Ambulante Zahnoperationen: Vollnarkose für Kinder besonders riskant 

Von  Tanja Wolf

Immer mehr Zahnärzte bieten Behandlungen unter Vollnarkose an. Doch nach dem Tod eines Jungen werden besondere Risiken offenbar. Experten kritisieren eine Billiganästhesie - gerade bei ambulanten Zahnoperationen würden fachliche Standards nicht eingehalten.

Tod bei der ambulanten Zahn-OP: "Verstoß gegen Regeln der ärztlichen Kunst" Zur Großansicht
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Tod bei der ambulanten Zahn-OP: "Verstoß gegen Regeln der ärztlichen Kunst"

Es sollte nur ein Zahnarztbesuch werden. Doch für einen zweieinhalb Jahre alten Jungen endete die Behandlung in einer Praxis im niederrheinischen Goch tödlich - er verstarb nach einer Vollnarkose. Ein tragisches Ereignis, und es ist nicht das einzige dieser Art. Vier weitere Fälle sind seit 2002 bekannt: Sina-Mareen (3), Jeanette (3), Celine (10) und Hannes (2) starben, weil es während oder nach der Anästhesie Komplikationen gab - und anscheinend auch, weil die Ärzte grundlegende Standards missachteten, wie sich in Gerichtsverhandlungen herausstellte.

Gerade weil der Tod der Kinder vermutlich vermeidbar gewesen wäre, seien es "schreckliche Fälle", sagt Tim Neelmeier. Der Rechtsanwalt ist spezialisiert auf Organisationsverantwortung im Arztrecht. Entgegen aller Regeln waren die Eltern mit ihrem betäubten Kind meist allein im Aufwachraum, die Körperfunktionen wurden nicht überwacht. Nur in Abständen schauten Praxishelferinnen herein.

Qualifiziertes Personal erforderlich

"Bei Vollnarkosen ist es wichtig, dass nicht nur Operateur und Anästhesist anwesend sind, sondern auch qualifiziertes Pflegepersonal", sagt Neelmeier - und zwar im Operationsraum und im Aufwachraum. Dass ein Anästhesist Narkosen nicht allein durchführt, verlangt der Facharztstandard, und das verlangten auch die Richter des Landgerichts Halle in ihrem Urteil nach dem Tod des kleinen Hannes, der während der OP einen Herzstillstand erlitten hatte. Alles andere sei ein "Verstoß gegen die Regeln der ärztlichen Kunst".

Heraus kämen solche Fälle immer nur, wenn die Todesumstände vor Gericht verhandelt werden, sagt Jochen Strauß, Chefarzt für Anästhesie und Sprecher des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Ambulante Narkosen werden im Gesundheitssystem nicht zentral erfasst - und die Komplikationen somit auch nicht. "Das ist ein ernstes Problem, das von der Politik gelöst werden muss", sagt Strauß.

Und es ist nicht das einzige. "Gerade Vollnarkosen beim Zahnarzt müssten erheblich besser kontrolliert werden", sagt Wolf-Dietrich Trenner, Sprecher der Patientenvertreter im Unterausschuss Qualitätssicherung im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), dem Selbstverwaltungsorgan der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen. Was fehle, sei eine vorbeugende Qualitätssicherung, um den Standard in Zahnarztpraxen zu vergleichen und zu kontrollieren. Dabei hätte es Begehungen bei ambulant operierenden Ärzten gegeben, doch die seien wieder eingestellt worden, kritisiert Elmar Mertens vom Berufsverband Deutscher Anästhesisten. "Wir haben keine Rechtsgrundlage, um eine Praxis zuzumachen."

Kinder-Anästhesie besonders komplex

Zwar kommt es auch bei anderen ambulanten Operationen immer wieder zu Todesfällen, etwa in Praxen von Hals-Nasen-Ohrenärzten, bei Gynäkologen oder bei Schönheitschirurgen. Aber in einer Zahnarztpraxis seien Narkosen besonders heikel, sagt Mertens: "Eine Zahnarztpraxis ist ganz anders als ein Operationsraum. Die Instrumente am Behandlungsstuhl verdecken den Zugang zum Patienten, Infusionen sind schwierig zu legen, Reanimationen fast unmöglich." Hinzu komme, dass eine Anästhesie bei Kindern besonders komplex ist. "Ihre Stimmritze und auch die Schleimhäute können rasch anschwellen, was zu Sauerstoffmangel führen kann."

Etwa 37 Prozent aller Operationen in Deutschland erfolgen mittlerweile ambulant. Das soll Kosten senken im Gesundheitssystem.

Aus Sicht der Anästhesisten - von den rund 22.000 Anästhesisten in Deutschland arbeiten etwa 2800 freiberuflich - bedeutet das: Ambulante Narkosen werden schlechter bezahlt. Weniger als hundert Euro bekommen sie für zahnärztliche Narkosen, das sind rund 20 Prozent weniger als im stationären Bereich.

Dass allerdings die Ärzte, bei deren Betäubung es zu Todesfällen kam, unter niedrigen Honoraren litten, glaubt Anwalt Neelmeier nicht. Im Fall der verstorbenen Celine war beispielsweise schon der nächste Patient narkotisiert, während die Zehnjährige im Aufwachraum kaum noch atmete. Neelmeier spricht vom "Fließband-Operationsbetrieb", um Kosten zu sparen und Erlöse zu steigern. Die Mutter musste selbst um Hilfe rufen, als sie bei ihrer Tochter keinen Puls mehr fühlte.

Organisationsverschulden einbeziehen

Auf ein Gerichtsurteil, das Narkose bei Zahnarztbesuchen unter ein strengeres Reglement stellt, wartet Neelmeier bislang vergeblich. Nach Todesfällen wurden meist die Anästhesisten angeklagt, nur selten die operierenden Praxisbetreiber. Dabei stellten schon mehrere Richter fest, dass ein Praxisbetreiber genau weiß, ob Fachpersonal und Überwachungsgeräte vorhanden sind, und sich nicht auf die fehlerfreie Arbeit des Anästhesisten verlassen darf.

Nur langsam wandelt sich die Rechtsprechung und bezieht das Organisationsverschulden mit ein, egal ob beim Krankenhausträger oder beim niedergelassenen Arzt: Der Prozess um den Tod von Celine endete jedenfalls Anfang Mai ohne das erhoffte Urteil mit Signalwirkung: Die Berufungskammer des Landgerichts bestätigte die Verurteilung des Anästhesisten und des Oralchirurgen durch das Amtsgericht nicht, sondern stellte das Verfahren gegen eine Zahlung von jeweils 20.000 Euro ein.

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Vollnarkose für Weißheitszahnextraktion
Markenfetischist 04.06.2012
Hat mir "mein" Zahnarzt auch andrehen wollen, dann alle vier auf einmal und vorher noch ein ganz neues 3D-Röntgen, dass auch nicht von der Kasse bezahlt wird. Kam mir irgendwie komisch vor. Bin dann zu einer anderen Zahnärztin und die meinte eine Vollnarkose bei einem Eingriff, der auch unter Lokalanästhesie gemacht werden kann ist ein blödsinniges Risiko. Und die 3D-Aufnahme hat man in den letzten Jahrzehnten auch nicht selbst bei schwierigen Weißheitszähnen gebraucht. Nun ist das "meine" Zahnärztin. Ist doch offensichtlich, dass sich hier einige Zahnärzte wieder eine willkommene Einnahmequelle aufgetan haben. Der Zahnarzt hat, ohne Witz, immer den neuesten Porsche vor der Praxis stehen. Soviel zum Klischee.
2. 20.000 Euro für ein Tötungsdelikt
emden09 04.06.2012
20.000 Euro als Strafe für ein Tötungsdelikt aus Habgier (nichts anderes ist es ja, wenn in Praxen am Fachpersonal gespart wird) sind ein Skandal. Hier haben wohl mal wieder Herrschaften einen Akademikerbonus im Gerichtssaal bekommen. Diese Art der Klassenjustiz muss endlich ein Ende haben.
3. Wo gehobelt wird,
nicolo1782 04.06.2012
da fallen Späne und wo gespart wird, da gibt's Leichen. Da ist nun mal so und offensichtlich politisch auch so gewollt.
4. .
lindareicher 04.06.2012
Ich bin ein Kind der 70'er. Bei uns gab es damals nur den "gemeinen" Wasserbohrer und den "verhassten" Rubbelbohrer (trocken). Ich denke die Geräusche kann jeder unterscheiden... Es tat weh, keine Frage. Man hat die Hände ins Polster gekrallt und den Zahnarzt mehr oder weniger verflucht. Aber es war auszuhalten und keiner ist daran wirklich gestorben. An eine Schmerzspritze/Anästhesie hat damals niemand gebrauch gemacht. (Ausser Eisspray/lokale Betäubung). Verweichlichte Gesellschaft, ohne Narkosemittel nicht mehr überlebensfähig...
5. Was mich interessiert
vogtnuernberg 04.06.2012
Zitat von sysopImmer mehr Zahnärzte bieten Behandlungen unter Vollnarkose an. Doch nach dem Tod eines Jungen werden besondere Risiken offenbar. Experten kritisieren eine Billiganästhesie - gerade bei ambulanten Zahn-Operationen würden fachliche Standards nicht eingehalten. Narkose für Kinder bei ambulanter Zahn-Operation gefährlich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,836062,00.html)
Welche OP's wurden bei 2 (!!!) und 3 (!!!) jährigen Kindern am Kiefer durchgeführt? Eine solche OP ist in diesem Alter doch nicht normal. Leider gibt der Artikel hierüber keinerlei Auskunft.
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Methoden der Vollnarkose
Gasnarkose
Die Gasnarkose ist die älteste Form der Narkose, angewandt wird sie bis heute. Die am häufigsten eingesetzten Gase sind Sevofluran, Desfluran oder Isofluran.

Narkosegase machen wie auch Injektions-Narkosemittel immer nur einen Teil der Narkose aus. Weil die Schlafmittel Schmerzen nur schlecht oder gar nicht lindern, muss der Narkosearzt zusätzlich Schmerzmittel einsetzen, meist werden sogenannte Opioide verwendet.

Die Narkosegase atmet der Patient über die Lunge ein, ihre Wirkung entfaltet sich im Gehirn. Der Anästhesist orientiert sich für die Narkosetiefe an der Konzentration des Narkosegases in der Atemluft des Patienten.

Lange Zeit bewirkten Gasnarkosen beinahe regelmäßig Übelkeit und Erbrechen nach der Operation. Mittlerweile haben Narkoseärzte verschiedene Möglichkeiten, dieses Risiko zu senken.
Injektionsnarkose
Mittlerweile werden viele Narkosen mit Hilfe von über die Vene verabreichten Medikamenten durchgeführt. Der Patient schläft entweder nur durch diese Mittel oder bekommt zusätzlich noch Narkosegas. Das bekannteste intravenöse Schlafmittel ist Propofol. Injektions-Schlafmittel nehmen keine Schmerzen, weswegen auch sie mit Schmerzmitteln kombiniert werden müssen.

Bei Injektionsnarkosen ist das Risiko von Übelkeit und Erbrechen nach der Operation geringer als bei Gasnarkosen. Anders als bei Narkosegasen kann bei injizierten Medikamenten allerdings nicht genau gemessen werden, wie hoch die Konzentration des Schlafmittels im Blut gerade ist. Der Anästhesist orientiert sich an den klinischen Zeichen des Patienten: Blutdruck, Puls, Schwitzen, Tränenfluss oder Bewegungen.
Überwachung
Bei allen Vollnarkosen überwacht ein Anästhesist schon vor dem Einschlafen des Patienten eine Vielzahl von Körperfunktionen. Während der gesamtem Operation passt er auf Atmung, Schlaftiefe und Kreislauf auf.

Dazu werden ständig Blutdruck und Puls gemessen, ein EKG geschrieben, bei verschiedenen Operationen auch ein vereinfachtes EEG (Hirnstrommessung). Klinische Zeichen wie Schwitzen, Tränenfluss oder Bewegungen geben dem Anästhesisten weitere Hinweise, wie tief die Narkose sein muss.

Im Aufwachraum kontrollieren Anästhesisten und Pflegekräfte auch nach dem Wachwerden noch, wie es dem Patienten geht.
Beatmung
Während Vollnarkosen muss der Patient immer vom Anästhesisten beatmet werden, denn in der tiefen Narkose atmet der Körper nicht mehr von selbst. Dazu bekommt der Patient normalerweise einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre eingelegt, wenn er bereits schläft. In vielen Fällen reicht heute auch eine Beatmungsmaske, die nur in den Mund-Rachen-Raum geschoben wird.