschlag
polyphemos 14.06.2012
Zitat von sysopCorbisEs ist die Inventur unseres Innenlebens: Forscher haben die Mikroben-Welt im Menschen untersucht. Es gibt mehr Keime als gedacht - mehr als 10.000 verschiedene Bakterien-Arten leben in uns. Ihr Beitrag zu unserer Gesundheit ist beträchtlich. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,838739,00.html
für "die Krone der Schöpfung". Es täte allen "Herren" und "Damen", die sich für den Mittelpunkt des Universums halten und "sich die Erde untertan" machen wollen, sehr gut, wenn sie gelegentlich mal daran dächten, dass sie ohne all die "primitiven" Lebewesen innerhalb "eines kurzen Zeitkorridors" elend v*rr*ck*n würden.
4. Sehe ich auch so...
georgius1 14.06.2012
Zitat von ReneMeinhardthat ja auch lange genug gedauert, eine differenzierte Sicht auf Mikroben zu erzeugen. Noch n paar Schritte weiter, und Sie kommen auf die richtige Spur.
(Hervorhebung von mir.) ...interessante Forschung. Ebenfalls interessant waere zu erfahren, wie sich das alles nennt, was inwendig und aussenwandig in/an einem so kribbelt und krabbelt. Das fuehrt sofort zum Reiz - erst juckt es, dann wird gekratzt. -:) Gleichfalls eine wichtige Frage zur Pathogenitaet mancher Mikroben waere zu klaeren, die ja einzeln durchaus froehlich existieren aber erst im grossen Verband (suitable environment) die entsprechenden Kranheiten ausbrechen lassen. Gruss, George
5. Sooo neu ist das nicht
seth_gecko 14.06.2012
Da gab es mal vor 100 Jahren einen Biologen den nannte man Béchamp und dieser hat schon viel über Mikroben rausgefunden,aber wie sooft wurde solche Leute denunziert.
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