Neue Arzneien Kliniken und Kassen wehren sich gegen Pillenflut

Nur jedes fünfte Medikament ist wirklich neu. Scheininnovationen überfluten den Arzneimarkt und kosten die Versicherten Milliarden. Jetzt wollen Ärzte, Kliniken und Kassen gegen die Pharmafirmen vorgehen.

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Arzneimittelflut: Vier von fünf Medikamenten sind überflüssig
dapd

Arzneimittelflut: Vier von fünf Medikamenten sind überflüssig


Es gibt zu viele neue Mittel, die nicht wirksamer, dafür aber teurer sind. So beschreiben Kritiker den Arzneimittelmarkt in Deutschland. Unter den 50 umsatzstärksten Arzneimitteln fanden sich letztes Jahr 15 Analogpräparate, so werden neue Medikamente genannt, die im Vergleich zu bisherigen Arzneimitteln keinen Zusatznutzen haben. Sie allein bringen der Pharmaindustrie laut dem neuen Arzneiverordnungsreport Einnahmen von mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr.

Und jedes Jahr kommen neue dazu. "Nur 10 bis 30 Prozent aller Medikamente, die in Deutschland neu auf den Markt kommen, sind tatsächlich innovativ und bedeuten therapeutischen Fortschritt", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Auf die anderen 70 bis 90 Prozent könne man verzichten. Denn diese Medikamente gebe es bereits - in anderer Form, unter anderem Namen, von einer anderen Pharmafirma. Diese Neuauflagen heißen in der Branche auch "Me-Too-Präparate", denn sie wurden entwickelt und auf den Markt gebracht, weil eine Pharmafirma finanziellen Erfolg mit dem Primärpräparat erzielt hat - an diesem Gewinn wollen andere teilhaben.

Im Jahr 2010 seien 23 Wirkstoffe neu zugelassen worden, aber nur fünf davon haben das Prädikat "Neuartiges Wirkprinzip mit therapeutischer Relevanz" erhalten, so der Arzneiverordnungsreport 2011, den der Wissenschaftsverlag Springer Medizin jüngst veröffentlichte. Die anderen 18 Produkte waren nur eine Neuauflage eines älteren Mittels beziehungsweise unterschieden sich von den bisherigen Mitteln nur dadurch, wie sie verabreicht oder im Körper verarbeitet werden. Manche Firmen ersetzen zum Beispiel Zäpfchen durch Pulver oder Spritzen durch Saft. Andere verändern die chemische Struktur der Arznei nur minimal, so dass diese schneller oder länger wirkten - nicht aber besser.

Verdienen am Vertrauen

"Meist verändern die Pharmakonzerne nur ein wenig die Molekülstruktur und preisen es dann als neues Arzneimittel an - oftmals, weil das Patent für die bisherige Arznei bald ausläuft", sagt Ludwig. Die Analogarznei können die Hersteller dann wieder patentieren lassen. Denn nur mit Patent können die Konzerne sie zu hohen Preisen anbieten. Ist sie abgelaufen, dürfen andere Unternehmen ein sogenanntes Generikum herausbringen, also eine Arznei mit identischem Wirkstoff zu einem deutlich geringeren Preis - diese Kopien entlasten den Etat der Krankenkassen.

Deswegen werkeln Pharmahersteller immer eifrig an neuen Patentarzneien. Ihre Methode hat Erfolg: Von 1993 bis 2010 hat die Pharmaindustrie im Bereich der patentgeschützten Medikamente ein Umsatzplus von 735 Prozent verzeichnet. Während die Firmen vor 18 Jahren nur 1,7 Milliarden Euro einnahmen, standen letztes Jahr 14,2 Milliarden unterm Strich. Warum die Masche funktioniert, erklärt auch der Pharmareport: Die Unternehmen verkaufen die scheinbar neue Arznei zu erhöhten Preisen und verlassen sich dabei auf den Glauben von Arzt und Patient, dass alles Neue auch besser sei und somit mehr wert.

In einigen Bereichen boomen Pseudo-Innovationen besonders. Bei der Entwicklung von Blutdrucksenkern oder Pillen gegen Depressionen spricht der Report sogar von "therapeutischen Klassenkämpfen". Dem Pharmakritiker Ludwig ist die Arzneiflut auch bei Demenz oder Krebs aufgefallen: "Das sind Erkrankungen, die im Alter auftreten. Durch den demografischen Wandel werden es mehr ältere Patienten. Da stürzen sich die Pharmaunternehmen drauf." In diesen Gebieten gebe es eine Vielzahl an Präparaten, deren Nutzen zweifelhaft sei.

Vielfalt, Fortschritt, Marktfreiheit - die Pharmabranche kontert

Der Überfluss an unnötiger Medizin ist nicht neu: Zwischen 1994 und 2010 wurden in Deutschland insgesamt 497 neue Wirkstoffe zugelassen, fast 40 Prozent davon waren Scheininnovationen. Bei weiteren 25 Prozent waren nur Verabreichung oder die Dauer, bis es wirkt, verändert.

"Unterschiedliche Menschen benötigen auch unterschiedliche Medikamente", verteidigt Birgit Fischer, Geschäftsführerin des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa), die Arzneiflut. Zudem verhindere der Wettbewerb Monopole und fördere den Forschritt in der Medizin.

Hinzu kommt, dass in der Pharmaindustrie häufig parallel an ähnlichen Arzneien geforscht wird. "Nicht alle Forschungsvorhaben münden immer in ein neues Produkt", sagt Rolf Hömke, Pressesprecher der vfa. "Bei Forschung bleibt auch mal der Erfolg aus. Wenn mehrere Unternehmen an ähnlichen Arzneimitteln forschen, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass eines davon ein Mittel mit der erhofften Wirkung entwickelt."

Die Pharmaindustrie setzt auch deshalb auf Parallelforschung, weil diese mitunter überraschende Entdeckungen liefert. Hömke berichtet von dem Blutdrucksenker Ramipril, der einst als Analogpräparat auf den Markt kam. Im Laufe der Jahre stellte sich heraus, dass die Arznei nicht nur den Blutdruck reguliert, sondern auch das Risiko für Arteriosklerose senkt. Heute sei es das meistverordnete Medikament bei Bluthochdruck.

Anreize zu wirklichen Innovationen schaffen

Auch im Arzneiverordnungsreport 2011 wird so ein Beispiel geschildert. Der Cholesterinsenker Simvastatin ist 1990 ebenfalls als Analogarznei auf den Markt gekommen, gilt heute aber als erfolgreichstes Präparat in seiner Wirkstoffgruppe. Ihm wird bescheinigt, die Sterblichkeit von herzkranken Patienten zu senken.

Den Wettbewerb und solche Zufallstreffer sehen Pharmakonzerne nun in Gefahr. Denn seit dem 1. Januar 2011 werden neue Medikamente nach der Zulassung auf ihren Zusatznutzen geprüft. Durch das Gesetz zur "frühen Nutzenbewertung" können Krankenkassen mit den Pharmaunternehmen über die Kosten verhandeln, wenn das Medikament die Therapie nicht deutlich verbessert. Die Konzerne bangen nun um den medizinischen Fortschritt und befürchten, Forscher würden neue Medikamente nicht öffentlich zugänglich machen oder Pläne dafür aufgeben, weil sie nicht den erhofften Preis erwarten.

Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen (G-BA) sieht hingegen keine Gefahr für die Weiterentwicklung der Branche. Das Gremium beurteilt, ob ein Medikament zusätzlichen Nutzen bringt. Vielmehr setze die neue Regelung erst recht Anreize, wirklich innovative Medikamente herauszubringen, heißt es beim G-BA. Denn nur eine solche Arznei könne zu einem selbstbestimmten Preis eingeführt werden.

Für Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt am Helios Klinikum Berlin-Buch, ist das neue Gesetz nur ein erster Schritt. Er fordert sogar eine sogenannte Positivliste, die festschreibt, welche Arzneimittel wirklich nützlich sind und auf welche verzichtet werden könnte. "In Deutschland sind etwa 20.000 verschreibungspflichtige Medikamente mit rund 2000 Wirkstoffen zugelassen. 300 bis 500 der Wirkstoffe dürften für eine gute medizinische Versorgung ausreichen", sagte Ludwig gegenüber der Presseagentur dpa. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits so eine Liste der essentiellen Medikamente unverbindlich angelegt.



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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
acitapple 21.11.2011
1. ...
zum glück hat die fdp nach dienstantritt gleich den amtsleiter gefeuert, der solche auswüchse womöglich verhindert hätte. immerhin sind die kosten des steuerzahlers auf der anderen seite die einnahmen einiger wohlhabender.
pudel_ohne_mütze 21.11.2011
2. Richtig,
Zitat von acitapplezum glück hat die fdp nach dienstantritt gleich den amtsleiter gefeuert, der solche auswüchse womöglich verhindert hätte. immerhin sind die kosten des steuerzahlers auf der anderen seite die einnahmen einiger wohlhabender.
exakt diese Liebedienerei gegenüber der Pharma-Lobby ist die Politik der Koalition. Nicht nur auf Pharma-Lobby und FDP begrenzt. Aber es gibt dort ja viele schöne warme Pöstchen für später. Die darf man nicht aus den Augen verlieren. Verlieren kann dagegen ruhig der Michel. Auf ganzer Linie.
gehlhajo, 21.11.2011
3. .
Zitat von sysopNur jedes fünfte Medikament ist wirklich neu. Scheininnovationen überfluten den Arzneimarkt und kosten*die*Versicherten Milliarden. Jetzt sagen Ärzte, Kliniken und Kassen den Pharmafirmen den Kampf an. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,798253,00.html
Echt ? Zum wievielten Male ? Das werden unsere Politker schon zu verhindern wissen.
Airkraft 21.11.2011
4. Die Worte hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!
Ab morgen soll sogar Wasser bergauf fließen und nächstes Jahr Ostern mit Weihnachten zusammenfallen!
festuca 21.11.2011
5. Nichts Neues.
Das Problem ist so alt wie das Gesundheitssystem selbst. Mit Aspirin, bekannt seit über 100 Jahren, verdient die Pharmaindustrie nicht viel, lieber alter Wein in neuen Schläuchen zu exorbitanten Mondpreisen und horrenden Gewinnmargen. Alles das ist lange bekannt, dagegen passiert ist nie etwas. Ausbaden müssen es die Versicherten, also wir alle. Eher wird Leverkusen Meister, als dass die Politik der Bayer AG. und Konsorten wirklich mal auf die gierigen Finger klopft.
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