Neue Therapie Elektro-Impulse bringen Querschnittsgelähmten auf die Beine

Es ist keine Heilung, aber ein medizinischer Fortschritt: Ein Querschnittsgelähmter kann wieder ohne Hilfe stehen. US-Mediziner haben ihm dafür Elektroden direkt am Rückenmark eingepflanzt. Nun müssen sie herausfinden, ob die Methode auch bei anderen funktioniert.

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AFP/ Rob Summers

Zweimal hat sich das Leben von Rob Summers dramatisch verändert. Im Juli 2006 rammte ein anderes Auto seinen Wagen. Summers, damals 23 Jahre alt und als Baseballspieler extrem fit, war plötzlich querschnittsgelähmt. Sein Rückenmark war durch den Unfall unterhalb der Brust durchtrennt. Zwar hatte er noch etwas Gefühl im unteren Körper, doch seine Beine konnte er nicht mehr bewegen. Auch zwei Jahre Physiotherapie änderten daran nichts. Er müsse sich damit abfinden, sein Leben lang im Rollstuhl zu sitzen, sagten Summers' Ärzte.

Im Dezember 2009 dann das zweite wichtige Datum: Es war der Tag, an dem der Ex-Sportler wieder auf eigenen Beinen stehen konnte. Nur für wenige Minuten am Stück - und Schritte konnte er nur mit Hilfe anderer gehen, aber auch das bedeutet viel.

Im Fachmagazin "The Lancet" berichtet eine Gruppe von Forschern aus den USA und Russland von der experimentellen Therapie, der Rob Summers diesen Fortschritt verdankt. Die Wissenschaftler um Susan Harkema von der University of Louisville (US-Bundesstaat Kentucky) haben ihrem Patienten einen Satz von 16 Elektroden direkt ans Rückenmark implantiert, die elektrische Impulse abgeben. Sie sollen die Signale ersetzen, die normalerweise vom Hirn ausgehend durchs Rückenmark fließen und dort noch vorhandene Nervenfasern aktivieren.

Die angeregten Nerven können dann dafür sorgen, Bewegungen zu koordinieren - so die Theorie. Der Ansatz unterscheidet sich von anderen experimentellen Behandlungen von Querschnittsgelähmten, in denen versucht wird, die Rückenmarksfasern wieder wachsen zu lassen - etwa mit Hilfe von Stammzellen. Dass gezielte elektrische Impulse Gelähmten helfen können, wieder Kontrolle über ihre Beine zu gewinnen, ließen frühere Versuche mit Ratten, Kaninchen und Katzen vermuten.

Die Elektro-Stimulation nimmt Summers zwar als Kribbeln wahr, sie soll aber weder unangenehm oder schmerzhaft sein. Sie wurde auch nur während des Bewegungstrainings im Schnitt je knapp eine Stunde pro Tag eingeschaltet. Dabei übt Summers unter anderem das Gehen auf einem Laufband, gesichert von Gurten, damit er nicht stürzt. Inzwischen kann er aufstehen und einige Minuten stehen bleiben; er ist in der Lage, die Knie zu beugen, Füße und Zehen zu strecken oder zu krümmen.

Entscheidende Verbesserungen

Die Therapie beeinflusste nicht nur die Bewegung - Summers gewann Gefühl in seinem Penis zurück. Seine Blasenfunktion verbesserte sich und auch die Temperaturregulierung des Körpers, die bei Querschnittsgelähmten beeinträchtigt ist. Durch das Training baute der Ex-Baseballspieler wieder Muskeln auf. Insgesamt fühlte er sich deutlich besser, gab er selbst an. Dadurch baue er auch wieder mehr soziale Kontakte auf.

"Das ist keine Heilung, Rob kann nicht gehen", stellte Susan Harkema klar. Allerdings könne allein die Möglichkeit, am Tag mehrere Minuten auf eigenen Beinen zu stehen, die Gesundheit von Gelähmten deutlich verbessern.

Ob die Therapie bei anderen Patienten ähnliche Wirkung zeigt, muss jedoch noch untersucht werden. Ein einzelner Erfolg sagt eben nichts darüber aus, wie groß der Prozentsatz der Betroffenen ist, der ebenfalls profitieren könnte - oder welche Nebenwirkungen die Behandlung mit sich bringen kann. John McDonald vom Kennedy Krieger Institute in Baltimore, der nicht an der Studie beteiligt war, schätzt jedoch, 10 bis 15 Prozent der Querschnittsgelähmten würden für die Behandlung in Frage kommen.

Rob Summers hatte jedenfalls gute Voraussetzungen: Er hatte noch etwas Gefühl abwärts der Brust - und er war vor dem Unfall wahrscheinlich in besserer körperlicher Verfassung als viele andere Patienten in der gleichen Situation. Das implantierte Gerät wird bereits in der Schmerztherapie eingesetzt und kostet bis zu 20.000 Dollar (14.000 Euro).

Drei Forscher, die einen Begleitartikel im "Lancet"-Magazin verfasst haben, betonen dennoch, welche Möglichkeiten sich jetzt eröffnen - "wir stehen am Beginn einer neuen Ära", schreiben sie.

Finanziert wurde die Untersuchung von den U.S. National Institutes of Health sowie der Christopher and Dana Reeve Foundation. Einige der Studienautoren haben gemeinsam ein Patent auf die Elektro-Stimulation angemeldet.

Mit Material von Reuters und AP

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hoffnungsvoll 20.05.2011
1. Danke
Zitat von sysopEs ist keine Heilung, aber ein medizinischer Fortschritt: Ein Querschnittsgelähmter kann wieder ohne Hilfe stehen. US-Mediziner haben ihm dafür Elektroden direkt am Rückenmark eingepflanzt. Nun müssen sie herausfinden,*ob die Methode auch bei anderen funktioniert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,763771,00.html
Einen Dank an die Mediziner und Ingenieure! Damit eröffnen sich wunderbare Therapiemöglichkeiten. Sollen die Krankenkassenbeiträge ruhig weitersteigen, die medizinische Versorgung wird exponential besser, auch wenn das kaum jemand wahrnimmt
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