Nachgeforscht Können Enzym-Pillen das Altern aufhalten?

Die Pille basiert auf nobelpreisgekrönter Forschung, aber hilft sie wirklich gegen das Altern, wie der Hersteller es verspricht? Ein Check.

Präparat Finiti: "Die Antwort auf die Frage des Lebens"

Präparat Finiti: "Die Antwort auf die Frage des Lebens"

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Oft geht es mit dem Rücken los. Dann tauchen die ersten Falten im Gesicht auf. Und irgendwann rundet sich der Bauch. Wir werden nicht jünger.

Die Kosmetikindustrie kümmert sich rührend um den schleichenden Verfall. Männer wie Frauen sollen mit diversen Cremes und Pillen vorsorgt werden - gern schon ab Mitte 20.

Seit einiger Zeit bietet die Firma Jeunesse ein Nahrungsergänzungsmittel an, das gegen den eigenen Niedergang helfen soll. Es heißt Finiti, baut laut Hersteller auf nobelpreisgekrönter Forschung auf und soll nichts Geringeres sein als "die Antwort auf die Frage des Lebens". Nun ja. Mit 280 Euro für eine Monatsration ist der Preis jedenfalls saftig.

Finiti sei "das erste Nahrungsergänzungsmittel", das gegen die Ursachen der natürlichen Zellalterung vorgehe, heißt es im Produktblatt. Es fördere "das Gefühl von Jugend und Vitalität" und unterstütze "unser natürliches Verjüngungssystem". Doch so überzogen die Versprechungen auch klingen, einen wahren Kern haben sie tatsächlich.

Seine Wirkung entfaltet Finiti laut Jeunesse vor allem an den Telomeren. Das sind die Endstücke von Chromosomen und so etwas wie die Schutzkappen des Erbguts. Bei jeder Zellteilung werden diese Schutzkappen kleiner. Schrumpfen sie schließlich ganz herunter, kann das dazu führen, dass die Zelle sich nicht mehr teilt. Ein Symptom, das für den Alterungsprozess typisch ist.

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Um das zu verhindern, versucht unser Organismus von Natur aus, die Schutzkappen zu reparieren. Das dafür zuständige Enzym heißt Telomerase. Für seine Entdeckung gab es 2009 den Nobelpreis für Medizin. Einige Stoffe können die Telomerase unterstützen - so wie TA-65, das in Finiti enthalten ist. Das Molekül lässt sich aus bestimmten Pflanzen gewinnen.

"TA-65 kann gegen das Ausfransen der Telomere helfen, wie erste Studien zeigen", sagt Sebastian Iben von der Universität Ulm, der selbst zu diesem Thema forscht. Sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen konnte TA-65 die Zahl kurzer Telomere verringern.

Trotzdem sollte man die Versprechungen von Jeunesse kritisch sehen. Die Studienlage ist nach wie vor dünn. Gerade einmal fünf Arbeiten zur Wirkung von TA-65 auf die Telomerase finden sich in der Datenbank Pubmed, nur eine davon entstand ohne Beteiligung der Industrie.

Zudem ist das Verkürzen von Telomeren nicht der einzige Prozess, der uns altern lässt. Aktuell gehen Wissenschaftler davon aus, dass es noch acht weitere Alterungsmechanismen gibt, die uns über die Jahre vom Kind zum Greis machen.

Alles fusselfrei!
Das scheint man auch bei der Firma Jeunesse selbst zu wissen. Während in englischsprachiger Werbung noch davon die Rede ist, dass sich mit dem Präparat das zelluläre Altern stoppen lasse, klingt das auf dem deutschen Produktblatt anders: "Natürlich gibt es nichts, was das Altern aufhalten kann", erklärt die Firma dort.

Der Ulmer Biochemiker Iben warnt aber auch davor, dass eine unkontrollierte Einnahme des Telomerase-Enzyms negative Folgen haben könnte: "90 Prozent aller Krebszellen aktivieren das Telomerase-Enzym in Körperzellen, in denen sie normalerweise aus gutem Grund unterdrückt werden würden." Dieser Mechanismus wird als einer der Gründe für das Wuchern von Krebszellen gesehen.

Zwar haben erste Studien mit TA-65 keine Hinweise gezeigt, dass das Enzym das Krebsrisiko erhöht. Trotzdem warnt der Wissenschaftler: "Von einem sicheren Präparat zu sprechen, wie es auf dem Flyer getan wird, halte ich aufgrund der dünnen Studienlage für mutig." Auf Anfrage erklärt Jeunesse lediglich, dass "die Gesundheit der Nutzer und die Sicherheit der Produkte von größter Wichtigkeit sind".

Und auch rechtlich gesehen ist das Produkt problematisch. Alfred Hagen Meyer, der sich als Jurist seit Jahren mit gesundheitsbezogenen Produktangaben beschäftigt, erklärt: "Gemäß EU-Recht müssen Behauptungen, wie sie Jeunesse aufstellt, ein europäisches Zulassungsverfahren durchlaufen haben." Ob das der Fall ist, will die Firma jedoch nicht beantworten; im EU Register of nutrition and health claims made on foods finden sich keine Zulassungen hierfür.

Meyer weist darauf hin, dass ein Produkt, das sich problemlos nach Europa liefern lasse, noch lange nicht zugelassen sein müsse. Vielleicht ist die Frage des Lebens also doch etwas komplizierter, als dass sie sich mit ein paar Pillen beantworten ließe.

Zur Person
  • Fotostudio-Neukoelln
    Haluka Maier-Borst ist Wissenschaftsjournalist. Er arbeitet unter anderem für die "Zeit", den Deutschlandfunk, "Wired" und "PM". Für SPIEGEL ONLINE klopft er regelmäßig plausible und absurde Werbeclaims ab. Das Ergebnis ist bei "Nachgeforscht" zu lesen. Übrigens: Jedes Mal, wenn irgendwer die Worte "wissenschaftlich geprüft" eintippt, geht an seinem Laptop eine Warnleuchte an.

Backen mit dem Wunderwasser



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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stranzjoseffrauss 08.02.2016
1. Das Molekül lässt sich aus bestimmten Pflanzen gewinnen.
Um hier einen Mehrwert für den Leser zu generieren, könnte man doch etwas konkreter werden, oder ist das direkt aus dem Whitepaper abgeschrieben?
karlbe 08.02.2016
2. Das beste Mittel...
um lange zu leben und gesund zu bleiben - und zugleich Geld zu sparen - ist, wie durch zahlreiche Studien belegt, Diät zu halten und sich nur zwei Drittel der durchschnittlichen Kalorienmenge zu gönnen. Das funktioniert natürlich nur, wenn amn sich ausgewogen ernährt und "leere Kalorien" wie in Zucker und Weißmehl, möglichst vermeidet.
Pfaffenwinkel 08.02.2016
3. Ach ja
der alte Traum von der ewigen Jugend. Schneewittchen ist auch ein schönes Märchen.
gerd33 08.02.2016
4. Theoretisch .....
Es dürfte pharmakologische Wirkstoffe geben, die den Alterungsprozess stoppen und /oder sogar umkehren. Teilweise entdeckt, teilweise postuliert. Aber die soziologischen Folgen wären katastrophal. Z.B. Lebenserwartung von 150 J für Wohlhabende, 70 J. für Arme. Wie geht die Gesellschaft damit um? Klar, der Motivierte beginnt nach 30 Jahren im Beruf vielleicht noch ein Zweitstudium, um dann 30 weitere Jahre in einem neuen Beruf zu arbeiten. Was ist aber mit nur gering qualifizierten Empfängern von Leistungen zum Lebensunterhalt. Sollen die dann 130 Jahre Sozialleistungen erhalten? Werden sie Zugang zu lebensverlängernden Medikamenten haben? Der Film "Elysium" zeigt, wie es kommen könnte. Nicht zuletzt: Was ist mit den Glaubensgemeinschaften? Sämtliche Jenseitsversprechungen dürften sich bei einer solchen Entwicklung erübrigen. Und zuletzt: Wissenschaft und Fortschritt lebt vom stetigen Generationenwechsel. Ein Institutsdirektor, der z.B. 60 Jahre seinen Laden leitet, mit Führungskräften, die ebenso lange dort tätig sind, dürfe jeden Fortschritt ausbremsen.
olli0816 08.02.2016
5. Ich denke, wir sind nicht soweit..
.. das wir tatsächlich behaupten können, etwas anzubieten, was das Leben verlängert. Was viel wichtiger wäre: Im Alter vital zu sein und nicht in einem Pflegeheim dahinvegetieren zu müssen. Altern alleine ist nicht sinnvoll, sondern nur, wenn Sie wie ein normaler Erwachsener sich um alles kümmern und sehr viele Aktivitäten machen können. Mit 90 ist das Leben nach heutigen Massstäben weitestgehend vorbei und der Mensch hat, wenn er noch lebt, mehrere Krankheiten. Es gibt einige wenige Außnahmen, aber selbst die können verglichen mit einem 40jährigen nur einen Teil machen. Von daher wäre mein Wunsch, in die Richtung zu forschen, dass es uns auch im höheren Alter besser geht und wir (vielleicht) länger gut aussehen. Das Mittel spricht natürlich den Wunsch an, möglichst lange jugendlich zu sein. Kann ich verstehen, dass so manche darauf anspringen. Die Zeit zwischen 15 und 30 ist körperlich die beste, die ein Mensch hat. Danach gehts leider nur bergab.
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