Von Nina Weber
Es ist eine mysteriöse Krankheit, bei der Betroffene oft keinen Rat wissen: Sollten sie beim Neurologen vorstellig werden - oder beim Psychotherapeuten? Oder müssen Spezialisten ein seltsames Mausvirus aus ihrem Körper vertreiben?
Bei kaum einem anderen Leiden wird so über Sinn und Unsinn von grundverschiedenen Behandlungen gestritten wie beim chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS). Bei vielen Patienten will auch nichts so richtig anschlagen: Sie leiden nicht nur unter einer andauernden Erschöpfung, sondern können sich kaum konzentrieren und werden ständig von Schmerzen geplagt, so dass sie im schlimmsten Fall kaum noch das Bett verlassen.
Eine aktuelle Studie könnte neuen Zündstoff in die Diskussion bringen: Norwegische Ärzte berichten im Fachmagazin "Plos One" nach einem einjährigen Test mit 30 Patienten, dass das bei Krebskranken eingesetzte Medikament MabThera (Wirkstoff: Rituximab) Betroffenen helfen kann. Der Zustand von zwei Dritteln der Probanden verbesserte sich deutlich, nachdem sie das Medikament bekommen hatten.
Schlechtere Lebensqualität als Krebskranke
Während bei einigen Studienteilnehmern die Krankheit zurückkehrte, seien andere bis heute weitestgehend symptomfrei, berichten die Wissenschaftler um Olav Mella von der Universität Bergen. Allerdings zeigten sich auch Nebenwirkungen: Akne, Rückenschmerzen, Verschlimmerung von Schuppenflechte sowie stärkere CFS-Symptome in den ersten zwei Monaten.
Mella warnt zudem, dass Patienten allergisch auf Rituximab reagieren können. Und bei einer längeren Therapie könnte das Immunsystem in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn durch das Medikament werden die sogenannten B-Zellen zerstört, die einen Teil der Körperabwehr stellen.
Dennoch ist Mella begeistert: "Als Onkologe sehe ich CFS-Patienten, deren Lebensqualität zu Beginn der Studie schlechter ist als die vieler Krebspatienten. Wenn diese Menschen dann so gesund werden, dass sie wieder ein normales Leben führen können - das ist einfach großartig", schwärmt er.
Ob und wann diese Erkenntnisse Betroffenen zugute kommen, bleibt allerdings abzuwarten. Denn Roche, der Hersteller des Mittels, zeigt wenig Interesse an der Forschung. Und das, obwohl allein in Deutschland schätzungsweise 300.000 Menschen an CFS leiden.
Dabei ist klar: Die jetzt veröffentlichte Untersuchung stützt sich auf zu wenige Patienten, um einen breiten Einsatz des Mittels zu rechtfertigen. Sie ist ein "wichtiger Schritt", meint Carmen Scheibenbogen von der Charité. Aber: "Jetzt muss eine größere Untersuchung folgen, an der wir uns sofort beteiligen würden", sagt die Ärztin. Doch sie ist wenig optimistisch, weil es an der Beteiligung der Industrie hakt.
Wenn Roche das Mittel nicht zur Verfügung stelle, werde eine größere Studie unmöglich, erklärt Scheibenbogen. Dafür sei das Medikament zu teuer. Laut dem Arzneiverordungs-Report 2010 kostet eine Tagesdosis bei der Krebstherapie rund 127 Euro. Ihre ersten Untersuchungen führten die norwegischen Ärzte, die ein Patent auf die Behandlungsmethode eingereicht haben, ohne Industrie-Unterstützung durch.
Es wurden zwei wichtige Standards eingehalten: Die Untersuchung war placebokontrolliert - die Hälfte der Probanden bekam zweimal das Medikament gespritzt, die andere Hälfte eine unwirksame Salzlösung. Zudem war die Studie doppelblind: Weder Ärzte noch Patienten wussten, wem Rituximab verabreicht worden war und wem ein Placebo.
Zusätzlich hielten die Ärzte fest, wie stark die Patienten an Schmerzen litten und zu welchem Grad ihre kognitiven Fähigkeiten - Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis - beeinträchtigt waren.
Erreichte ein Patient für mindestens sechs Wochen einen Erschöpfungswert gleich oder kleiner 4,5 und ging mindestens eines der Erschöpfungssymptome stark zurück, galt das als deutliche Verbesserung.
Sank der Wert auf 4,5 oder darunter, ohne dass eines der Erschöpfungssymptome stark zurückging, galt das als moderate Verbesserung.
Bei 9 der 15 der Rituximab-Probanden sowie einem Placebo-Probanden verbesserte sich der Zustand deutlich, bei je einem aus beiden Gruppen moderat.HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
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