Neuer EU-Bericht: Suchtexperten warnen vor Trend zum Drogencocktail
Cannabis, Alkohol und dazu eine Pille Ecstasy: Immer mehr junge Europäer berauschen sich mit mehreren Drogen, die im Zusammenspiel eine verheerende Wirkung haben können. EU-Suchtexperten beobachten zudem einen Boom des Online-Handels mit Betäubungsmitteln.
Brüssel - Eine zunehmende Zahl von Europäern nimmt mehrere Rauschmittel gleichzeitig. Das geht aus dem am Donnerstag in Brüssel vorgelegten Jahresbericht der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) hervor. Solch "polyvalenter Drogenkonsum" sei besonders gefährlich, weil er die Reaktion des Körpers auf die Giftstoffe noch verstärke, warnt Behördenleiter Wolfgang Götz. Auch erhöhe sich das Risiko chronischer Gesundheitsprobleme.
Beim kombinierten Konsum mehrerer Drogen liegt der Mix aus Cannabis und Alkohol auf Platz zwei, auf Rang drei folgt der Cocktail aus Cannabis mit Alkohol und einer weiteren Droge wie etwa Ecstasy, LSD, Kokain oder Heroin. An der Spitze aber steht die Kombination von Zigaretten mit Alkohol. Schon 2007 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer Studie davor, dass das Zusammenspiel von Alkohol- und Tabakkonsum die Krebsgefahr drastisch steigert. Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums fordert der Alkoholmissbrauch in Deutschland mehr als 40.000 Tote pro Jahr. Am Tabakkonsum sterben unterschiedlichen Studien zufolge gar 110.000 bis 140.000 Deutsche jährlich.
Im Vergleich dazu nimmt sich die Zahl der Toten durch den illegalen Drogenkonsum vergleichsweise gering aus, auch wenn sie für sich genommen enorm ist: Etwa 8000 Europäer starben laut EBDD im vergangenen Jahr unmittelbar am Konsum eines oder mehrerer Rauschmittel, von denen zumindest eines illegal war. Damit sei die Zahl im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleich geblieben. Deutschland liegt mit rund 23 Drogentoten pro einer Millionen Einwohner nahe am EU-Durchschnitt. Die Spanne ist allerdings weit: Die Türkei und Ungarn etwa meldeten jeweils weniger als fünf Drogenopfer je eine Millionen Einwohner, Norwegen mehr als 70 (siehe Fotostrecke oben).
Drogenhandel in Online-Shops boomt
Die EBDD warnt in ihrem Bericht auch vor einem Drogen-Boom im Internet. Der Online-Verkauf erlaube Händlern, "einem breiten Publikum Alternativen zu kontrollierten Drogen anzubieten". Neu sei auch "die aggressive Vermarktung von bewusst falsch ausgezeichneten Produkten", sagte Götz.
Vor allem Modedrogen würden per Mausklick gehandelt. Nachdem Deutschland und andere EU-Länder die Kräutermischung "Spice" zu Jahresbeginn verboten hatten, wurden nach Angaben der EU-Behörde mit Sitz in Lissabon mindestens 27 Ersatzstoffe im Netz angeboten. Das World Wide Web sei inzwischen "ein bedeutender Marktplatz für psychoaktive Mittel", so die EBDD. Von insgesamt 115 Online-Verkaufsstellen, welche die Behörde in diesem Jahr unter die Lupe genommen hat, befanden sich rund 15 Prozent in Deutschland. Mehr Händler gibt es in der EU nur in Großbritannien, auf das 37 Prozent der illegalen Rauschgift-Onlineshops entfielen.
Ebenfalls bedenklich sei nach wie vor der europaweite Konsum von Kokain und Heroin, warnte Götz. Dieser habe sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert und stehe weiter im Zentrum der europäischen Drogenproblematik. Etwa 5,5 Millionen Menschen aus den 27 EU-Mitgliedstaaten sowie der Türkei, Kroatien und Norwegen haben in den vergangenen zwölf Monaten diese beiden Drogen konsumiert.
Cannabis nach wie vor beliebteste illegale Droge
In Deutschland nahmen im vergangenen Jahr 1,6 Prozent der 15- bis 34-Jährigen Kokain, der europäische Durchschnitt liegt bei 2,2 Prozent. Nach Angaben der EU-Behörde gibt es ein starkes Ost-West-Gefälle: Während Kokain in Osteuropa kaum verwendet wird, konzentriert sich dessen Gebrauch auf die westeuropäischen Länder Dänemark, Spanien, Italien und Großbritannien.
An erster Stelle des europaweiten illegalen Drogenkonsums stehe weiterhin Cannabis, mit dem sich jährlich etwa 22,5 Millionen Europäer berauschen. Allerdings habe die Popularität dieser Droge vor allem bei Jugendlichen leicht abgenommen. "Das ist eine gute Nachricht", sagte Götz. Weniger ermutigend sei hingegen, dass etwa 2,5 Prozent der jungen Europäer täglich Cannabis konsumierten.
Eine positive Entwicklung sieht der EU-Behördenleiter darin, dass seit 2008 in allen EU-Ländern die Behandlung mit legalen Ersatzdrogen zugelassen ist. Seitdem sei die Nachfrage enorm gestiegen. 650.000 Drogenabhängige nutzten mittlerweile jährlich die Substitutionsbehandlung. Das habe positive Auswirkungen: "Die Leute sind weg von der Kriminalität und den großen gesundheitlichen Risiken."
mbe/dpa/AFP
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