Mysteriöse Krankheit CFS: Krebsmittel kann chronisch Erschöpften helfen

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Die Patienten fühlen sich leer, leiden Schmerzen, verlassen kaum das Bett. Das chronische Erschöpfungssyndrom galt als mysteriöse Krankheit, bis norwegische Ärzte sie mit einem Krebsmedikament erfolgreich behandelten. Doch nun könnten größere Studien scheitern - am Desinteresse des Herstellers.

Medikamenten-Studie: Mit einem Krebsmittel die Erschöpfung besiegen Fotos
Corbis

Es ist eine mysteriöse Krankheit, bei der Betroffene oft keinen Rat wissen: Sollten sie beim Neurologen vorstellig werden - oder beim Psychotherapeuten? Oder müssen Spezialisten ein seltsames Mausvirus aus ihrem Körper vertreiben?

Bei kaum einem anderen Leiden wird so über Sinn und Unsinn von grundverschiedenen Behandlungen gestritten wie beim chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS). Bei vielen Patienten will auch nichts so richtig anschlagen: Sie leiden nicht nur unter einer andauernden Erschöpfung, sondern können sich kaum konzentrieren und werden ständig von Schmerzen geplagt, so dass sie im schlimmsten Fall kaum noch das Bett verlassen.

Eine aktuelle Studie könnte neuen Zündstoff in die Diskussion bringen: Norwegische Ärzte berichten im Fachmagazin "Plos One" nach einem einjährigen Test mit 30 Patienten, dass das bei Krebskranken eingesetzte Medikament MabThera (Wirkstoff: Rituximab) Betroffenen helfen kann. Der Zustand von zwei Dritteln der Probanden verbesserte sich deutlich, nachdem sie das Medikament bekommen hatten.

Schlechtere Lebensqualität als Krebskranke

Während bei einigen Studienteilnehmern die Krankheit zurückkehrte, seien andere bis heute weitestgehend symptomfrei, berichten die Wissenschaftler um Olav Mella von der Universität Bergen. Allerdings zeigten sich auch Nebenwirkungen: Akne, Rückenschmerzen, Verschlimmerung von Schuppenflechte sowie stärkere CFS-Symptome in den ersten zwei Monaten.

Mella warnt zudem, dass Patienten allergisch auf Rituximab reagieren können. Und bei einer längeren Therapie könnte das Immunsystem in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn durch das Medikament werden die sogenannten B-Zellen zerstört, die einen Teil der Körperabwehr stellen.

Dennoch ist Mella begeistert: "Als Onkologe sehe ich CFS-Patienten, deren Lebensqualität zu Beginn der Studie schlechter ist als die vieler Krebspatienten. Wenn diese Menschen dann so gesund werden, dass sie wieder ein normales Leben führen können - das ist einfach großartig", schwärmt er.

Ob und wann diese Erkenntnisse Betroffenen zugute kommen, bleibt allerdings abzuwarten. Denn Roche, der Hersteller des Mittels, zeigt wenig Interesse an der Forschung. Und das, obwohl allein in Deutschland schätzungsweise 300.000 Menschen an CFS leiden.

Dabei ist klar: Die jetzt veröffentlichte Untersuchung stützt sich auf zu wenige Patienten, um einen breiten Einsatz des Mittels zu rechtfertigen. Sie ist ein "wichtiger Schritt", meint Carmen Scheibenbogen von der Charité. Aber: "Jetzt muss eine größere Untersuchung folgen, an der wir uns sofort beteiligen würden", sagt die Ärztin. Doch sie ist wenig optimistisch, weil es an der Beteiligung der Industrie hakt.

Wenn Roche das Mittel nicht zur Verfügung stelle, werde eine größere Studie unmöglich, erklärt Scheibenbogen. Dafür sei das Medikament zu teuer. Laut dem Arzneiverordungs-Report 2010 kostet eine Tagesdosis bei der Krebstherapie rund 127 Euro. Ihre ersten Untersuchungen führten die norwegischen Ärzte, die ein Patent auf die Behandlungsmethode eingereicht haben, ohne Industrie-Unterstützung durch.

Details der Studie

Es wurden zwei wichtige Standards eingehalten: Die Untersuchung war placebokontrolliert - die Hälfte der Probanden bekam zweimal das Medikament gespritzt, die andere Hälfte eine unwirksame Salzlösung. Zudem war die Studie doppelblind: Weder Ärzte noch Patienten wussten, wem Rituximab verabreicht worden war und wem ein Placebo.

  • Gemessen wurde der Erschöpfungsgrad mit vier Werten, die Ärzte und die Patienten selbst auf einer Skala von eins (kein Symptom) bis zehn (sehr schweres Symptom) einschätzen: Erschöpfung, Entkräftung nach Aktivität, Bedürfnis nach Ruhe sowie die Fähigkeit, den Alltag zu meistern. Im Schnitt lag der Wert zu Beginn bei 8,0. Die Patienten waren also stark eingeschränkt.

    Zusätzlich hielten die Ärzte fest, wie stark die Patienten an Schmerzen litten und zu welchem Grad ihre kognitiven Fähigkeiten - Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis - beeinträchtigt waren.

  • Erreichte ein Patient für mindestens sechs Wochen einen Erschöpfungswert gleich oder kleiner 4,5 und ging mindestens eines der Erschöpfungssymptome stark zurück, galt das als deutliche Verbesserung.

    Sank der Wert auf 4,5 oder darunter, ohne dass eines der Erschöpfungssymptome stark zurückging, galt das als moderate Verbesserung.

    Bei 9 der 15 der Rituximab-Probanden sowie einem Placebo-Probanden verbesserte sich der Zustand deutlich, bei je einem aus beiden Gruppen moderat.
Im Durchschnitt hielt diese Verbesserung 25 Wochen an, bei vier Rituximab-Probanden bestand sie über die Dauer der Studie hinaus.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Einige Gedanken....
tiansworld 20.10.2011
1) Solange der überwiegende Teil der Forschung von der Industrie getragen wird, geht es nicht um das Wohl der Menschen, sondern einzig und allein um den sharehold value. Die staatlichen MPI und DFZ arbeiten völlig ineffizient und verschwenden Unsummen an Geld an Seilschaften und praxisfernen Entscheidungen (weiß ich aus erster Hand). => Es sollte eine Forschungsstiftung gegründet werden, die im STiftungsgrundsatz entsprechende Missbräuche und entsprechende Taktiererei unterbindet (Finanzierung anteilig aus den Versicherungsabgaben der KVs). 2) Zunächst sollte besser erforscht werden, ob die Veranlagung epigenetisch entstanden ist und anschließend durch welchen hit-and-run-Mechanismus er ausgelöst werden kann. Abermillarden in die Forschung von monokausal ausgerichteter Symptom-Behandlungen zu stecken ist marktwirktschaftlich evtl. lukrativ, der klaren Ursachenforschung mit dem Ziel der Prävention nützt das leider nichts. Bitte merken: Die Pharmaindustrie lebt von der Versorgung Kranker, sie hat also kein originäres Interesse an der Beseitungung selbiger, sondern lediglich an der Beseitigung der Sympotome! Daher die entsprechende Forschungsausrichtung. 3) Trotz Unsummen an Forschungsgeldern sind in den vergangenen 20 Jahren kaum wirklich neue Wirkstoffe entwickelt worden. Vielleicht sollte man mal den zumeist rein monokausal orientierten Ansatz in der Forschung überdenken. Die meisten Wissenschaftler leben noch im kartesianischen Zeitalter und glauben an ein mechanistisches Menschenbild. Der Mensch ist aber ein dynamisch-komplexes Wesen. Durch das inzwischen religiöse Verhalten der Wissenschaft ist ein Umdenken per se ausgeschlossen. Die neue Generation wird wohl die alte ersetzen müssen - wie immer. Diese Sturheit und Angst davor, sein Gesicht zu verlieren, kostet Millionen von Menschen das Leben. 4) Auch von Schuppenflechte heißt es, dass man das nicht "heilen", sondern nur lindern könne (zumeist durch Kortison). Ich hatte SF. Nach drei Monaten Guatemala, subtropisches Meeresklima und v.a. ein langsamerer Lebensrhythmus war sie weg und ist seither nicht mehr aufgetaucht. Warum? Weil ich mich dem Beschleunigungs- Bestätigungs- und Entfremdungswahn entziehe, bescheiden und sinnlich lebe. Und ja, das geht auch hier mitten in Deutschland, mitten in einer Kleinstadt. Man muss halt Drüberstehen können, was andere sagen und seinen Fernseher rausschmeißen. Dann wird das Leben schon vieeel einfacher. Fazit: Ich denke statt Tausende von Euros in teure Behandlungen zu stecken, sollte man mal eine Studie laufen lassen, um zu sehen, was passiert, wenn man die Patienten mal ein paar Monate in einem angenehmen Klima mit langsamen Lebensrhythmus entschleunigt. Nur so aus Interesse... Und wenn das Ergebnis positiv ausfällt, sollten wir uns wirklich ernsthaft Gedanken machen, was wir mit unserer Lebensart den kommenden Generationan antun (Stichwort: EPIGENETIK!)
2. Typisch
Martin Franck 20.10.2011
Es gibt nicht genügend Ressourcen eine Pharmaunabhängige Studie durchzuführen. Dieses Problem ist schon lange bekannt. Geändert wird daran nichts. Wenn Studien ohne einen Pharmakonzenern oder Medizinproduktehersteller als Sponsor vermehrt finanziert werden würden, könnte man sich manche sinnlose Anwendung sparen. Denn das Ziel eines Unternehmen ist nicht primär der Erkenntnisgewinn, sondern einfach der finanzielle Gewinn. Das ist so ähnlich wie mich ein Bankberater, der von den Provisionen lebt, nicht unabhängig berät, sondern lieber Lehman Brothers Zertifikate andreht. Dennoch scheuen viele Leute jemanden Unabhängigen für die Beratertätigkeit zu bezahlen, wenn es doch vermeintlich billiger geht. Da Politiker ähnlich wie die Käufer der provisionsreichen Produkte zu der A & D Gruppe gehören, sparen sie genauso sinnvoll das Geld, und zahlen letztendlich dabei drauf. Früher war Deutschland einmal die Apotheke der Welt, und man gewann sogar Nobelpreise aufgrund großartiger Forschung. Heute muss ein Forscher Drittmittel von Pharmakonzernen einwerben, und die Politik brüstet sich nur damit Forschung zu fördern.
3. Es ist besser,
Jay's 20.10.2011
wenn zuerst Grundlagenforschung betrieben wird, die den Mechanismus des Medikaments erforscht. Denn sonst handelt es sich hier um einen Schuss in einen schwarzen Tunnel. Aerzte kuemmern sich leider nicht um den Grund, warum etwas wirkt solange es wirkt. Mit Hilfe der Forschung kann vielleicht ein noch besseres Medikament ohne all die Nebenwirkungen entwickelt werden. Schliesslich handelt es sich hier ja nicht um eine toedliche Krankheit wie Krebs.
4. ...
indyjones2000 20.10.2011
Zitat von Jay'swenn zuerst Grundlagenforschung betrieben wird, die den Mechanismus des Medikaments erforscht. Denn sonst handelt es sich hier um einen Schuss in einen schwarzen Tunnel. Aerzte kuemmern sich leider nicht um den Grund, warum etwas wirkt solange es wirkt. Mit Hilfe der Forschung kann vielleicht ein noch besseres Medikament ohne all die Nebenwirkungen entwickelt werden. Schliesslich handelt es sich hier ja nicht um eine toedliche Krankheit wie Krebs.
Der Wirkmechanismus des Medikaments ist durchaus erforscht, allerdings gebe ich Ihnen in einem Punkt Recht. Der nächste Schritt sollte sich auf die Entschlüsselung der pathophysiologischen Grundlagen des CFS konzentrieren. Hier bieten sich große Chancen. Ich für meinen Teil würde mich nur unter bestimmten Umständen mit einem gegen CD20-Ak behandeln lassen und zwar, wenn ich an einem Lymphom leiden würde und Rituximab zusammen mit anderen Chemotherapeutika (gibt es R-CHOP noch oder ist das schon wieder veraltet?) im Sinne einer kurativen Therapie indiziert wäre... Übrigens: Der Arzt in der Praxis kann leider nicht daran forschen, wie ein Medikament wirkt. Das kann nur akademische Forschung an den Universitäten leisten.
5. .
myspace 20.10.2011
Zitat von tiansworld1) Solange der überwiegende Teil der Forschung von der Industrie getragen wird, geht es nicht um das Wohl der Menschen, sondern einzig und allein um den sharehold value. Die staatlichen MPI und DFZ arbeiten völlig ineffizient und verschwenden Unsummen an Geld an Seilschaften und praxisfernen Entscheidungen (weiß ich aus erster Hand). => Es sollte eine Forschungsstiftung gegründet werden, die im STiftungsgrundsatz entsprechende Missbräuche und entsprechende Taktiererei unterbindet (Finanzierung anteilig aus den Versicherungsabgaben der KVs). 2) Zunächst sollte besser erforscht werden, ob die Veranlagung epigenetisch entstanden ist und anschließend durch welchen hit-and-run-Mechanismus er ausgelöst werden kann. Abermillarden in die Forschung von monokausal ausgerichteter Symptom-Behandlungen zu stecken ist marktwirktschaftlich evtl. lukrativ, der klaren Ursachenforschung mit dem Ziel der Prävention nützt das leider nichts. Bitte merken: Die Pharmaindustrie lebt von der Versorgung Kranker, sie hat also kein originäres Interesse an der Beseitungung selbiger, sondern lediglich an der Beseitigung der Sympotome! Daher die entsprechende Forschungsausrichtung. 3) Trotz Unsummen an Forschungsgeldern sind in den vergangenen 20 Jahren kaum wirklich neue Wirkstoffe entwickelt worden. Vielleicht sollte man mal den zumeist rein monokausal orientierten Ansatz in der Forschung überdenken. Die meisten Wissenschaftler leben noch im kartesianischen Zeitalter und glauben an ein mechanistisches Menschenbild. Der Mensch ist aber ein dynamisch-komplexes Wesen. Durch das inzwischen religiöse Verhalten der Wissenschaft ist ein Umdenken per se ausgeschlossen. Die neue Generation wird wohl die alte ersetzen müssen - wie immer. Diese Sturheit und Angst davor, sein Gesicht zu verlieren, kostet Millionen von Menschen das Leben. 4) Auch von Schuppenflechte heißt es, dass man das nicht "heilen", sondern nur lindern könne (zumeist durch Kortison). Ich hatte SF. Nach drei Monaten Guatemala, subtropisches Meeresklima und v.a. ein langsamerer Lebensrhythmus war sie weg und ist seither nicht mehr aufgetaucht. Warum? Weil ich mich dem Beschleunigungs- Bestätigungs- und Entfremdungswahn entziehe, bescheiden und sinnlich lebe. Und ja, das geht auch hier mitten in Deutschland, mitten in einer Kleinstadt. Man muss halt Drüberstehen können, was andere sagen und seinen Fernseher rausschmeißen. Dann wird das Leben schon vieeel einfacher. Fazit: Ich denke statt Tausende von Euros in teure Behandlungen zu stecken, sollte man mal eine Studie laufen lassen, um zu sehen, was passiert, wenn man die Patienten mal ein paar Monate in einem angenehmen Klima mit langsamen Lebensrhythmus entschleunigt. Nur so aus Interesse... Und wenn das Ergebnis positiv ausfällt, sollten wir uns wirklich ernsthaft Gedanken machen, was wir mit unserer Lebensart den kommenden Generationan antun (Stichwort: EPIGENETIK!)
Das Klima in Deutschland ist doch relativ angenehm (Luftfeuchtigkeit, keine extremen Temperaturen etc.). Viele CFS-Erkrankten können aufgrund der Beschwerden gar nicht mehr arbeiten - nach Deiner Theorie müssten die ja von alleine wieder gesund werden. Ja, ist klar. Bei Psoriasis sind längere Phasen der Beschwerdefreiheit übrigens nichts ungewöhnliches, das muß nicht zwingend mit 'Entschleunigung' zusammen hängen.
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Definition des chronischen Erschöpfungssyndroms

Zur Definition von CFS werden häufig die Kriterien verwendet, die Keiji Fukuda von den amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) Mitte der neunziger Jahre festgelegt hat.

CFS bedeutet, dass Betroffene seit mindestens sechs Monaten unter einer andauernden, nicht durch andere Krankheiten erklärbaren Erschöpfung leiden.

Diese Erschöpfung verbessert sich nicht durch Ruhe und schränkt die Aktivitäten der Betroffenen deutlich ein.

Zudem müssen mindestens vier von acht Begleitsymptomen auftreten, zu denen Schlafstörungen, Kopf-, Muskel- oder Halsschmerzen, Konzentrationsstörungen sowie ein deutlich beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis zählen.