Hormonmittel Duogynon: Neue Klage gegen Pharmakonzern Bayer

Ist das Hormonmittel Duogynon Schuld an Missbildungen bei Kindern, die in den Siebziger Jahren geboren wurden? Ein körperbehinderter Lehrer legt sich nun zum zweiten Mal mit dem Pharmakonzern Bayer an.

Duogynon (Archivbild): "Rechtsnachfolger kann sich nicht auf Verjährung berufen" Zur Großansicht
dapd / MUVS

Duogynon (Archivbild): "Rechtsnachfolger kann sich nicht auf Verjährung berufen"

Berlin - Die erste Runde seines juristischen Kampfes gegen den Pharmagiganten Bayer hat der körperbehinderte Lehrer André Sommer verloren. Doch vor dem Berliner Landgericht will der Allgäuer nun einen neuen Versuch starten, seiner Klage auf Schmerzensgeld- und Schadenersatz doch noch zum Erfolg zu verhelfen.

Die Richter befassen sich ab Donnerstag wieder mit eventuellen Missbildungen durch den hormonellen Schwangerschaftstest Duogynon. Sommers Mutter hatte 1975 ihre Schwangerschaft mit Duogynon überprüft, das die spätere Bayer-Tochter Schering herstellte. Er kam mit schweren Fehlbildungen an Blase und Harnleiter zur Welt.

Der heute 36-Jährige führt seine Behinderung auf die Duogynon-Einnahme seiner Mutter zurück. Nach Angaben seines Anwalts haben sich mittlerweile 364 weitere Behinderte gemeldet, die Duogynon-Tests für Fehlbildungen des Herzens, des Skeletts, der Gliedmaßen oder auch des Harnleiters verantwortlich machten.

Dagegen erklärte Bayer Pharma, es bestehe kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Duogynon und den diskutierten Fehlbildungen. Die Schering AG, die 2006 von Bayer übernommen wurde, stellte die Produktion von Duogynon bereits 1980 ein, schon damals erhoben Anwenderinnen schwere Vorwürfe.

Briefe bringen Pharmakonzern in Erklärungsnot

Das Hormonpräparat, das bei nicht schwangeren Frauen sofort eine Monatsblutung auslöste, sei im In- und Ausland zahlreichen Prüfungen unterzogen worden, erklärte Bayer Pharma. Ein Nachweis für einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und seinerzeit aufgetretenen Missbildungen sei nie erbracht worden. Auch ein Ermittlungsverfahren sei 1980 eingestellt worden, da sich der Verdacht fruchtschädigender Wirkungen nicht bestätigt habe.

Im Fall Sommer hatte ein Berliner Richter im vergangenen Jahr entschieden, die Angelegenheit sei verjährt. Sommers Anwalt vertrat dagegen die Auffassung, dass keine Verjährung vorliege. Denn der jüngste Schaden sei im Jahr 2005 entstanden. Da habe sich sein Mandant wegen seiner Missbildungen einer großen Operation unterziehen müssen.

Sommer hatte im ersten Verfahren auf Offenlegung aller Informationen über Nebenwirkungen von Duogynon geklagt. Damit wollte er seine Schadensersatzklage vorbereiten. Das Landgericht stellte in seinem Urteil allerdings fest, dass mehr als 30 Jahre nach dem Schwangerschaftstest der Mutter alle Schadensersatzansprüche verjährt seien. Damit fehle auch einem Anspruch auf Auskunft über Nebenwirkungen die Grundlage.

Der Anwalt Sommers vertritt allerdings den Standpunkt, dass der Duogynon-Hersteller jahrzehntelang Informationen über Nebenwirkungen des Schwangerschaftstests verschwiegen und dadurch selbst eine Klage innerhalb der Verjährungsfrist verhindert habe. "Die Schering AG hat Informationen über Nebenwirkungen zurückgehalten, und ihr Rechtsnachfolger kann sich daher nicht auf eine Verjährung berufen", so der Anwalt.

Ende 2010 waren Briefe aus den drei Jahren von 1967 bis 1969 bekannt geworden, die den Pharmakonzern in Erklärungsnot brachten. Darin tauschten sich britische Schering-Wissenschaftler mit ihren deutschen Kollegen über schwere Missbildungen bei Kindern und mögliche Risiken von Medikamenten aus. Die Mütter hatten den Schwangerschaftstest des Berliner Konzerns verwendet.

chs/dapd

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Missbildungen nach Hormoneinahme...
Emil Peisker 05.07.2012
Zitat von sysopIst das Hormonmittel Duogynon Schuld an Missbildungen bei Kindern, die in den Siebziger Jahren geboren wurden? Ein körperbehinderter Lehrer legt sich nun zum zweiten Mal mit dem Pharmakonzern Bayer an. Neuer Prozess um Missbildungen durch Bayer-Hormonmittel Duogynon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,842709,00.html)
Contergan ick hör dir trapsen.....
2.
bafibo 05.07.2012
Dabei gab es damals bereits einen Test, der für Mutter und Kind völlig harmlos war: weiblichen Krallenfröschen wurde Urin der Mutter gespritzt; bestand eine Schwangerschaft, fingen die Frösche an zu laichen. Für die Frösche war's vermutlich nicht so harmlos, aber die Test wurde mindestens bis in die 60er Jahre angewandt.
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Das Hormonpräparat Duogynon
Der Wirkstoff
Der Arzneistoff Norethisteron gehört zu den synthetisch hergestellten Gelbkörperhormonen und wird vorwiegend zur Empfängnisverhütung verwendet. In der Antibabypille kommt es meistens in Kombination mit dem Hormon Östrogen zum Einsatz. Norethisteron kommt auch in Arzneimitteln vor, die zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden verwendet werden. Unter dem Markennamen Duogynon wurde hochdosiertes Norethisteron in Kombination mit dem Hormon Ethinylestradiol von 1950 bis 1973 eingesetzt.
Duogynon in den Siebzigerjahren
Seit 1950 bis in die siebziger Jahren wurde Duogynon zur Behandlung von ausbleibenden Monatsblutungen eingesetzt. Außerdem diente es als Schwangerschaftstest: War die normale Monatsblutung ausgeblieben, verschrieb der Arzt seiner Patientin zwei Dyogynon-Dragees. Einige Tage nach deren Einnahme setzte bei Nichtschwangeren die Blutung ein. Blieb sie jedoch aus, war mit einer Schwangerschaft zu rechnen.
Erste Hinweise auf massive Nebenwirkungen
1967 erschien im Wissenschaftsjournal "Nature" eine Studie, in der erstmals ein Zusammenhang zwischen hormonellen Schwangerschaftstests und Missbildungen des Zentralnervensystems vermutet wurde. In den folgenden Jahren kamen weitere Studien zu dem Ergebnis, dass ein Zusammenhang zwischen der Verwendung von Hormonpräparaten während der Schwangerschaft und missgebildet geborenen Kindern besteht. Andere Studien kamen hingegen zu dem Ergebnis, dass diese Zusammenhänge statistisch nicht signifikant sind. 1970 verboten die britischen Behörden Primodos (in Deutschland Duogynon) als Mittel für den Schwangerschaftstest. Schering strich zwar daraufhin die Indikation Schwangerschaftstest in Großbritannien, nicht aber in Deutschland. Ein Jahr später warnte das kritische "Arznei-Telegramm" erstmals vor der Anwendung von Gestagen-Östrogen Kombinationen in der Frühschwangerschaft.
Mögliche Folgen
Zahlreiche Frauen, die Duogynon während der Schwangerschaft eingenommen hatten, gebaren kranke oder behinderte Kinder. Die häufigsten Erkrankungen und Behinderungen waren Wasserkopf, Missbildung der Extremitäten, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, Herzfehler und Fehlbildungen der Genitalien, offene Rücken, offener Bauch und offene Harnröhre.
Verbot in anderen Ländern
In einigen Ländern zog man Anfang der Siebzigerjahre Konsequenzen aus den Missbildungsdiskussionen: Erst zogen Schweden, Finnland, Belgien, Australien und die Niederlande Duogynon engültig aus dem Verkehr. 1978 zog Großbritannien nach und verbot das Medikament vollständig. In Deutschland dagegen empfahl man bis 1978 Duogynon uneingeschränkt als Schwangerschaftstest. Erst im März 1978 schickte die Schering AG ein Rundschreiben, indem es hieß: Nunmehr sind alle Duogynon-Formen zur Diagnose einer Schwangerschaft nicht indiziert. Im September wurde das Präparat in "Cumorit" umbenannt, auf der Packung wurde der Hinweis aufgedruckt, dass es nur bei nachweislich nicht schwangeren Frauen eingesetzt werden solle. Erst 1981 wurde das Präparat auch in Deutschland aus dem Handel gezogen. 1987 folgten Afrika, Kolumbien, Mexiko und die Philippinen.
Klagen in Deutschland
Das Berliner Landgericht hat im Juni 2012 die Klage eines Behinderten gegen den Konzern Bayer Pharma abgewiesen. Der Lehrer war 1976 mit schweren Missbildungen an Blase und Harnröhre geboren worden, die er auf das Hormonpräparat Duogynon zurückführt. Seine Mutter hatte das Mittel während der Schwangerschaft genommen. Der Lehrer hatte 50.000 Schmerzensgeld und Schadensersatz gefordert. Die Richter erklärten die Ansprüche des Klägers als verjährt.

Fotostrecke
Grafiken: Fakten zur Pharmaindustrie
Die größten Pharmakonzerne der Welt
Rang Unternehmen Umsatz (in Mrd. Dollar)
1 Pfizer 41,7
2 Novartis 36,7
3 Sanofi-Aventis 35,1
4 GlaxoSmithKline 34,3
5 AstraZeneca 33,2
6 Roche 31,3
7 Johnson & Johnson 26,9
8 Merck & Co. 25,0
9 Eli Lilly 19,6
10 Abbott 19,4
Quelle: IMS Health, Stand: 2009