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Negativer Placeboeffekt: Schwarzsehen macht Schmerzmittel wirkungslos

Die eigene Erwartung beeinflusst, wie gut ein Medikament wirkt. Fürchtet sich ein Patient gar vor drohenden Schäden durch die Behandlung, ist der Effekt besonders dramatisch: Dann versagen selbst starke Schmerzmittel.

Tabletten: Erwartungshaltung beeinflusst die Wirkung Zur Großansicht
DPA

Tabletten: Erwartungshaltung beeinflusst die Wirkung

Der Placeboeffekt ist wohl einer der faszinierendsten Aspekte der Medizin. Er führt dazu, dass Menschen sich nach Einnahme von wirkstofffreien Tabletten oder auch einer nur scheinbar durchgeführten Operation besser fühlen. Er verstärkt auch die Wirkung echter Therapien. Gespeist wird der Placeboeffekt zum großen Teil von der Erwartungshaltung des Patienten, wobei er sogar bei Kleinkindern und Tieren nachweisbar ist.

Doch was, wenn der Kranke eher Misserfolg oder Nebenwirkungen fürchtet? Mediziner kennen auch den negativen Placeboeffekt, Nocebo genannt: Er kann dazu führen, dass eine Behandlung schlechter wirkt oder sich stärkere Nebenwirkungen einstellen.

Deutsche und britische Forscher haben jetzt in einer Studie die Stärke beider Effekte - Placebo und Nocebo - beziffert. Ulrike Bingel vom Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf und ihre Kollegen testeten dafür die Wirkung eines Schmerzmedikaments bei 22 gesunden Freiwilligen. Ihnen wurden über eine Hitzequelle an der Wade kontinuierlich zunehmende Schmerzen zugefügt: Auf einer Skala von von 0 (keine Schmerzen) bis 100 (unerträgliche Schmerzen) steigerten die Forscher den Schmerz bis ungefähr 70. Wie die Forscher im Fachmagazin "Science Translational Medicine" berichten, verabreichten sie während des darauffolgenden Experiments durchgehend Remifentanil, ein sehr starkes Opioid, das zudem schnell, aber nur kurzzeitig wirkt.

Schmerzverarbeitung im Gehirn verfolgt

Dessen Wirkung testeten sie in drei Varianten: Zuerst gaben sie über die Infusion schon Schmerzmittel, ohne das dem Probanden mitzuteilen, so dass dieser keinerlei Erwartung hatte, dass sich sein Empfinden verbessern müsste. Als zweites teilten sie ihm mit, dass man ihm nun ein Schmerzmedikament verabreichen würde. So weckten sie eine positive Erwartungshaltung. Und schließlich sagten die Forscher, dass sie nun kein Mittel mehr geben würden - wodurch sich die Schmerzen deutlich verstärken könnten.

Zwar sank das Schmerzempfinden bereits, wenn die Probanden nichts erwarteten, allerdings fiel es nur von durchschnittlich 66 auf 55. Sobald die Teilnehmer sich darauf einstellen konnten, dass sie ein Medikament bekamen, sank es dagegen auf den Wert von 39. Fürchten sie dagegen stärkere Schmerzen durchs scheinbare Absetzen des Mittels, stiegen die Schmerzen auf der Skala wieder bis auf 64.

Die Wirkung des Medikaments wurde also praktisch zunichte gemacht. Verknüpft war dies auch mit der Angst der Probanden, die ebenfalls abgefragt wurde.

Parallel dazu verfolgten die Forscher die Schmerzverarbeitung im Gehirn der Freiwilligen mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), einem bildgebenden Verfahren. "Dabei zeigten die Schaltstellen des schmerzverarbeitenden Systems, dass die persönliche Erwartung den Effekt des Medikaments beeinflusst", sagt Bingel. Glaubte der Proband an die Wirkung der Behandlung, wurde das körpereigene schmerzhemmende System aktiviert - und verstärkte so die schmerzlindernde Wirkung des Medikaments. Fürchtete der Proband dagegen eine Verschlechterung, wurden andere Hirnregionen aktiv - uns zwar welche, die bereits mit der Zunahme von Schmerzen durch Angst oder negative Gefühle in Zusammenhang gebracht wurden.

Ärzte sind gefordert

Die Forscher vermuten, dass der Noceboeffekt bei chronisch Kranken, die schon viele gescheiterte Therapieversuche hinter sich haben, eine bedeutende Rolle spielen könnte. Medikamente würden mit der negativen Erwartungshaltung des Patienten konkurrieren: Dies aktiviere die gleichen Gehirnregionen und beeinflusse damit die Wirkung des Mittels, schreiben sie. Im schlechtesten Fall mache die Erwartungshaltung die Medikamentenwirkung komplett zunichte. Dies könne möglicherweise erklären, warum regelmäßig Wirkstoffe, die in vorklinischen Tests hohe Erwartungen wecken, dann später scheitern - besonders, wenn sie gegen chronische Leiden wirken sollen.

Die Wissenschaftler weisen allerdings auch darauf hin, dass die Erwartungshaltung von Patienten gezielt beeinflusst werden kann. Ärzte sollten daher Patienten intensiver und gezielter über ihre Erkrankung und die Behandlung aufklären. "Damit sollen positive Erwartungen geweckt und negative vermieden werden", sagt Bingel.

wbr/dapd

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insgesamt 19 Beiträge
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1. guter Schamane, schlechter Schamane?
kalumeth 17.02.2011
Zitat von sysopDie eigene Erwartung beeinflusst, wie gut ein Medikament wirkt. Fürchtet sich ein Patient gar vor drohenden Schäden durch die Behandlung, ist der Effekt besonders dramatisch: Dann versagen selbst starke Schmerzmittel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,746106,00.html
Also ist die Psychokomponente -sowohl positiv wie negativ- nun doch ein erheblicher Bestandteil der Heilung. So wie wir auch meist erst p s y c h o s o m a t i s c h krank werden. Das zu Erkennen kann (wieder) Aufgabe eines "weißen" Shamanen werden. Mit und ohne Federhut - von mir aus ruhig weiterhin im weißen Kittel und dem Dr. med. zusätzlich in der Tasche. Doch ohne Menschenkenntnis geht es gar nicht! PS: Zum Thema eine interessante Aufsatzsammlung von Christine Stecher 'Die Weisheit der Schamanen'
2. Negativer Placeboeffekt
purzelrechner 17.02.2011
Ich bin ja kein Mediziner. Aber rein theoretisch muss ja auch ein tatsächlich wirkendes Medikament eine (zusätzliche) Placebowirkung haben. Denn der Patient weiß ja nicht, ob er ein echtes Medikament bekommt, oder ein Placebo. Wenn also ein Placebo diese Wirkung hat, warum sollte sie bei einem echten Medikament verschwinden? Wenn aber der Patient nicht von der Wirkung des Medikaments überzeugt ist, kann sowohl im Fall eines Plazebos, als auch eines wirksamen Medikaments die Placebowirkung logischerweise verschwinden. Für mich hört es sich so an, als wäre manchmal die zusätzliche Placebowirkung nötig, damit ein Medikament hilft. Aber einen negativen Plazeboeffekt (oder gar Nocebo) würde ich das nicht nennen, weil das den Eindruck erweckt, als stünde etwas anderes dahinter, als der bereits bekannte Plazeboeffekt.
3. Placeboeffekt?
berlinerin95 17.02.2011
Zitat von sysopDie eigene Erwartung beeinflusst, wie gut ein Medikament wirkt. Fürchtet sich ein Patient gar vor drohenden Schäden durch die Behandlung, ist der Effekt besonders dramatisch: Dann versagen selbst starke Schmerzmittel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,746106,00.html
Zitat aus dem Spiegel-Artikel: "Zwar sank das Schmerzempfinden bereits, wenn die Probanden nichts erwarteten, allerdings fiel es nur von durchschnittlich 66 auf 55. Sobald die Teilnehmer sich darauf einstellen konnten, dass sie ein Medikament bekamen, sank es dagegen auf den Wert von 39. Fürchten sie dagegen stärkere Schmerzen durchs scheinbare Absetzen des Mittels, stiegen die Schmerzen auf der Skala wieder bis auf 64." In der Praxis habe ich derartige Behandlungsmethoden noch nicht erlebt. Wenn ich eine schmerzhafte Zahnbehandlung habe, lege ich Wert auf eine vernünftige Betäubung. Und da ich einen Zahnarzt habe, der dies nach meinem Eindruck gut hinbekommt, habe ich während der Behandlung auch keine Schmerzen. Ich habe allerdings vor Jahren bei Anfertigung einer Brücke in einer Uni-Klinik auch einmal erlebt, dass mit der Betäubung trotz mehrstündiger Behandlung äußerst sparsam umgegangen wurde. Da die Wirkung der Betäubung nach einer Stunde spürbar nachließ, habe ich mehr und mehr Schmerzen gespürt. Gutes Zureden seitens der Ärztin hat mir jedenfalls nicht geholfen. Da gab es keinen Placebo-Effekt, sondern wegen der nachlassenden Wirkung des Betäubungsmittels immer stärkere Schmerzen. Ich hatte auch mal einen Schulterbruch, der eigentlich unkompliziert war, aber bis zur Heilung mehrere Wochen starke Schmerzen verursacht hat, insbesondere nachts. Während dieser Zeit habe ich zwangsläufig Schmerzmittel gebraucht, um schlafen zu können. Nach ca. einem Monat merkte ich selbst, dass jetzt eine Salbe reicht und habe die Schmerzmittel nicht mehr genommen. Mit dem "Placebo-Effekt" hat dies in meinen Augen nichts zu tun, sondern mit der Wirksamkeit des Schmerzmittels. Tröstliche und aufmunternde Worte sind ja schön und gut und eine positive Lebenseinstellung der Heilung sicherlich förderlich. Aber die Schmerzn konnten sie jedenfalls in meinem Falle nicht beeinflussen. Dies führe ich ausschließlich auf die Wirkung der Schmerzmittel zurück und habe diese -nachdem ich auch mit der Salbe eine schmerzstillende Wirkung verspürt habe- sofort abgesetzt. Auch eine noch so starke Psyche ist nach meinem persönlichen Eindruck nicht in der Lage, Schmerzen aufgrund einer Zahnbehandlung oder eines Knochenbruchs zu ignorieren.
4. _
M@ESW, 17.02.2011
Der Titel klingt wie ein Slogan der GEZ ;)
5.
drsven 17.02.2011
Zitat von berlinerin95Zitat aus dem Spiegel-Artikel: "Zwar sank das Schmerzempfinden bereits, wenn die Probanden nichts erwarteten, allerdings fiel es nur von durchschnittlich 66 auf 55. Sobald die Teilnehmer sich darauf einstellen konnten, dass sie ein Medikament bekamen, sank es dagegen auf den Wert von 39. Fürchten sie dagegen stärkere Schmerzen durchs scheinbare Absetzen des Mittels, stiegen die Schmerzen auf der Skala wieder bis auf 64." In der Praxis habe ich derartige Behandlungsmethoden noch nicht erlebt. Wenn ich eine schmerzhafte Zahnbehandlung habe, lege ich Wert auf eine vernünftige Betäubung. Und da ich einen Zahnarzt habe, der dies nach meinem Eindruck gut hinbekommt, habe ich während der Behandlung auch keine Schmerzen. Ich habe allerdings vor Jahren bei Anfertigung einer Brücke in einer Uni-Klinik auch einmal erlebt, dass mit der Betäubung trotz mehrstündiger Behandlung äußerst sparsam umgegangen wurde. Da die Wirkung der Betäubung nach einer Stunde spürbar nachließ, habe ich mehr und mehr Schmerzen gespürt. Gutes Zureden seitens der Ärztin hat mir jedenfalls nicht geholfen. Da gab es keinen Placebo-Effekt, sondern wegen der nachlassenden Wirkung des Betäubungsmittels immer stärkere Schmerzen. Ich hatte auch mal einen Schulterbruch, der eigentlich unkompliziert war, aber bis zur Heilung mehrere Wochen starke Schmerzen verursacht hat, insbesondere nachts. Während dieser Zeit habe ich zwangsläufig Schmerzmittel gebraucht, um schlafen zu können. Nach ca. einem Monat merkte ich selbst, dass jetzt eine Salbe reicht und habe die Schmerzmittel nicht mehr genommen. Mit dem "Placebo-Effekt" hat dies in meinen Augen nichts zu tun, sondern mit der Wirksamkeit des Schmerzmittels. Tröstliche und aufmunternde Worte sind ja schön und gut und eine positive Lebenseinstellung der Heilung sicherlich förderlich. Aber die Schmerzn konnten sie jedenfalls in meinem Falle nicht beeinflussen. Dies führe ich ausschließlich auf die Wirkung der Schmerzmittel zurück und habe diese -nachdem ich auch mit der Salbe eine schmerzstillende Wirkung verspürt habe- sofort abgesetzt. Auch eine noch so starke Psyche ist nach meinem persönlichen Eindruck nicht in der Lage, Schmerzen aufgrund einer Zahnbehandlung oder eines Knochenbruchs zu ignorieren.
Ich stimme Ihnen zu 100% zu. Je mehr man über seine Krankheit/sein Leiden weiß, desto besser kann man die Wirkungsweise von Medikamenten verstehen und den Nutzen solcher einschätzen. Ich finde daher 2 Dinge viel wichtiger, als sich immer mit diesem diffusen Placeboeffekt zu beschäftigen: 1) Aufklärung des Patienten durch den Arzt und den Patienten selber (Internetrecherche, Kontaktaufnahme mit anderen Patienten, die das selbe Leiden haben (auch über's Internet)). Je mehr man über sein Leiden weiß, desto besser kann man sich selber und dem Arzt helfen, dies zu heilen. 2) Die Forschungsabteilungen der Pharmaindustrie sollten stärker versuchen, die eigentlichen Ursachen von Krankheiten/Schmerzen zu bekämpfen anstatt an den Symptomen herumzudoktern. Der Grund, dass sie eher das Letztere tun, liegt wohl im (kurzfristig gesehen) größeren Profit für die Firmen.
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Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Gehirn: Steuerzentrale des Körpers
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.
Gehirnteile: Vorderhirn, Mittelhirn, Rautenhirn
Das menschliche Gehirn und auch das Gehirn vieler Tiere ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorderhirn, Mittelhirn und Rautenhirn. Schon bei niederen Wirbeltieren entstehen aus dem Vorderhirn (Prosencephalon) das der Nase zugeordnete Endhirn (Großhirn) und das den Augen zugeordnete Zwischenhirn. Das Mittelhirn (Mesencephalon) bleibt ungegliedert erhalten. Das Rautenhirn (Rhombencephalon) gliedert sich weiter auf in das Hinterhirn mit dem Kleinhirn und der Brücke sowie in das verlängerte Mark, das den Übergang zum Rückenmark bildet. Mit zunehmender Höherentwicklung vergrößern sich die Teile und differenzieren sich weiter.
Großhirn: Spezialität des menschlichen Gehirns
Speziell für das menschliche Gehirn ist die Größe und Komplexität des Großhirns. Die Faltung seiner Oberfläche bewirkt eine enorme Oberflächenvergrößerung, so dass es die übrigen Hirnteile überwölbt. Das Großhirn ist das Zentrum für unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten und damit für die komplexesten Gehirnleistungen. Es besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch ein dickes Bündel Nervenfasern, den sogenannten Balken, miteinander verbunden sind.
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Die äußere Schicht des Großhirns wird als Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz Cortex) bezeichnet. Sie ist nur etwa zwei bis fünf Millimeter dick und enthält die erstaunliche Menge von 10 bis 14 Milliarden Nervenzellen. Wenn Gehirne in Formalin haltbar gemacht werden, sieht die Großhirnrinde grau aus. Sie wird deshalb auch als graue Substanz bezeichnet und umgangssprachlich spricht man oft von "grauen Zellen". Der übrige Teil des Großhirns besteht aus Nervenfasern, welche die Nervenzellen mit anderen Hirnteilen verbinden. Dieser Teil wird auch als weiße Substanz bezeichnet.


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