Vogelgrippe-Virus H7N9: Profil eines Killers

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Grippeviren (Illustration): H7N9 wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft weiter an den Menschen anpassen

Die erste Welle von Vogelgrippe-Infektionen ist zwar abgeklungen. Doch Forscher warnen vor der Gefahr des Virus H7N9: Es gedeiht nicht nur prächtig in menschlichem Lungengewebe, sondern kann eine tödliche Überreaktion des Immunsystems auslösen.

Die Aufruhr um die neue Vogelgrippe ist abgeklungen – zumindest in der Öffentlichkeit. 132 bestätigte Fälle gab es in den vergangenen Monaten in China, 39 Patienten starben. Die erste Epidemiemiewelle ist zwar vorbei. Doch chinesische Forscher fordern jetzt: Das Risiko, das von dem Erreger ausgeht, müsse dringend weiter untersucht werden.

Besonders weil bei vielen Patienten die Erkrankung sehr schwer verlaufe, müsse das Vogelgrippe-Virus H7N9 besser verstanden werden, schreibt das Team im Fachmagazin "Nature". Die Wissenschaftler um den Virologen Yuelong Shu vom National Institute for Viral Disease Control and Prevention in Peking haben die biologischen Eigenschaften des Erregers genauer erforscht.

Ihre Ergebnisse:

  • H7N9 erkennt sowohl Rezeptoren von Vögeln als auch menschliche Rezeptoren. Das unterscheidet dieses Virus von H5N1 und dem 2009 als Schweinegrippe bekannt gewordenen Virus H1N1. "Das ist relativ ungewöhnlich", sagt Thorsten Wolff, Virologe am Robert Koch-Institut. Auch frühere Studien hatten dem Erreger diese Eigenschaft attestiert.

  • Erstmals haben die Forscher Proben von infiziertem menschlichen Atemwegsgewebe untersucht. Sie zeigen, dass das Virus in der menschlichen Lunge erstaunlich gut wächst und sich vermehrt. "Das zeugt von einem gewissen Anpassungsgrad des Erregers an den Menschen", sagt Wolff.

  • Das chinesische Team hat zudem herausgefunden, was das Virus besonders gefährlich macht: Infizierte erkranken meist schwer, weil ihr Immunsystem auf den fremden Eindringling überreagiert: Es entfesselt einen sogenannten Zytokinsturm. In einigen Fällen kann das tödlich sein.

Gefährliche Mutationen

Das Molekül Hämagglutinin an der Oberfläche eines Influenza-Virus bestimmt, welche Zellen das Virus angreifen kann. Die ursprüngliche Form von H7N9 heftet sich eigentlich an Vogelzellen. Allerdings können Mutationen die Struktur des Proteins so verändern, dass es besser an Säugetierzellen anhaftet. Bindet sich ein Virus in Folge einer solchen Mutation bevorzugt an menschliche Rezeptoren, hat es im Prinzip das Potential, eine Pandemie auszulösen. Ein solches Verhalten konnten die Forscher für das neue H7N9-Influenza-Virus nachweisen.

Außerdem konnten sie zeigen, dass der Erreger sich effektiv an bestimmte Polysaccharide bindet, wie sie häufig in den Epithelzellen der Atemwege von Schweinen und Menschen vorkommen. "Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass H7N9 sich über Artengrenzen hinweg überträgt, etwa von Vögeln auf Menschen", schreiben die Virologen.

Das Immunsystem spielt verrückt

Sorgen bereiten den Forschern die zumeist schweren Krankheitsverläufe: Neben Lungenentzündungen mit Atemwegsproblemen und Husten leiden Patienten häufig auch an hohem Fieber, das im Extremfall tödlich ist. Schuld daran ist der sogenannte Zytokinsturm, eine Überreaktion des Immunsystems. Dabei funktioniert die Immunantwort von Zytokinen und Chemokinen nicht mehr richtig.

Diese Proteine steuern normalerweise die Immunreaktion des Körpers. Sie sorgen dafür, dass infizierte Zellen abgetötet werden. Reagieren sie aber unkontrolliert, werden zu viele Immunzellen aktiviert. "In so einem Fall richtet das Immunsystem mehr Schaden an als es sollte", erläutert Wolff. Bei mit H7N9 infizierten Patienten stellten die Wissenschaftler eine signifikant höhere Zytokin-Konzentration fest als bei gesunden Vergleichspersonen.

Bevölkerung nicht geschützt

Zwar ist der Erreger bisher kaum von Mensch zu Mensch übertragbar, und seit Ende Mai sind keine neuen H7N9-Fälle bekannt geworden. Experten arbeiten jedoch kontinuierlich an neuen Impfstoffen.

Gerade weil eine Infektion mit H7N9 oft so starke Symptome hervorrufe, sei ein ausreichender Schutz der Bevölkerung wichtig. Der sei aber aktuell nicht gegeben: Die Forscher konnten zeigen, dass saisonale Grippeimpfungen zwar den Anteil von Influenza-Antikörpern im Blut erhöhen. Doch sie fanden keine H7-spezifischen Antikörper.

Die Wandlungsfähigkeit von Influenza-Viren erschwert generell die Behandlung - einige Stämme bilden beispielsweise vermehrt Resistenzen gegen antivirale Medikamente.

Deshalb sei zu erwarten, dass sich H7N9 weiterentwickle und anpasse. "Die Gefahren, die von dem Erreger ausgehen, dürfen auch weiterhin nicht unterschätzt werden", schreibt das Virologen-Team – auch wenn die Epidemiewelle erst mal vorbei sei, seien intensive Kontrollen weiterhin nötig.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Hoffentlich...
kugelsicher 04.07.2013
geht es hier gleich nicht wieder hoch her. Nach dem Motto: Vogelgrippe gibts doch gar nicht, alles Erfindung der NWO in Tateinheit mit der bösen WHO. Äh warum nochmal? Ah ja, alles zur Kontrolle und Desinformation der dummen Massen um ihr durch die Pharmaindustrie das Geld abzuknöpfen und sie gefügig zu machen. Natürlich geht es auch und gerade darum, Impfstoffe zu verkaufen und mit den bösen Zusatzstoffen darin die Menschen zu Brainwashen und weiter krank zu machen, damit die PI dann wieder weiter Medikamente etc. verkaufe kann. Quasi der Teufelskreis der Mächtigen gegen das Volk. Darum wurde die Vogel- und Schweinegrippe erfunden. Wie gut, dass die "Aufgeklärten" das alles durchschaut haben. Und bitte dabei das Wort Mainstreammedien nicht vergessen. PS. Ich hoffe, dass ich in meinem Leben keine große Pandemie ala spanische Grippe mehr miterleben muss.
2. Wenigsten Spiegel glaubt an seine eigene Lügen!
mohsensalakh 04.07.2013
Zitat von sysopCorbisDie erste Welle von Vogelgrippe-Infektionen ist zwar abgeklungen. Doch Forscher warnen vor der Gefahr des Virus H7N9: Es gedeiht nicht nur prächtig in menschlichem Lungengewebe, sondern kann eine tödliche Überreaktion des Immunsystems auslösen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/neue-erkenntnisse-zum-vogelgrippe-virus-h7n9-a-908973.html
Ich sage nur: Dieser Bericht ist EHEC!
3. Oft wird von den Medien übertrieben..
analyse 04.07.2013
(Waldsterben,Generalverdacht,Überwachungsstaat ) aber im Fall der Vogelgrippe ist die Gefahr so groß wie eh und je:Besonders wichtig,wie auch erwähnt:die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch !Wie hoch dann die Mortalitätsrate durch das neue Virus ist,weiß niemand und wann das passiert weiß auch niemand ! Also:dauernde Wachsamkeit ist nötig und prophylaktische Maßnahmen für den Ernstfall,ohne Rücksicht auf das typische Nachlassen der Aufmerksamkeit durch Medien und Laien !
4.
kugelsicher 04.07.2013
Zitat von mohsensalakhIch sage nur: Dieser Bericht ist EHEC!
Lügen? Schön wäre es, wenn man auf diese Anschuldigung auch Belege bringen würde. Bitte um Aufklärung, wie kann ein Bericht EHEC sein?
5. Pandemie
wolf76 04.07.2013
Super, 132 Fälle in China und Spiegel spricht von einer "ersten Pandemiewelle".
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