Minderwertiges Silikon: Erste Klage in Deutschland gegen falsche Brustimplantate

Minderwertige Brustimplantate aus Industriesilikon wurden Tausenden Frauen eingesetzt. Jetzt zieht in Deutschland die erste Betroffene vor Gericht. Es könnte der Auftakt einer Prozesslawine sein: Die Anwälte der Klägerin vertreten weitere etwa 50 Geschädigte.

PIP-Implantat: Minderwertiges Silikon Zur Großansicht
AFP

PIP-Implantat: Minderwertiges Silikon

München/Karlsruhe - Im Skandal um gefährliche Brustimplantate der französischen Firma PIP hat die erste Betroffene in Deutschland Klage eingereicht. Die 29-Jährige fordert 100.000 Euro unter anderem als Schmerzensgeld sowie für mögliche künftige Schäden. Die Klage richtet sich gegen den Chemikalienhändler Brenntag, den TÜV Rheinland und den behandelnden Arzt. Weitere Klagen würden vorbereitet, sagte ihr Münchner Anwalt Christian Zierhut. Laut seiner Kanzlei ist es die erste Klage bundesweit. Ein Sprecher des Karlsruher Landgerichts bestätigte am Montag den Eingang der Klage.

Tausende Frauen in Deutschland könnten defekte Brustimplantate im Körper haben. Das hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bekanntgegeben.

"Momentan vertreten wir schon an die 50 Geschädigte. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass man den Sachverhalt grundsätzlich aufarbeitet und entscheidet, ob man außergerichtlich Ansprüche stellt oder Klage einreicht", sagte Zierhut. Zuständig sind die Gerichte an den Orten, an denen die Eingriffe vorgenommen wurden.

"Wir sehen für unsere Klagen gute Erfolgschancen, besonders gegen die Ärzte. Den Ärzten werfen wir vor, in fast allen Fällen die Frauen unzureichend über Risiken informiert zu haben. Zumeist haben sie 'verharmlost' und zu wenig darüber aufgeklärt, dass die Implantate auch reißen könnten und Ähnliches", erläuterte die Kanzlei. Das verwendete Billigprodukt hätte niemals implantiert werden dürfen.

Dem TÜV Rheinland werfen die Anwälte vor, zu Unrecht eine CE-Zertifizierung abgegeben zu haben. Der TÜV hatte dazu bereits mitgeteilt, bei den regelmäßigen Kontrollen seien stets das korrekte Silikon und die korrekten Dokumente präsentiert worden. Der TÜV Rheinland sei betrogen worden und habe deswegen schon vor einem Jahr Strafanzeige gegen PIP gestellt.

Auch der Chemiehändler Brenntag hatte Vorwürfe zurückgewiesen. "Es ist bis heute unklar, inwieweit die von Brenntag gelieferten Produkte überhaupt in den Implantaten verarbeitet wurden", hieß es Mitte Januar in einer Mitteilung. Die Silikon-Öle seien eindeutig nur für die industrielle Verwendung gekennzeichnet gewesen. Es gebe keine gesetzliche Vorgabe für Lieferanten, Kontrollen über die Weiterverwendung durchzuführen.

In Frankreich hatte ein Gericht nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP bereits den Versicherer des insolventen Herstellers PIP zu 4000 Euro Schadenersatz verurteilt. Der Richter aus Avignon gab damit der Klage einer 31-jährigen Betroffenen statt, der ein PIP-Silikonkissen eingesetzt worden war.

boj/dpa

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1. Ich halte das für seltsam
kumi-ori 24.01.2012
Warum verklagt man nicht die Firma PIP, die ja schließlich diese Implantate hergestellt hat?
2.
Altesocke 24.01.2012
Zitat von kumi-oriWarum verklagt man nicht die Firma PIP, die ja schließlich diese Implantate hergestellt hat?
Schon mal nem Nackten in die Tasche gefasst? Insolvent ist Insolvent, das ist halt nur bei Griechenland anders! Vielleicht sollten die Anwaelte zeitgleich auch diesen Versicherer in Frankreich verklagen?
3. Na und?
kumi-ori 24.01.2012
Zitat von AltesockeSchon mal nem Nackten in die Tasche gefasst? Insolvent ist Insolvent, das ist halt nur bei Griechenland anders!
Ist mir schon klar. Aber ziemlich absurde Logik, in der Gegend rumzulaufen und zu gucken, wer noch Geld hat, und dem dann die ganze Schuld aufzubürden. Warum nicht gleich beim Pförtner oder beim Müllmann anfangen? Eine Versicherung zahlt bei unvorhersehbaren oder unabwendbaren Vorkommnissen, allenfalls vielleicht bei bedingter Fahrlässigkeit. Hier handelt es sich auf jeden Fall um groben Vorsatz. Monsieur Mas wusste, was passieren würde. Und was ist mit dem Zulieferer? Der Zulieferer hatte Industrieware versprochen, nicht für medizinische Zwecke geeignet. Wenn Sie in der Drogerie einen Kanister Brennspiritus kaufen und den dann als Schnaps weiter verkaufen, dann ist auch nicht der Drogeriemarkt für die Schadensfälle verantwortlich. Es ist natürlich erfolgversprechend, erst mal einen Rundumschlag gegen alle zu führen. Da die Justiz nicht immer nachvollziehbar urteilt, steht die Chance nocht schlecht, dass es irgendeinen Richter geben wird, der sagt, eigentlich ist der hersteller des Ausgangsstoffes schuld. Zumindest kann er ja erst mal zahlen. Geld ist da vielleicht noch zu holen. Was wird die Folge sein? Die Konsequenz muss sein, dass in Zukunft alle Klo-Abflüsse nur noch mit Silikon abgedichtet werden, dass auch für Brustimplantate geeignet und entsprechend teuer ist, denn kein Hersteller wird sich dann noch auf das Risiko einlassen, Insdustrieware herzustellen, wenn er für einen Missbrauch verantwortlich sein wird. Entsprechendes gilt für benannte Stellen wie den TÜV. Da heute nicht mehr der Betrüger strafbar ist, sondern der Betrogene, wird der Tüv alle Kosten entsprechend auf künftige Kosten umlegen. Der TÜV wird zu Ihnen sagen: "Wahrscheinlich sind Sie ein Krimineller und werden uns eine Milliarde an Folgekosten verursachen. Deshalb werden wir gleich diese Kosten in unsere Gebühren einpreisen." Monsieur Mas fährt unterdessen weiterhin in Costa Rica unbeschwert besoffen mit dem Leihwagen durch die Gegend. Ganz mittellos scheint er ja wohl nicht zu sein, aber das ist ja kein Problem und er braucht auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Rohstoff-hersteller, TÜV und Versicherung können ja für die Folgen seinen Tuns aufkommen.
4. Typisch Deutsch
krinoline 24.01.2012
Es muss einfach jemand anderer Schuld sein, den man zur Kasse bitten kann. Das Silikonimplantate reissen und das Silikon sich im Körper anreichern kann, war doch schon früher bekannt. Gegen kriminelle Energie gibt es keine Versicherung. Wer eine solche OP ohne medizinische Indikation, sondern nur aus Eitelkeit hat durchführen lassen, soll die Wiederherstellung dann doch lieber selber zahlen.
5. das ist doch schon klar, wer zahlt... die Krankenkassen müssen
beraterit 24.01.2012
Zitat von krinolineEs muss einfach jemand anderer Schuld sein, den man zur Kasse bitten kann. Das Silikonimplantate reissen und das Silikon sich im Körper anreichern kann, war doch schon früher bekannt. Gegen kriminelle Energie gibt es keine Versicherung. Wer eine solche OP ohne medizinische Indikation, sondern nur aus Eitelkeit hat durchführen lassen, soll die Wiederherstellung dann doch lieber selber zahlen.
doch die neue OP bezahlen - also vier alle. Welcher Schaden ist denn da eigentlich entstanden ? Entgangene Gewinne ? Der erste Preis im DOLLY_DOLLAR_Wettbewerb ? Oder "ich habe den Millionär, den ich mir mit den Eutern angeln wollte nicht gekriegt ? Oder ich bin nicht Model geworden ?
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Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

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