Illegale Arznei MMS Wirkt der Stopp des gefährlichen "Heilmittels"?

Eine Bundesbehörde hat MMS als bedenkliches, nicht zugelassenes Arzneimittel eingestuft. Damit ist der Verkauf ab sofort illegal - doch die Hintermänner machen weiter. Selbst eine Esoterikmesse, auf der MMS beworben wird, kann stattfinden.

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Shop für MMS-Produkte: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt vor schweren Schäden
DPA

Shop für MMS-Produkte: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt vor schweren Schäden


Hamburg - Dieses "Wunder" ist gefährlich: Seit Monaten wird ein vermeintliches Heilmittel über das Internet beworben und über dubiose Online-Shops verkauft: "Miracle Mineral Supplement", kurz MMS. Es wurde erfunden von Jim Humble. Der frühere Scientologe erklärt, sein Mittel helfe gegen allerhand Leiden gleichzeitig - Alzheimer, Krebs, MS, Autismus.

Nicht nur Behörden in Amerika, Kanada und Frankreich warnen vor MMS. Unerwünschte Wirkungen des Mittels sind Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall, Verätzungen der Speiseröhre sowie Atemstörungen wegen Schäden an roten Blutkörperchen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat vor Kurzem zwei MMS-Präparate als zulassungspflichtige und bedenkliche Arzneimittel eingestuft - damit ist der Verkauf ab sofort illegal. Trotzdem geht der Verkauf von MMS-Präparaten im Netz weiter. Auch eine Esoterikmesse, die im April in Kassel stattfinden soll, und auf der laut Programm für MMS geworben wird, darf stattfinden.

Warum wird der Verkauf von MMS nicht gestoppt?

Die Entscheidung des Bundesinstituts bezieht sich nur auf den konkreten Fall der Firma Luxusline Ltd. Wegen anderer Onlineshops sind nun die Gesundheitsämter in den Ländern gefragt, je nachdem, in welchem Bundesland der Anbieter seinen Sitz hat. Zudem sind viele Shop-Domains gar nicht in Deutschland registriert. Die MMS-Händler haben auch auf die BfArM-Entscheidung reagiert und vermeiden nun Heilsversprechen auf ihren Internetseiten.

Die Behörden haben aber auch noch ein anderes Problem, wie Nicole Ohly-Müller vom Regierungspräsidium Darmstadt berichtet. Der Nachweis, dass Natriumchlorit, aus dem MMS besteht, als Arzneimittel verkauft werde, sei nicht leicht zu führen. Die Chemikalie sei für viele Zwecke frei im Handel, etwa als Desinfektionsmittel oder als Entkalker.

Ein Verkauf als Arzneimittel sei meist nicht beweisbar. Doch nur dann handle es sich um ein zulassungspflichtiges Arzneimittel und die Behörde habe die Möglichkeit, die Anwendung, das "in Verkehr bringen" oder Herstellen zu untersagen. Die Gesundheitsbehörde setzt daher nun auf Prävention und Aufklärung von Ärzten und Heilpraktikern.

Jim Humble wirbt weiter für sein MMS (Screenshot 24. März 2015)
mmsverlag.com

Jim Humble wirbt weiter für sein MMS (Screenshot 24. März 2015)

Was wird nun aus der Esoterikmesse in Kassel?

Nachdem die Stadt Kassel wohl zu spät bemerkt hatte, dass sie in ihrem Kongress Palais mit dem "Spirit of Health"-Kongress dubiosen Wunderheilern Raum gibt, hoffte man, die Zusage zurück ziehen zu können. Doch das geht auch nach dem jüngsten BfArM-Entscheid nicht. Für Kassel ergeben sich keine neuen rechtlichen Ansatzpunkte, sagt der Pressesprecher der Stadt, Ingo Happel-Emrich. Man werde den Veranstalter darauf hinweisen, die geltenden gesetzlichen Vorschriften einzuhalten.

Dass Aufklärung in Kassel durchaus wirkt, beweist Jürgen Waindok. Der Direktor des Best Western Plus Hotels, das zusätzlicher Tagungsort des "Spirit of Health"-Kongress sein sollte, hat die Veranstalter des Hauses verwiesen. Ein Kunde aus den Niederlanden (dort sitzt die Zentrale von Jim Humble) hatte für zwei Tage die komplette Tagungsetage und 100 Zimmer gebucht. Für 200 Euro hätten sich Interessenten in den Räumen des Hotels erklären lassen können, wie sie MMS einsetzen können, berichtet Waindok.

Nachdem er sich aber über das "Wundermittel" informiert hatte, sei er von dem Vertrag zurück getreten, wie er SPIEGEL ONLINE bestätigt. Waindok verzichtet damit auf einen Umsatz in gut fünfstelliger Höhe. "So eine Organisation und Menschen, die ein Mittel anbieten, das Menschen schadet, die wollen wir nicht im Haus haben. Das ist unseriös."

Gefährliches "Wundermittel" MMS
Was ist MMS ?

Das angebliche Wundermittel besteht aus Natriumchlorit (nicht zu verwechseln mit Natriumchlorid, also Kochsalz) und einer Zitronensäure-Lösung als "Aktivator". Wird beides vermischt, entsteht Chlordioxid, ein giftiges Gas mit stechendem, chlorähnlichem Geruch. Chlordioxid wird als Bleichmittel von Papier und zur Desinfektion von Trinkwasser eingesetzt und verursacht schwere Verätzungen der Haut und schwere Augenschäden. MMS ist kein offizielles Arzneimittel, es gibt keine Zulassungsstudien, die die Sicherheit und Wirkung attestiert hätten.

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Seite 1
GeMe 24.03.2015
1. Na geht doch!
Endlich schreiten die Behörden gegen diesen gesundheitsgefährdenden Plunder ein. Dass die MMS-Mittel nur Nepp sind und mit Gewinnspannen von mehreren 1000% verkauft werden, scheint bisher niemanden (z.B. vom Verbraucherschutz) gestört zu haben. Die Käufer dieser Chemikalien allerdings auch nicht. Die kaufen aber vermutlich auch völlig überteuerte Zuckerkügelchen mit millionfach verdünnten Pseudowirkstoffen. Wenn jetzt die Länder noch mit einem Verkaufsverbot nachziehen, wird den MMS-Bauernfängern vielleicht ein wenig der Boden entzogen. Leider kann man den Internethandel nur begrenzt unterbinden. Die Webseiten der Anbieter wären aber sicher ein schönes Ziel von Abmahnanwälten, wenn dort weiterhin Heilsversprechen gemacht werden.
c.PAF 24.03.2015
2.
Die Pharmalobby sponsort garnichts. MMS ist schlicht und einfach ein Produkt eines Scharlatans, und davor wird halt gewarnt. Danke dafür. Nachdem es aber genug Dumme/verzweifelte gibt, wird der Scharlatan trotzdem noch gut davon leben können. Bleibt nur zu hoffen, daß die Nutzer von MMS keine zusätzlichen Schäden durch dieses Produkt davontragen.
oidahund 24.03.2015
3.
Es geht nicht um Panikmache, es geht darum, dass eine Chemikalie als Arzenimittel verkauft werden soll, die bei dem angegebenen Gebrauch schwere Vergiftungen hervorrufen kann. Man kann zB Autismus bei Kindern nicht mit MMS-Einläufen heilen, man nimmt aber durch diese Maßnahmen billigen schwere körperliche Schäden bei den Kindern in Kauf. MMS kann keinen Tumor heiilen, es wird aber vorgegaukelt es könne es. Die inhaltslosen Zuckerkügelchen Schaden wenigstens nicht und wenn sie hin- und wieder über den Placebo-Effekt wirken, solls mir recht sein. - MMS dagegen isgt schädlich.
Hesekiel 24.03.2015
4.
Gleich der erste Kommentar trifft die Problematik auf den Punkt, "neue Medizin" ist Glaubenssache. Was Leute sich in diversen Foren alles empfehlen, nur um keine "Schulmedizin" nehmen zu muessen, ist enorm. Im Endeffekt ist das Bundesinstitut jetzt seiner Verpflichtung nachgekommen, ob und warum sich Leute das Zeug weiterhin reinkippen ist damit deren Sache - solange die Kassen den Unsinn nicht bezahlen und keine Dritten leiden darf jeder glauben und machen, was er will.
Sibylle1969 24.03.2015
5. Desinfektionsmittel und Entkalker
Wer würde solche scharfen Reiniger im Haushalt freiwillig zu sich nehmen? Ich bin sicher, auf solchen Produkten befindet sich ein Warnhinweis, es für Kinder unzugänglich aufzubewahren. Erstaunlich, wieviele Menschen auf Scharlatane hereinfallen.
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