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Militärtechnologie: Stromspulen im Helm sollen Soldaten aufputschen

Von Wiebke Rögener

Neue Helme: Hirnsteuerung für Soldaten Fotos
U.S. Air Force

Höhere Aufmerksamkeit, bessere Konzentration: Stromspulen im Helm sollen Soldaten für den Krieg manipulieren. Je nach Polung der Elektroden werden die Krieger mutiger oder vorsichtiger. Oder sie lügen besser.

Wer geglaubt hat, die Zeit des Kalten Kriegs sei vorbei, wird in der Ukraine eines Besseren belehrt. Militärische Überlegenheit wird aber künftig nicht nur eine Frage der Waffentechnik sein. Das Wettrüsten wird auch im Körper der Soldaten stattfinden.

Wie die Kampfkraft der Truppe mit wissenschaftlichen Mitteln aufgebessert werden kann, berichten nun die Wissenschaftler Kenneth Ford und Clark Glymour vom Institute for Human & Machine Cognition in Florida, das unter anderem im Auftrag des US-Militärs arbeitet, im Fachmagazin "Bulletin of the Atomic Scientists". Der Titel der Studie: "The enhanced warfighter", also "der verbesserte Krieger".

Die Anforderungen an die Soldaten würden steigen, während gleichzeitig die Belastbarkeit nachließe, sorgen sich die Forscher unter Verweis auf die steigende Zahl der Selbstmorde in der US-Armee. Derzeit könnten vor allem Medikamente und Nahrungsmittelzusätze Aufmerksamkeit, psychische Stabilität und Leistungsfähigkeit steigern. In Zukunft kämen auch unmittelbare Verbindungen zwischen Mensch und Maschine oder womöglich gar genetische Eingriffe infrage.

Gerechtfertigt wird das futuristische Streben mit einem der ältesten Argumente der Militärs: Wenn wir es nicht tun, tun es die anderen. Künftige Gegner hätten gewiss keine Skrupel, Vorteile mittels Psychopharmaka oder anderen Mitteln des "Enhancements" ("Steigerung") zu erlangen.

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Das Gedächtnis ersetzen

Während einige Forscher den militärischen Einsatz ihrer Arbeit ganz selbstverständlich finden, sind andere bestürzt über solche Anwendungsmöglichkeiten. Beispielsweise der Neurowissenschaftler Chris Chambers: Als er eines Morgens sein Labor an der Universität Cardiff betrat, stand dort ein fremder Mann herum und machte sich Notizen.

Er stellte sich als Mitarbeiter eines privaten Verteidigungsunternehmens vor, schlug eine Zusammenarbeit vor und stellte Fördermittel in Aussicht. Chambers lehnte dankend ab und berichtete später in der britischen Tageszeitung "The Guardian" über die seltsame Begegnung. Sie habe ihm erst die Augen dafür geöffnet, dass seine Forschungsarbeiten zur Hirnstimulation auch von militärischem Belang sein können.

Angesichts der Erfolgsberichte aus neurowissenschaftlichen Labors, die mit Strom oder Magnetkraft das Denkvermögen ankurbeln wollen, verwundert das Interesse von Militärs indes nicht. Die Fachzeitschrift "Frontiers in Human Neuroscience" widmete den militärischen Optionen des sogenannten Neuroenhancements unlängst eine ganz Ausgabe. Die US Defence Advanced Research Projects Agency (Darpa) arbeitet derzeit gar an einem Hirnimplantat, das künftig das Gedächtnis hirnverletzter Soldaten ersetzen soll.

Weniger utopisch erscheint der militärische Einsatz von Stimulationsverfahren, die nicht-invasiv sind, also ohne Eingriff ins Gehirn auskommen: die Transcranielle Magnetstimulation (TMS) und die Transcranielle Gleichstromstimulation (tDCS).

Stimulationsverfahren fürs Gehirn
Transcraniellen Magnetstimulation
Bei der Transcraniellen Magnetstimulation (TMS) erzeugt eine kleine Spule am Kopf ein starkes Magnetfeld, wenn kurzzeitig Strom hindurchfließt. Dieser magnetische Puls induziert in der darunter liegenden Hirnregion wiederum elektrische Ströme. Folgen die Pulse rasch aufeinander - mit Frequenzen von fünf Hertz (also fünf Impulsen pro Sekunde) oder mehr - nimmt wird die Aktivität der Nervenzellen zu. Wird dagegen ein langsamerer Rhythmus angeschlagen, und die TMS-Impulse folgen nur mit einer Frequenz von höchstens einem 1 Hertz aufeinander, geht die Aktivität der Nervenzellen zurück.
Transcranielle Gleichstromstimulation
Auch das zweite Verfahren, die Transcranielle Gleichstromstimulation (tDCS) kann beides: Eine negativ geladene Elektrode (Kathode) an die Schädeldecke angelegt vermindert die Erregbarkeit der Nervenzellen, eine positiv geladene Elektrode (Anode) erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Nervenimpulse ausgelöst werden.
So zeigten Hirnforscher in Zusammenarbeit mit der U.S. Airforce, dass Elektroden am Kopf die Aufmerksamkeit steigern können: Soldaten wurden vor einen Bildschirm gesetzt, auf dem virtuelle Flugzeuge kreisten. Mit der Gleichstromstimulation reagierten die "Fluglotsen" schneller, wenn eines von ihnen in die Richtung wechselte, berichten sie im Fachblatt "NeuroImage".

Erschöpfte Kämpfer wachhalten

In einem anderen Versuch ging es darum, in virtuellen Szenerien einen Hinterhalt zu erkennen: In dieser Simulation namens "Darwars Ambush!", die US-Soldaten auf den Einsatz in Nahost vorbereiten soll, schnitten die Probanden besser ab, wenn bestimmte Gehirnregionen mit Gleichstrom stimuliert wurden. Auch die Risikobereitschaft ließ sich mit Elektroden beeinflussen - je nachdem, wie sie gepolt waren, zeigten sich Probanden mutiger oder vorsichtiger.

Magnetstimulation hilft, die Aufmerksamkeit schnell von einer Aufgabe auf eine andere umzuschalten, auch konnten Versuchspersonen glaubwürdiger lügen, wenn sie dabei von Magnetpulsen unterstützt wurden.

Forscher zeichnen bereits Karten vom Hirn, die anzeigen, wo genau Spulen oder Elektroden jeweils platziert werden müssen, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Mit Magnetspulen, die in Helme eingebaut werden, hoffen Militärforscher, erschöpfte Kämpfer wachzuhalten. Sensoren sollen Ermüdungserscheinungen registrieren und eine aufmunternde Stimulation starten.

Derartige Hightech-Helme könnten womöglich die Wachmacher-Pillen ablösen, die auf eine lange militärische Karriere zurückblicken: Schon Nazi-Generäle ließen Pervitin an die Truppe verteilen, ein Mittel mit dem Wirkstoff Methamphetamin, das Müdigkeit und Hungergefühle unterdrückt. Fatale Wirkung zeigten sogenannte Go-Pills, die die US-Luftwaffe ausgab, 2003 im Afghanistan-Krieg: Unter dem Einfluss des Aufputschmittels Dexedrin bombardierten US-Piloten kanadische Soldaten.

Ob Hirnstimulationen weniger Risiken bergen, ist keineswegs ausgemacht. Stammen die Erfolgsmeldungen der Wissenschaft doch bislang vor allem aus computerspielähnlichen Experimenten.

"Erhebliche ethische Probleme"

"Zum einen ist unklar, ob sich diese Ergebnisse überhaupt auf Alltagssituationen übertragen lassen", sagt Bernhard Sehm vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Gemeinsam mit seinem Kollegen Patrick Ragert hat er unlängst in einem Aufsatz vor dem militärischen Einsatz der Hirnstimulation gewarnt.

"Zum anderen sehen wir erhebliche ethische Probleme." Anders als bei klinischen Versuchen könnten Soldaten sich nicht frei entscheiden, ob sie sich dem Neuroenhancement aussetzen möchten. Was dieses aber längerfristig im Kopf anrichten könne, sei völlig unbekannt. Das britische Nuffield Council on Bioethics betont ebenfalls, bei Militärpersonal, das an Befehle gebunden ist, könne man kaum von einem "informierten Einverständnis" sprechen, wenn es zu Neuroenhancement-Versuchen herangezogen wird.

"Auch wissen wir nicht, was in einer realen Situation, in der es um das Leben vom Menschen geht, durch die Hirnstimulation ausgelöst wird", erklärt Sehm. So zeigten einige Experimente, dass die Verbesserung einer Hirnfunktion mit der Verschlechterung einer anderen einhergehen kann.

"Was, wenn beispielsweise die Aufmerksamkeit gesteigert wird, zugleich aber das Urteilsvermögen verschlechtert?" Kann ein Soldat, der unter dem Einfluss einer Hirnstimulation steht und eine falsche Entscheidung trifft, dafür verantwortlich gemacht werden? Solche Fragen müssten dringend unter Hirnforschern diskutiert werden, fordern Sehm und Ragert.

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1. klarer Fall von
ichbinnurich 12.06.2014
Behandlung der Symptome anstatt der Ursachen. auch wenn das andere sicherlich aufwendiger wäre. ich bin dagegen
2. terminator 2.0
natiberlin 12.06.2014
mehr als grenzwertig und in Fahrlässigkeit nicht zu übertreffen. gibt es ja heutzutage schon unvorstellbare Kriegsverbrechen. was soll kommen wenn die soldaten dann nicht mal mehr gewissen haben bzw. noch skrupelloser vorgehen, umgepolt durch den helm?
3. Stromspulen ....
hanoh 12.06.2014
... und andere Menschen machen man sich große Sorgen über "eine Gesundheit" durch Elektrosmog.
4. Traurig...
sarah2502 12.06.2014
Einfach nur traurig....
5. Gute Entwicklung!
tkrampitz 12.06.2014
Zitat von sysopU.S. Air ForceHöhere Aufmerksamkeit, bessere Konzentration: Stromspulen im Helm sollen Soldaten für den Krieg manipulieren. Je nach Polung der Elektroden werden die Krieger mutiger oder vorsichtiger. Oder sie lügen besser. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/neuroenhancement-fuers-militaer-strom-stimulation-fuer-soldaten-a-969207.html
Möge es jene Menschen schützen, die für Freiheit und Weltfrieden ihr Leben riskieren und an vorderster Front gegen den globalen Terrorismus kämpfen, um die Werte der westlichen Zivilisation zu schützen. Wenn Technik hilft, das Leben unschuldiger Soldaten und Soldatinnen, von Söhnen und Töchtern, Vätern und Müttern, zu bewahren, so sollte es auch eingesetzt werden.
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Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Gehirn: Steuerzentrale des Körpers
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.
Gehirnteile: Vorderhirn, Mittelhirn, Rautenhirn
Das menschliche Gehirn und auch das Gehirn vieler Tiere ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorderhirn, Mittelhirn und Rautenhirn. Schon bei niederen Wirbeltieren entstehen aus dem Vorderhirn (Prosencephalon) das der Nase zugeordnete Endhirn (Großhirn) und das den Augen zugeordnete Zwischenhirn. Das Mittelhirn (Mesencephalon) bleibt ungegliedert erhalten. Das Rautenhirn (Rhombencephalon) gliedert sich weiter auf in das Hinterhirn mit dem Kleinhirn und der Brücke sowie in das verlängerte Mark, das den Übergang zum Rückenmark bildet. Mit zunehmender Höherentwicklung vergrößern sich die Teile und differenzieren sich weiter.
Großhirn: Spezialität des menschlichen Gehirns
Speziell für das menschliche Gehirn ist die Größe und Komplexität des Großhirns. Die Faltung seiner Oberfläche bewirkt eine enorme Oberflächenvergrößerung, so dass es die übrigen Hirnteile überwölbt. Das Großhirn ist das Zentrum für unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten und damit für die komplexesten Gehirnleistungen. Es besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch ein dickes Bündel Nervenfasern, den sogenannten Balken, miteinander verbunden sind.
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Die äußere Schicht des Großhirns wird als Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz Cortex) bezeichnet. Sie ist nur etwa zwei bis fünf Millimeter dick und enthält die erstaunliche Menge von 10 bis 14 Milliarden Nervenzellen. Wenn Gehirne in Formalin haltbar gemacht werden, sieht die Großhirnrinde grau aus. Sie wird deshalb auch als graue Substanz bezeichnet und umgangssprachlich spricht man oft von "grauen Zellen". Der übrige Teil des Großhirns besteht aus Nervenfasern, welche die Nervenzellen mit anderen Hirnteilen verbinden. Dieser Teil wird auch als weiße Substanz bezeichnet.


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