Kennzeichnung bezahlter Studien Medizinjournal zweifelt am Nutzen der Transparenz

Bremst Transparenz den medizinischen Fortschritt? Das behauptet jetzt eines der angesehensten Fachmagazine. Die Debatte um den richtigen Umgang mit Geld von Pharmakonzernen erschüttert die Branche.

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Interessenkonflikte in der medizinischen Forschung: "Meldungen über die Gier der Industrie ins kollektive Bewusstsein gefressen"
Corbis

Interessenkonflikte in der medizinischen Forschung: "Meldungen über die Gier der Industrie ins kollektive Bewusstsein gefressen"


Das gab es noch nie: Drei frühere Chefredakteure des "New England Journal of Medicine" ("NEJM") schlagen Alarm - im Konkurrenzblatt "British Medical Journal" ("BMJ"). Sie warnen vor dem Vorstoß ihres früheren Arbeitgebers, laxer mit Interessenkonflikten in der Branche umzugehen. Dies sei "eine sehr schlechte Idee".

Stein des Anstoßes ist eine Artikelserie von Lisa Rosenbaum im "NEJM". Darin fordert sie, Kooperationen zwischen Medizinern und Pharmakonzernen neu zu bewerten. Ein besonderes Problem seien mittlerweile die Transparenzrichtlinien, nach denen jeder Fachautor, falls er mit dem Geld eines Unternehmens gearbeitet hat, dies unter einer Studie offenlegen muss.

Forscher werden stigmatisiert

"Haben sich die vielen Meldungen über die Gier der Industrie so in unser kollektives Bewusstsein gefressen, dass wir vergessen haben, dass Ärzte und Industrie eine gemeinsame Mission haben - Krankheiten zu bekämpfen?", fragt Rosenbaum. Forscher, die mit Pharmakonzernen kooperieren, würden heutzutage automatisch stigmatisiert, ihre Studien nicht gelesen. Für die Zukunft sollte endlich detaillierter betrachtet werden, wie forschende Mediziner und die Industrie zusammenarbeiten. Die Abhängigkeit voneinander dürfe nicht länger geleugnet werden, findet Rosenbaum. Ohne die finanzielle Unterstützung der Industrie würde es viele Medikamente nicht geben.

"Eine verzerrte und sehr gefährliche Attacke", heißt es hingegen im "BMJ". Es sei doch das "NEJM" selbst gewesen, das die Transparenzregeln für den Umgang mit Interessenkonflikten 1984 eingeführt habe. Diese Auflage wurde seitdem von eigentlich allen wissenschaftlichen Fachblättern übernommen. "Existieren Interessenkonflikte durch eine Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie, ist die Objektivität der Autoren beeinflusst, ob bewusst oder unbewusst.", sagt die frühere "NEJM"-Chefredakteurin Marcia Angell. Und es sei unmöglich, diesen Effekt zu vermeiden. "Warum glauben Mediziner, sie seien nicht beeinflussbar?"

Ärzte, die Medikamente entwickelten, sollten diese nicht zugleich bewerten. Finanzielle Interessenkonflikte hätten die Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft bereits ausgehöhlt, meint Angell. "Ärzte und die Öffentlichkeit erwarten zu Recht, dass zumindest die Zeitschriften vertrauenswürdig sind."

Gefahr der Beeinflussung

"NEJM"-Autorin Rosenbaum dagegen erinnert an die Diskussion um die Statin-Richtlinie in 2013. Damals habe sich exemplarisch gezeigt, was durch die Fixierung auf die Offenlegung möglicher Interessenkonflikte falsch laufe. Cholesterinsenker seien unbestritten gute Medikamente. Doch weil in den neuen Richtlinien eine Ausweitung der möglichen Patientengruppe erfolgte, vermuteten Kritiker sofort, diese Änderung sei nach Beeinflussung durch die Pharmaindustrie geschehen.

Tatsächlich hatten sieben der 15 Ausschussmitglieder, die die Richtlinie in einem fünfjährigen Prozess erarbeitet hatten, Kontakte zur Pharmaindustrie. Aber es gab zahlreiche Kontrollmechanismen, eingeschaltet war außerdem ein unabhängiges Kontrollgremium, das National Heart, Lung and Blood Institute in Bethesda, schreibt Rosenbaum. Die gesamte Branche sei sich der Gefahr einer möglichen Beeinflussung doch allzu bewusst. Gleichzeitig sei längst klar, dass die Vorteile der Interaktion zwischen Ärzten und Pharmaforschern überwiegen.

Edel wie abgehoben

Kritik an den "NEJM"-Artikeln kommt auch aus Deutschland: Angesichts der bereits umfangreich dokumentierten schädlichen Einflüsse der Pharmaindustrie auf die Forschung seien die Äußerungen Rosenbaums gewollt naiv, erklärt Gerd Antes, Direktor des Cochrane Zentrums in Freiburg und Mitbegründer der evidenzbasierten Medizin in Deutschland. Es bleibe zu hoffen, dass das "NEJM" seine strengen Regeln nicht aufweiche.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG), kann verstehen, dass die neuerliche Richtung des "NEJM" viele überrascht. Es sei edel, dass das "BMJ" sich gegen die Aufweichung der Standards stellt. "Andererseits ist diese Haltung durchaus abgehoben", sagt Windeler, gerade die Politik dränge immer mehr Forscher bewusst in Kooperationen mit der Industrie, auch auf europäischer Ebene.

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Medizinjournalisten machen Druck: Initiative gegen gefährliche Pharma-Lügen gestartet

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stülpnerskarl 03.06.2015
1. Genau
"dass Ärzte und Industrie eine gemeinsame Mission haben - Krankheiten zu bekämpfen". Wenn das ein sechsjähriger sagt, in Ordnung, aber eine erwachsene Frau, die wahrscheinlich sogar studiert hat... . Nur peinlich.
LDaniel 03.06.2015
2. schwierig
Es ist doch sehr viel schwieriger, als das manche Leute denken. Eine aussagekräftige Studie kostet Millionen! Das kann man nicht einfach so bezahlen. Wenn der Staat dafür nicht aufkommt (was er nicht tut), dann kann es nur in Kooperation passieren. Das Wichtigste ist, dass die Methoden klar sind und man Zugriff auf die Rohdaten hat.
practicus 03.06.2015
3. Wichtig ist nicht, wer die Studie bezahlt,
auch nicht, wer irgendwann die von einer Spezialagentur angefertigte Studie gegen stattliches Honorar unterschreibt - wichtig ist allein, dass alle Rohdaten zur Studie gehören und alle nachträglichen Veränderungen des Studienziels, die nachträgliche Identifikation von Subgruppen und Surrogatparametern kenntlich gemacht werden müssen, ebenso die Ein- und Ausschlusskriterien. Jeder Wissenschaftler muss die gesamte Studie nachvollziehen können! Alle angezeigten Studien müssen vollständig veröffentlicht werden, bei Abbruch wenigstens die bis zum Abbruch erhobenen Daten. 90% der Anwender von Arzneimitteln würden von den Studien zum Nachweis von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit mit "Idealpatienten" ausgeschlossen, die Studiendaten gelten für die Menschen gar nicht, die die Medikamente später wirklich einnehmen!
ruhepuls 04.06.2015
4. Ohne Transparenz keinerlei Kontrolle
Leider zeigt die Vergangenheit, dass ohne Transparenz der Manipulation Tür und Tor geöffnet wird. Solange Unternehmen (aus deren Sicht natürlich verständlich) sich vorbehalten, nicht alle Daten offen zu legen, solange ist das Offenlegen der Verbindungen zwischen Autor und Hersteller die einzige Möglichkeit, zumindest die Warnleuchten zu aktivieren, während man Studienergebnisse bewertet. Unternehmen müssen verkaufen. Das ist ihre erste Priorität. Es ist naiv anzunehmen, das Wichtigste wäre die Gesundheit der Patienten. Es gibt genug Beispiele für unnötige oder überteuerte Medikamente (Scheininnovationen), die genau das Gegenteil belegen. Offensichtlich steht das NEJM ziemlich unter Lobbydruck..?
Bananenblatt 04.06.2015
5. Armutszeugnis für die wissenschaftliche Methode
Was für ein Dreck! Das entscheidende Merkmal wissenschaftlichen Arbeitens ist, dass die Ergebnisse für andere wiederholbar sind. Der Maßstab der Naturwissenschaften ist, dass das Ergebnis vom Beobachter unabhängig ist. Die Debatte selbst zeigt das Problem, denn sie zeigt dass auch die moderne Medizin den Ansprüchen einer Naturwissenschaft nicht genügt. Wenn unter der Studie steht: "Unterstützt von (Industrieunternehmen XYZ)" sollte man zunächst denken "Aha" und die Arbeit gründlich unter die Lupe nehmen. Wenn under der Studie nichts dergleichen steht sollte man denken "Aha" und die Arbeit gründlich unter die Lupe nehmen. Wenn die Studie etwas taugt, sollte man sie ernst nehmen. Sonst nicht. Egal was drunter steht. Wenn man eine Studie in der Medizin nicht unabhängig vom Geldgeber bewerten kann, muss die ganze Zunft dringend an ihrer Methodik arbeiten, sonst ist alles nur Hokuspokus und wir kommen zurück zu einer Welt, in der wir uns zu Neumond mit den Tränen von dreizehn Monate alten Hasen einreiben müssen.
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