Neuer Therapieansatz: Forscher heilen Alzheimer-Fliegen mit Lithium

Auch Taufliegen können an Alzheimer erkranken - sie vergessen dann, welche Weibchen sie umgarnt haben. Für Demenz-Forscher sind diese Tiere besonders wertvoll: An ihnen haben sie herausgefunden, dass die Lithium-Therapie wirksam ist. Das weckt neue Hoffnungen im Kampf gegen die Demenz.

Drosophila melanogaster: Vergesslichkeit bei der Balz Zur Großansicht
DPA

Drosophila melanogaster: Vergesslichkeit bei der Balz

Sie gelten als Hauptauslöser von Alzheimer und sind deshalb sehr gefürchtet: verklumpte Ablagerungen außerhalb der Nervenzellen im Gehirn, sogenannte Plaques, die hauptsächlich aus einem bestimmten Protein bestehen (Beta-Amyloid). Die Folgen sind verheerend, denn schrittweise führen sie zum Hirnverfall. Erst vergessen Alzheimer-Patienten die Ereignisse aus jüngerer Zeit, mit der Zeit verschwinden aber zunehmend Erinnerungen an frühere Lebensphasen.

Zwar verstehen Forscher die molekularen Ursachen der Erkrankung immer besser, an eine Heilung ist bisweilen aber noch nicht zu denken. Das gilt für den Menschen - bei der Taufliege (Drosophila melanogaster) ist das jetzt aber anders: Wie US-Wissenschaftler um Thomas Jongens von der University of Pennsylvania in Philadelphia im Fachmagazin "Journal of Neuroscience" berichten, ist es ihnen gelungen, Vergesslichkeit und erschwertes Lernen aufgrund von Alzheimer bei männlichen Taufliegen mit Hilfe von Lithium zu therapieren.

Schon länger ist bekannt, dass Alzheimer auch durch Mutationen im Erbgut ausgelöst werden kann. Diese Erkenntnisse nutzen die Forscher, um Modellorganismen mit Alzheimer zu züchten: Durch die Manipulation bestimmter Gene können sie Alzheimer in männlichen Taufliegen auslösen. Diese sind im Vergleich zu ihren gesunden Artgenossen weitaus weniger lernfähig und besitzen eine schlechteres Erinnerungsvermögen, was sich vor allem während der Balz äußert. Verhält sich ein Weibchen während der Balz abweisend und lässt sich nicht zur Paarung verführen, behalten gesunde Männchen das normalerweise lange Zeit im Gedächtnis. Es umgarnt deshalb noch Stunden danach vermehrt die anderen Weibchen, die es nicht sofort abblitzen ließen.

Sie vergessen, wen sie angebaggert haben

Ein derartiges Gedächtnis hatten ältere Fliegen mit den manipulierten "Alzheimer-Genen" jedoch nicht. Sie vergaßen bald, welche Weibchen sich zuvor abweisend gezeigt hatten. An ihnen testeten die Forscher ihre neue Therapie-Variante. Das Ergebnis: Nach der Einnahme von Lithium und anderen Substanzen, die auf die Signalübertragung im Gehirn wirken, besaßen die Tiere aber wieder die gleiche Gedächtnisleistung wie ihre gesunden Artgenossen. Bei jüngeren erkrankten Tieren trat nach der Medikamenteneinnahme die Vergesslichkeit in einem späteren Alter überhaupt nicht auf.

Die gleichen Resultate erreichten die Wissenschaftler durch genetische Eingriffe: Ähnlich wie durch Medikamente konnten so bestimmte Rezeptoren in der Erinnerungs- und Gedächtnisregion des Gehirns gehemmt werden.

"Besonders erstaunlich und für uns entscheidend sind die Resultate bei den älteren Fliegen, die bereits Symptome zeigen", erklärt Erstautor Sean McBride. Beim Menschen wird Alzheimer nämlich erst in einem fortgeschrittenen Verlauf diagnostiziert, wenn die Gedächtnisleistung bereits deutlich nachlässt. "Diese Einschränkung ist eventuell auch bei Menschen bis zu einem gewissen Punkt reversibel", hofft McBride jetzt. Vorerst wollen die Forscher ihre Resultate aber noch an Mäusen testen.

Zudem verfolgen sie eine mögliche Verbindung zwischen Alzheimer und dem Fragilen X-Syndrom, einer erblichen kognitiven Behinderung. Wie frühere Studien an balzenden Taufliegen gezeigt hatten, stellten auch bei dieser Krankheit die Einnahme von Lithium oder genetische Eingriffe die Erinnerungsleistungen wieder her.

cib/ddp

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    Seite 1    
1. ...
mbberlin 16.07.2010
Endlich Hoffnung für meine Taufliegen!
2. Lithium
heinrichp 16.07.2010
Zitat von sysopAuch Taufliegen können an Alzheimer erkranken - sie vergessen dann, welche Weibchen sie umgarnt haben. Für Demenz-Forscher sind diese Tiere besonders wertvoll: An ihnen haben sie herausgefunden, dass die Lithium-Therapie wirksam ist. Das weckt neue Hoffnungen im Kampf gegen Alzheimer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,706917,00.html
Lithium wird vor allem in der Therapie affektiver Störungen (Manien) und zur Vorbeugung von Schüben bei manisch-depressiven Psychosen angewendet. Aus seiner Wirkung schließt man auf die Funktion von Lithium im zentralen Nervensystem. Wahrscheinlich wirkt Lithium innerhalb der Nervenzellen an der Weiterleitung des Signals in der Zelle mit. Der genaue Wirkungsmechanismus von Lithium ist allerdings nicht vollständig geklärt. Auch in den Lymphknoten und im Skelett wird Lithium eingelagert, wobei aber auch hier die Funktionen nicht im Einzelnen bekannt sind. Lithium ist häufig in Mineralwasser und im Trinkwasser vorhanden. Auch tierische Lebensmittel sind reich an Lithium sowie Getreide und einige Gemüsesorten.
3. Vergessliche Taufliege?
Reformhaus 16.07.2010
Zitat von sysopAuch Taufliegen können an Alzheimer erkranken - sie vergessen dann, welche Weibchen sie umgarnt haben. Für Demenz-Forscher sind diese Tiere besonders wertvoll: An ihnen haben sie herausgefunden, dass die Lithium-Therapie wirksam ist. Das weckt neue Hoffnungen im Kampf gegen Alzheimer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,706917,00.html
Könnte ich doch auch vergessen, welche Weibchen ich umgarnt habe! Könnte das angebliche Vergessen der Taufliege nicht auch eine Lernleistung sein?
4. kein Wunderwirkstoff
kalumeth 16.07.2010
Zitat von heinrichpLithium wird vor allem in der Therapie affektiver Störungen (Manien) und zur Vorbeugung von Schüben bei manisch-depressiven Psychosen angewendet. Aus seiner Wirkung schließt man auf die Funktion von Lithium im zentralen Nervensystem. Wahrscheinlich wirkt Lithium innerhalb der Nervenzellen an der Weiterleitung des Signals in der Zelle mit. Der genaue Wirkungsmechanismus von Lithium ist allerdings nicht vollständig geklärt. Auch in den Lymphknoten und im Skelett wird Lithium eingelagert, wobei aber auch hier die Funktionen nicht im Einzelnen bekannt sind. Lithium ist häufig in Mineralwasser und im Trinkwasser vorhanden. Auch tierische Lebensmittel sind reich an Lithium sowie Getreide und einige Gemüsesorten.
WENN es denn -neben erwiesenen Magenreizungen bei hoher Dosierung- überhaupt eine signifikant vorbeugende Wirkung auf solche Krankheitsbilder hat. Stärkere manische Schübe wird es kaum, bzw. längst nicht in jedem Einzelfall reduzieren können.
5. Lithium für Kachelmann?
Sapientia 16.07.2010
Zitat von sysopAuch Taufliegen können an Alzheimer erkranken - sie vergessen dann, welche Weibchen sie umgarnt haben. Für Demenz-Forscher sind diese Tiere besonders wertvoll: An ihnen haben sie herausgefunden, dass die Lithium-Therapie wirksam ist. Das weckt neue Hoffnungen im Kampf gegen Alzheimer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,706917,00.html
Er vergaß doch auch immer, wen er zuletzt umgarnt hatte.
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